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Publikumsliebling in Donaueschingen: Simon Steen-Andersens „UR!“ schickt den sagenhaften Michael Schmid wie eine Laborratte in eine vertrackte Versuchsanordnung. 101 Jahre nach ihrer Uraufführung bleibt Schwitters „Ursonate“ aktuell. Foto: Ralf Brunner/SWR

Publikumsliebling in Donaueschingen: Simon Steen-Andersens „UR!“ schickt den sagenhaften Michael Schmid wie eine Laborratte in eine vertrackte Versuchsanordnung. 101 Jahre nach ihrer Uraufführung bleibt Schwitters „Ursonate“ aktuell. Foto: Ralf Brunner/SWR

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In Wahrheit alles Lüge

Untertitel
Dystopien bei den Donaueschinger Musiktagen 2026 · Von Rainer Nonnenmann
Vorspann / Teaser

Neue Werke, abenteuerliche Konzepte, ungeahnte Perspektiven und mediale Experimente, alternative Präsentationsformen und exzellente Aufführungen, verbunden mit intensiven Erlebnissen, aktuellen Zeitfragen, kritischen Kommentaren und erhellenden Schlaglichtern auf die gegenwärtige Lebenswelt. Die Erwartungen an Festivals neuer Musik sind immens und führen meist zu Enttäuschungen, weil sich Musik nicht mit jedem Stück neu erfinden lässt. Doch gibt es unter zwanzig neuen Kompositionen in der Regel immer zwei oder drei – wie auch jetzt bei den Donaueschinger Musiktagen –, die starke Eindrücke hinterlassen und Gedankenanstöße geben. Das wiegt alle weniger profilierten Uraufführungen auf.

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Verdinglichung

Steven Kazuo Takasugi hatte lange ausschließlich Elektronik für In-Ear-Kopfhörer zu purem Hören komponiert. Als der 1960 geborene US-Amerikaner wieder Musik für Instrumente schrieb, ließ er die Musikerinnen und Musiker auch körperlich mit Gestik und Mimik agieren. Sein jüngstes Stück „Museum Factory“ ist ebenso nüchtern wie brutal. Das einstündige Musiktheater verschränkt die Idee des musealen Ausstellens von Unikaten und Kunstwerken mit dem entgegengesetzten Prinzip möglichst effizienter Massenfabrikation. Das australische Trio Speak Perkussion bewegt sich wie ferngesteuert mit roboterartigen Repetitionsmustern als stünde es am Fließband statt an Xylophonen. Die Schlägel werden auf die Platten getippt, als gälte es Knöpfe zu drücken und die erstickten Impulse erklingen über räumlich entfernte Lautsprecher. Sichtbare Handlung und hörbares Resultat klaffen auseinander. So entsteht ein verstörendes Hör- und Sinnbild des durch stupide Fabrik- oder virtuose Musikarbeit von sich selbst und der Produktion entfremdeten Menschen.

Dass Automation zu Deformation führt, demonstriert eine Schlagzeugerin, indem sie sich Mund, Wangen, Augen, Nase eigenhändig zu grässlichen Fratzen zerquetscht und verzerrt. Die Visagen sind der blanke Horror, wie jüngst in Christopher Nolans „Odyssee“-Verfilmung, wo Circe die im Trojanischen Krieg verrohten Männer mit aller Kraft zu Schweinen umknetet. Ein zweiter Perkussionist schlägt und sticht sich mit Fingern, Fäusten, Handflächen ins Gesicht, um fleischliches Klatschen hervorzubringen. Spieler werden zu Bespielten, Gesichter zu Trommeln, Menschen zu Maschinen, Arbeiter zu Werkstoff. Hinter auf- und zuknallenden Metallklappen erscheinen die Gefangenen des kapitalistischen Systems mit stummen Schreien wie Gemarterte im schalldichten Folterkeller. Nach diesen erschütternden Bildern wirkt der Schluss dagegen aufgesetzt und unglaubhaft. Zu anschwellender Elektronik traktiert das Trio immer heftiger Metallskulpturen von Jebah Baum, als lehne man sich gegen den Zwangsapparat auf. Doch es bleibt völlig unklar, woher die Revolte plötzlich kommen und wohin sie führen soll, außer zu einem abrupt abreißenden Crescendo.

