The Wagner Circles
Wagnis Wagner: Wie klang der „Ring“ im Original?
Mehr Wagner geht gar nicht an einem Tag. Vormittags „Parsifal“ und „Tristan“, am Nachmittag „Götterdämmerung“. Anschließend durch die laue Maiennacht an den heimischen Schreibtisch, einen gewaltigen Klangzauber im Kopf. Das alles in Dresden, wo man sich ja einiger Richard-Wagner-Tradition rühmt. Der Leipziger Dichter-Komponist hatte sich hier schließlich als Hofkapellmeister angedient und ist somit einer der berühmtesten Vorgänger des jetzigen Chefdirigenten Daniele Gatti.
Zugegeben, vom „Parsifal“ gab’s unter dessen musikalischer Leitung nur das Vorspiel zum dritten Aufzug und den „Karsfreitagszauber“ als Auftaktmatinee zu einem Sinfoniekonzert des heute als Sächsische Staatskapelle firmierenden Klangkörpers. Gatti hatte das komplette Bühnenweihfestspiel ja erst Ende März als Neuproduktion in der Semperoper aufgeführt und somit diese weihevollen Auszüge grad bestens drauf. Aber auch „Tristan und Isolde“, woraus das Vorspiel und „Isoldes Liebestod“ zu hören waren, klang perfekt einstudiert, zum Niederknien schön. Dass dazwischen das 1. Cellokonzert von Camille Saint-Saëns mit Gautier Capuçon aufgeführt wurde, womit der Solist quasi seinen Abschied als Artist in Residence einleitete, gefolgt von Claude Debussys wogendem „La Mer“ – auch eine Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Wagner –, machte diesen sogenannten Vater- zum wirklichen Feiertag. Ein Konzert, mit dem die Sächsische Staatskapelle nun auf Europatour geht (unter anderem Barcelona, Madrid, Wien, Paris, Hamburg und Prag) und das sein Publikum in Klangwelten versetzte, die so nur selten zu erleben sind.
Mit der „Götterdämmerung“ im Dresdner Kulturpalast fand selbigen Tags am Vorabend der Dresdner Musikfestspiele deren seit ihrem fast fünfzigjährigen Bestehen wohl ambitioniertestes Großprojekt seinen (vorläufigen) Abschluss. „The Wagner Circles“, ein ebenso ambitioniertes wie vergleichsweise üppig gefördertes Vorhaben, das unter künstlerischem wie wissenschaftlichem Aspekt auf den Originalklang von Richard Wagners Zyklus „Der Ring des Nibelungen“ zielt, startete 2023 mit „Rheingold“ und überzeugte von Jahr zu Jahr mit den weiteren Teilen der Tetralogie ein internationales Publikum sowie weite Teile der Fachwelt. Was da an Wagemut, Opulenz und neuer Erkenntnis geboten worden ist, setzt Maßstäbe, an die nun angeknüpft werden konnte.
Die künstlerische Gesamtleitung teilen sich Musikfestspiel-Intendant Jan Vogler und der Dirigent Kent Nagano, seit 2019 Ehrendirigent von Concerto Köln. Dieser Klangkörper hat sich ebenso wie das wesentlich jüngere Dresdner Festspielorchester der historisch informierten Aufführungspraxis verschrieben. Die gemeinsame Gestaltung des von intensiver Forschungsarbeit begleiteten „Rings“ hat die Suche nach Solistenensembles nötig gemacht, deren Mitglieder sowohl vokale Eignung als auch große persönliche Gewogenheit mitbringen mussten. Schließlich zählen umfangreiche Vorbereitung, intensivste Probenarbeiten sowie nicht zuletzt eine diffuse Konzertplanung quer durch Europa zu den Obliegenheiten dieses mit beinahe schon halbszenischen Aufführungen verbundenen Projekts. In den kommenden Wochen und Monaten wird diese „Götterdämmerung“ in der Hamburger Elbphilharmonie, in der Kölner Philharmonie sowie beim Lucerne Festival, in Paris und in Ausschnitten beim Ravello Festival zu erleben sein.
Ob sich das Publikum dabei in die Klangwelt des 19. Jahrhunderts zurückversetzt fühlen darf, sei dahingestellt. Wesentlich ist, dass dieses Wagnis Wagners Musikverständnis oder zumindest den von ihm beabsichtigten musikalischen Vorstellungen so objektiv wie irgend möglich nachspüren soll. Die Orchestermitglieder musizieren auf Originalinstrumenten beziehungsweise Nachbauten. Darmsaiten, Naturhörner sowie die obligaten Wagner-Tuben und selbst Stierhörner sorgen für eindrucksvolle Momente. Kent Nagano leitet den gewaltigen Klangkörper unaufgeregt umsichtig, mit Hingabe und beeindruckender Präzision. Er hat das Ganze im Blick und konzentriert sich die ganzen knapp fünfeinhalb Stunden über auf den konkreten Moment, wobei er sich auf ein in dieser Zusammenstellung wohl einzigartiges Solistensensemble verlassen darf. Die überragende Åsa Jäger als ebenso kraftvolle wie dezent berührende Brünnhilde, der teils exzentrisch agierende Young Woo Kim als scheiternder Siegfried, als sein ihm emotional verbundener Widerpart Gunther Johannes Kammler, der ihnen allen den tödlichen Trump hervorkehrende Hagen des seine Hände in den Hosentaschen steckenden Patrick Zielke. Kleinste Andeutungen wirkten mitunter wesentlich präsenter als große Gesten in szenischen Umsetzungen, so zum Beispiel auch das selbstbewusste Agieren von Daniel Schmutzerhard als Alberich und die rechtens gekränkt wirkende Sophia Brommer als Gutrune. Bis hin zu den Nornen und Rheintöchtern waren sämtliche Partien – wie schon in den vorangegangenen „Ring“-Teilen – stimmlich vorzüglich besetzt. Auch der im 250. Todesjahr Johann Sebastian Bachs durch Enoch zu Guttenberg gegründete Chor der KlangVerwaltung erwies sich als exzellent. Ein weitgehender Verzicht auf Vibrato, der Mut zu Passagen in der Nähe des Sprechgesangs, der Kontrast aus geflüsterten Worten und emotional entgrenzten Ausbrüchen sowie immer mal wieder ein bewusst rollendes R in Wagners Textkosmos – all das sorgt, eingebettet in den rustikalen, von anbiederndem Pathos befreiten Orchesterklang, für unvergessliche Höreindrücke.
Ist das Projekt „The Wagner Cycles“ mit dieser gelungenen, im ausverkauften Dresdner Konzertsaal heftig bejubelten Premiere der „Götterdämmerung“ damit abgeschlossen und wird womöglich ad acta gelegt? Mitnichten. Nach der erwähnten Konzerttour wird derzeit zumindest erwogen, komplette „Ring“-Zyklen zum Klingen zu bringen, mit Wien gibt es schon handfeste Gespräche dazu. Wünschenswert und wohl auch in Vorbereitung sind zudem Veröffentlichungen der bereits entstandenen Mitschnitte und Studioaufnahmen, um mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach der Uraufführung zu dokumentieren, wie es damals geklungen haben könnte.
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