Wie einst die Elektrizität wird sie vieles grundlegend ändern – prognostizierte einer der „KI-Väter“. Das konnte ein Anreiz sein, zu „150 Jahre Ring-Uraufführung in Bayreuth“ zu fahren: Ein mindestens achtköpfiges Team soll und will dort zeigen, was KI mit einem herausfordernden Werk wie der Tetralogie auf der Bühne leisten kann.
Ring 10010110: Die Walküre. Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Wagners Musikdramatik rettet die KI-Szene – Bayreuths „Walküre“ erreicht nur musikalisch Festspielniveau
Der erste Werkteil brachte schon die Enttäuschung, dass im „Rheingold“ die vielfältigen Schauplätze, der eine Welt bestimmende Liebesfluch und ein neues, macht-basiertes Herrschaftssystem visuell nicht innovativ gezeigt wurden. In der „Walküre“ musste nun bewältigt werden: der Zusammenbruch dieser fatalen Weltordnung und mehrfach übermenschlich große Emotionen.
Das gelang letztlich nur musikdramatisch. Wagners Entschluss, eine Weltrettung durch die ungeheuerlichste Form der Liebe, den künstlerisch überwältigenden Inzest des Zwillingspaares Siegmund und Sieglinde zu gestalten, löst eigentlich immer Begeisterungsstürme im – doch überwiegend gutbürgerlichen – Publikum aus. Die dafür komponierten außerordentlichen Gefühle breitete Dirigent Christian Thielemann zunächst eher zurückhaltend aus. Der Vorabend-Loge Klaus Florian Vogt kam als erster in einem dieser erneut exquisit hässlichen, später ihn und alle anderen fast ununterscheidbar machenden Fantasy-Kostüm: wieder meist links postiert. Seinem hellen Siegmund-Tenor gelangen die berüchtigten „Wälse“-Rufe mühelos – auch wenn es für ihn auf der weiterhin leeren Bühne weder Baum noch später Schwert gab. Im Kontrast zum Liebeszauber der wunderbar feinen Celli-Klänge stellte die inzwischen an der New Yorker Met reüssierende Elza van den Heevers Sieglinde vor allem große, leuchtende Sopran-Töne aus. Das von Thielemann mit dem jetzt zunehmend glutvoll aufspielenden Festspielorchester entfachte Liebesfeuer löste prompt zwar Jubel aus - wenn auch erstaunlich kurzen wie von dem bislang beliebig bleibenden Projektionswust ertränkt.
Der Welt-Stratege Wotan von Michael Volle war im zweiten Aufzug nur durch das musikalisch vielfach wiederholte Motiv mit einem Speer versehen. Auch die Brünnhilde von Camilla Nylund konnte waffenlos nur mit souverän strahlenden „Hojotoho“-Rufen beeindrucken. Volles überlegte Textbehandlung differenzierte mit-fühlend-denkend: sein Scheitern an der eher text-undeutlichen, vokal pastosen Fricka von Anna Kissjudit, dann seine große, selbstzerstörerische Lebensabrechnung gegenüber Brünnhilde und schließlich sein letztes Auftrumpfen vor allem Alleinsein – eine spannende Analyse eigenen Scheiterns, ja förmlich die Obduktion seines Egos.
Seit Cheréaus „Jahrhundert-Ring“ von 1976 wird die Mord-und-Trauer-Szene Wotans am und um Sohn Siegmund oft erschütternd inszeniert – gefolgt von der Auslöschung des finsteren Gegners Hunding (zu Steh-Randrolle verkleinert Kika Kares) – diesmal mit Volles wütend lautem „Geh!“ – so „a bisserl Text-Dramatik“?
Alles das fand mit wenigen Schritten hin und her als Steh-Theater statt – immer wieder in der linken Bühnenhälfte –, was im linken Parkett-Teil bis etwa Platz 10 viele Solisten gleichsam „im Off“ singen ließ … Früher hatten zumindest Assistenten dem Regisseur die Sichtachsen vorweg klargemacht.
Im ununterbrochenen, unthematischen Bilder-Fluss auf den beiden bühnengroßen Projektionsschirmen entfachte Thielemann dann vom „Walküren-Ritt“ an dramatisch fulminantes Musiktheater: Frontal schlicht aufgereihter Power-Girl-Gesang von acht szenisch nicht geforderten Walküren; Sieglindes Abschiedsüberwältigung mit dem glühenden Liebesmotiv; der schmerzlich lange Trennungskampf zwischen Vater und Lieblingstochter… von feinem Piano bis zum aufgetürmten Tutti – alles gelang – Feinzeichnung und dann voluminöser Aufwölbung – Wagnersche Überwältigungsmusik …
Leider blieb es beim enervierenden szenischen Scheitern: erneut eine nie mit Handlung, Ort oder Emotion deutend oder expressiv oder – dies bitte vor allem! – innovativ beeindruckende Projektionsflut. Dominant: leerlaufendes Vielerlei, leicht verfremdete Fotos aus früheren Inszenierungen, unbekannte menschliche Figuren, Thomas Mann (wohl wegen „Wälsungenblut“), Kolonialfotos von abgemagerten Ethnien, Wilhelm I. und anderen … Doch dann hochbefremdlich: einfach so mal plötzlich Hitlers Handschlag mit Hindenburg, später einer seiner Märsche mitsamt NS-Größen, schließlich mal ein Stahlhelm-Meer auf dem Münchner Königsplatz … so drauflos darf KI einfach auswählen? Programmierungs-Dummheit des „Kurators“ Marcus Lobbes? Inakzeptabler Umgang mit brisanter Geschichte! Dafür angemessen das Ende: prompt kurzer Sänger-jubel – und dann wirkte alles wie „Raus aus dem Nicht-Festspiel“ …
Draußen auf dem Handy eine passende Nachricht: Mitte August gibt es in Baden-Baden den „Ring ohne Worte“ unter Dirigent Daniel Harding – dorthin bitte diese Bilder-Flut – als „Deko“…!
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