Laborsituation

Simon Steen-Andersens „UR!“ schickt den sagenhaften Michael Schmid wie eine Laborratte in eine vertrackte Versuchsanordnung. Mehrere Videosequenzen zeigen den Akteur immer wieder aufs Neue in der Künstlergarderobe des Theaters Hellerau, wo er von der Lautsprecheransage aus dem Schlaf geschreckt wird und noch eine Minute Zeit hat, um durch Gänge und Treppen zu seinem Auftritt zu eilen. Jedes Mal tritt er dann gerade noch rechtzeitig aus einem Schlitz der Videoleinwand leibhaftig auf die Bühne der Neuen Realschule Donau­eschingen und rezitiert den Anfang von Kurt Schwitters „Ursonate“ in einer elektronisch verzerrten Rapversion: „Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee“. Doch die Szenerie wird immer alptraumhafter. Plötzlich sind Türen verschlossen, Flure verstellt, fehlen Schilder, geistert ein riesiger Teddy durch den Fundus, verirrt sich der Akteur in labyrinthischen Kellerräumen, ist plötzlich an Kabel angeschlossen und sitzt gelähmt im Rollstuhl. Schwitters „Sonate in Urlauten“ ist vorgeblich das Ziel der Aufführung, tritt aber immer mehr in den Hintergrund zugunsten eines surrealen „Making of“, dem es viel grundsätzlicher um die dadaistische Situation geht, in der Sprache nicht mehr als Medium von Selbstbewusstsein, Weltverstehen und zwischenmenschlicher Kommunizieren funktioniert.

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Der 1976 geborene dänische Komponist verschachtelt Projektionen und Bühne zu einem Simulakrum. Im Video spielt Michael Schmid Klavier und singt gleichzeitig live auf der Bühne Schwitters angebliche Vertonungsversuche der „Ursonate in a-Moll“ in rasch wechselnden Stilen als Ragtime, Marsch, Melodram, Chanson sowie romantisch vor riesigem Vollmond zu Beethovens „Mondscheinsonate“. Gleichsam als göttliche Instanz meldet sich Steen-Andersen aus dem Off zu Wort. Er bricht die Theaterillusion, räsoniert über Architektur und Topografie, bittet um Geduld, weil sich der Schauspieler für den nächsten Auftritt umkleiden muss und sein kleines Schöpfungsprojekt „UR!“ nicht ganz fertig geworden ist. Die Selbstbefragung des Theaters nimmt letztlich das große Welttheater unter die Lupe. Der im Hamsterrad fortwährend gegen Zeit und Widrigkeiten anrennende Protagonist steht letztlich für die von Sinn-, Realitäts- und Orientierungsverlust bedrohte Menschheit, die wie eine kleine Labormaus im Animefilm hektisch durch ein Schwitter’sches Ready Made wuselt.

Menschheitsdämmerung

In Brigitta Muntendorfs „Last Show“ will eine KI herausbekommen, was Musik und konzentriertes Zuhören sind, weil beides durch den massenhaften Aufmerksamkeitsraub der Internetplattformen zum Aussterben verdammt sei. Das Publikum loggt sich mit Smartphones in ein Netzwerk ein und beantwortet Fragen nach Befindlichkeit, Erwartungen, Berufsfeld, Einkommen, Alter. Statt persönliche Rückmeldungen zu geben, lassen sich nur vorgegebene Antworten auswählen, deren Verteilung Balkendiagramme anzeigen: 49 Prozent arbeiten im Kulturbereich, 44 Prozent gehen mehrmals im Monat ins Konzert, 35 Prozent verdienen weniger als 25.000 Euro im Jahr. Das Ensemble Modern unter Leitung von Xixi Wang spielt minimalistisch pulsierende Passagen mit düster stampfenden Beats oder flirrend überlagerten Läufen. Sobald die Aufmerksamkeit nachlässt, soll das Publikum einen Button drücken. Den stereotypen Klängen können angeblich 98 Prozent der Befragten endlos weiter zuhören. Spätestens da kommen Zweifel auf. Die Umfrage wirkt ernst gemeint und zugleich unglaubhaft. Warum sollte eine KI solche Daten erfragen, wo die Digitalkonzerne ohnehin längst alle Bewegungsprofile von Milliarden Usern erfassen? Der Pseudocharakter scheint sich zu bestätigen, als der Server kollabiert und nur noch vorproduzierte Ergebnisse erscheinen. Der Programmabsturz ist aber real und nicht Teil des Konzepts. Statt wirklich um Zuhören geht es der „Show“ vielmehr um Festivalklientel, Musikbetrieb, Pseudointeraktion und die KI selbst. Am Ende ist das Publikum frustriert und spendet wütende Buhrufe. Die KI aber ist euphorisiert „I feel energized“. Als singende Klonstimme durfte sie „erleben“, wie es ist, Teil der Musik zu sein. Das Video zeigt dazu traumhaft schöne Novizen eines neuen Achtsamkeitsordens in buddhistisch-orangenen Gewändern, die in klösterlichen Retreats meditieren, umherwandeln, Ramensuppen essen und fantastische Ausblicke auf Dschungel und Canyons genießen. Da kullern auch KI-generierte Rührungstränen über sonnengebräunte Wangen. Nichts an dieser Science-Fiction-Dystopie ist menschlich, alles nur Schein, Lüge, Fake – eine posthumane Apokalypse.

Vielstimmigkeit

Die künstlerische Leiterin Lydia Rilling gab den Musiktagen das Motto „Polyphonien“, um musikalische Beziehungen gleichberechtigter Stimmen als „Ideal für politische und soziale Situationen“ zur Diskussion zu stellen. Im Konzert des Ensemble Resonanz unter Leitung von Enno Poppe behandelte Ann Cleare die 18 Streicher ihrer „Dream Machine“ höchst individuell und reaktiv aufeinander bezogen wie einen lebendigen Gesamtorganismus. Hauchzart schimmernde Flageoletts, mikrotonale Glissandi und Vibrati verknüpfen sich wie funkende Synapsen zu unentwegt flimmernden Gehirnströmen. Im Vergleich dazu wirkte das breitere Spektrum an Spieltechniken, Energien, Dynamiken von Rebecca Saunders’ „thirst“ effektvoller, aber auch konventioneller und weniger konzentriert, wie normale neue Musik, also strenggenommen keine neue „Neue Musik“.

Nahbar, haptisch und zugleich rituell und rätselhaft war Gwendoline Robins Performance „Coexistences #2“. Die belgische Künstlerin schuf im Museum Art.Plus mit Scheiben, Kugeln, Platten und Röhrchen aus Metall, Glas, Keramik und Stein eine sicht-, hör- und körperlich spürbare Spannung zwischen behutsamer Materialbeherrschung und unkontrollierbarem Eigenleben der Objekte. In der Alten Molkerei durften die Besucher verschiedene kleine Versuchsanordnungen zur Erzeugung von Energie, Elektrizität und Klang ausprobieren, die Yann Leguay als erster Künstler des in St. Georgen neu angesiedelten Sound-Art-Residenzprogramms „Mechanical Forests“ entwickelt hatte. Bei seinem „Filtered by Fire“ im nächtlichen Schlosspark wollte er mit lodernden Feuern die Schallausbreitung von Weißem Rauschen modifizieren, was sich jedoch kaum erschloss.

Klangkörper

Im Eröffnungskonzert des SWR Symphonieorchesters unter Leitung von Brad Lubman zeigte sich die prominente Beteiligung des SWR Experimentalstudios vor allem bei Igor C. Silvas „Tomorrow’s Next Bliss“ im Einsatz von Modularsynthesizer und im Solopart der frei improvisierenden Trompeterin Susana Santos Silva sowie in der transformierten Verstärkung von vier Orchestersolisten in Natasha Barretts „The Disenchanted Tranquility of The Kingdom“. Stefan Prins’ „Madness Machines“ ließ leider nichts vom angekündigten „Kontrollverlust“ drohender Feedbacks spüren, weil das dauerbeschäftigte Orchester alles mit noisiger Dichtmasse zuklebte und die Elektronik nur als Fixed-Media zugespielt wurde: ein eklatanter Widerspruch von kompositorischer Idee und Ausführung.

Im Abschlusskonzert wurde Chefdirigent François-Xavier Roth wie schon letztes Jahr wegen seiner 2024 publik gewordenen sexuellen Belästigungen erneut mit Pfiffen empfangen. Die vier Uraufführungen durch das ausgezeichnete Orchester dirigierte er dann freilich ganz ausgezeichnet. Den Preis des SWR Symphonieorchesters erhielt Mauro Lanza für „we’ve actually been in this place before“, eine farbenfrohe, tänzelnde, heiter bis witzige Musik. Hornist Benno Trautmann appellierte bei der Preisverleihung für den Erhalt von Kunst und Kultur, namentlich der zehn Orchester, sechs Chöre und vier Bigbands der ARD-Kulturradios, die alle zusammen jeden Gebührenzahler monatlich 43 Cent kosten. Die Musiktage waren mit 97 Prozent Auslastung nahezu komplett ausverkauft. Alle Konzerte wurden vom SWR aufgezeichnet, live übertragen, im Internet gestreamt oder versetzt gesendet, und alle sind weiter auf SWRKultur.de sowie ARD Sounds verfügbar. Genau dafür braucht es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk!

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Rainer Nonnenmann teilt direkt nach dem Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage am 16.10.2026 mit dem SWR Symphonieorchester und dem SWR Experimentalstudio unter der Leitung von Brad Lubman seine frischen Impressionen und Einschätzungen mit.

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Ein Jahrhundert nach der Entstehung der "Ursonate" von Kurt Schwitters macht sich Simon Steen-Andersen daran, die miteinander verflochtenen Lebenswege von Schwitters und seines engagiertesten Interpreten, Michael Schmid, nachzuzeichnen. Unmittelbar nach der Uraufführung schildern nmz-Redakteur Rainer Nonnenmann  sowie die nmz-Akademist:innen Joalia Ellwanger und Konstantin Schoser ihre Eindrücke und ordnen das Gesehene, Gehörte und Erlebte ein.

 

 

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Die Donaueschinger Musiktage mit einem Publikum, das nach neuen Hörerfahrungen geradezu lechzt, schienen ein perfekter Ort für ein soziales und musikalisches Experiment der Komponistin Brigitta Muntendorf zu sein. Rainer Nonnenmann und die nmz-Akademist:innen Joalia Ellwanger und Konstantin Schoser berichten, ob ihre Versuchsanordnung namens "Last Show" zu belastbaren Ergebnissen kam oder nicht. 

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Diskussion der nmz-Akademist:innen Joalia Ellwanger und Konstantin Schoser mit Rainer Nonnenmann und Bernhard Plechinger. Kamera: Evelyn Turinsky

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Inspiriert vom Percy Grainger Museum in Melbourne überträgt Steven Kazuo Takasugi Graingers Leidenschaft des Sammelns von Kuriosa auf die Bühne. In Museum Factory bewegt er sich durch die Verwendung von Skulpturen als Instrumente zwischen Bildender Kunst einerseits und einer Fabrik andererseits, in der Klänge förmlich herausgehämmert werden. Takasugi bedient sich dazu tausender Samples von Instrumenten aus der Sammlung des Grainger Museums wie auch der Mitglieder von Speak Percussion, die ihr Debüt bei den Musiktagen geben. Das Werk könnte auch Dying Factory heißen: das ironische Stöhnen und Ächzen eines Bauwerks, das angesichts zunehmender Automatisierung vor dem endgültigen Verfall steht. - 

https://www.swr.de/donaueschinger-musiktage/veranstaltung-17-10-2026-21…;

© nmzMedia/die Bildmischer

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