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Triumph sei Amor! „Orpheus & Eurydike“ mit dem Wuppertaler Pour Ensemble. Foto: Birgit Hupfeld

Triumph sei Amor! „Orpheus & Eurydike“ mit dem Wuppertaler Pour Ensemble. Foto: Birgit Hupfeld

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Warum dreht sich Orpheus um?

Untertitel
Inklusive Bühnenkultur in neuer Qualität: „Orpheus & Eurydike“ frei nach Gluck in Wuppertal und anderswo
Vorspann / Teaser

Falls Sie es noch nicht entdeckt haben: Michael Köhlmeier erzählt in der Mediathek der ARD die „Sagen des klassischen Altertums“ unnachahmlich konzise und vergnüglich. Der Erzählreigen beginnt mit Orpheus, dem größten aller Sänger und führt unausweichlich zur Frage: Warum dreht sich Orpheus um? Ja, warum? In der Gluck´schen Oper klagt Eurydike so lange „Soll ich mein Leben enden ohn’ einen Blick von Orpheus“, bis Orpheus verzweifelt zurückschaut. Also, Eurydike ist schuld mit ihrem Gejammer. Passend ist Gott Amor zur Stelle, erweckt die erneut Verblichene und fordert: „So zweifelt nie an meiner Macht!“

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Orpheus jetzt neu in Dortmund, Bochum, Köln und Wuppertal: der Bühnenboden im schwarz-weißen Zickzack, das Bühnenbild ein roter Theatervorhang bis in die Tiefe des Raumes (Bühnenbild Oliver Kostecka). In den Falten museumsgerecht vergoldete Büsten auf dünnfüßigen Ständern, die sich als Portraits der Darstellerinnen und Darsteller entpuppen. Später werden sie zum Liebes- und Sehn-suchtsobjekt: Du MEINE Eurydike. Die leere Bühne füllt sich allmählich mit 10 Personen, die, experimentell improvisierend, ihre Instrumente mitbringen, darunter Kontrabass und Basstuba. Sind alle zögernd oder gelassen hereingekommen, hereingestolpert oder hereingetanzt, erhebt der Dirigent den Stab und die Ouvertüre erklingt. Christoph Willibald Gluck in Bearbeitung für Akkordeon, Geige, Klavier. Notengetreu, vertraut, neu – und schön.

Die Zehn auf der Bühne bilden das Pour Ensemble. Dieses besteht seit 2015 in Wuppertal. Hochprofessionelle Kunst aus den Sparten Sprech-, Tanz- und Musiktheater wird in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderungen zu einer neuen hochprofessionellen Sparte, zu einer neuen Qualität inklusiver Bühnenkultur. Bekannte Namen mit bundesweiten Musik-, Tanz- und Bühnenkarrieren schaffen diese neue Qualität: Jakob Fedler, Regie – Luise Kinner, Schauspiel – Kenji Takagi, Tanz – Dorothea Brandt, Gesang – Gunda Gottschalk, Violine – Fabian Neubauer, Multiinstrumentalist – und Ute Völker , Akkordeonistin und Gründerin des Ganzen. Sie alle leben auf der Basis ihres professionellen Handwerks ihre Liebe zur Kunst, zur Improvisation und zur geistreichen Überraschung. Aus gutem Grund arbeiten sie im Pour Ensemble mit Menschen mit Behinderungen zusammen: Sie bringen deren Ausdruckskraft zur Geltung – und leben gleichzeitig genau von dieser Kraft. Eine Win-win-Situation, wie alle betonen.

An diesem Abend stellen alle ihre künstlerische Energie, ihren Geist und Witz, ihre Leichtigkeit und Kompetenz in den Dienst des Gluck’schen Orpheus. Vorlage ist der alte Klavierauszug von Doerffel/Peters. Musik und Geschichte werden gar nicht neu erzählt, sondern nur anders. Mit dem Blick auf die Welt der Emotionen, auf Sehnsucht, Verlangen, Besitz und Verlust.

Die Musik klingt auch in der oben genannten Besetzung immer komplett, sie wird erweitert durch Phasen der Improvisation. Ein Lieblingsmoment der Rezensentin: das leise Duett Lioba Ullrich, Basstuba und Dorothea Brandt, Kontrabass. Ein anderer Lieblingsmoment: Amor zaubert und verzaubert. Tim Valerian Alberti gibt Gott Amor im barock assoziierten Tutu. Der liebenswürdige Zauber, den Menschen mit Down-Syndrom manchmal haben, entfaltet sich bei Albertis Auftritt. Amor zaubert dies und das und alle Widerstände weg. Wenn er den Dirigentenstab in den Ärmel und ein Marshmallow in den Mund steckt – alles weg – breitet sich ein glückliches Lächeln im Publikum aus, das den Rest des Abends anhält.

Und der Kunstgenuss? Erhöht sich durch den Kunstgriff, dass alle alles machen, alles sind und dies und das können. Die Profis zeigen sich, die Menschen mit Behinderung ebenso. Genau mit dem, was sie können. Das Tanzsolo von Kenji Takagi wird zur Suche nach Identität – Bin ich Orpheus? Bin ich Eurydike? – und weist auf seinen Hintergrund als Ensemblemitglied bei Pina Bausch. Die Schauspielerin Luise Kinner singt und ringt als Orpheus mit den Furien, die Sopranis­tin Dorothea Brandt zweifelt arios an der Liebe des Orpheus und spielt nicht den, sondern mit dem Kontrabass. Leo Nitas dirigiert souverän im Frack und Stefan Hellwinkel singt mit so angenehmer Naturstimme das berühmte „Ach, ich habe sie verloren“, dass man den Opernsound gar nicht vermisst.

Zum guten Schluss preisen alle im Chor den Gott der Liebe: Triumph sei Amor! Und alles was da lebet schmück der Schönheit Götteraltar! Die direkte Übersetzung aus dem Französischen lässt leichter verstehen, was hier gemeint ist: Triumph! Und alles was atmet, dient dem Reich der Schönheit.

Das Loblied auf die Schönheit gestaltet das Ensemble ironisch-schön als chorische Gesangsübung: Die Melodie (Akt III, Szene III G) wird mehrfach und jeweils einen Halbton höher wiederholt. So sitzt das Publikum auch noch in den letzten Minuten der Aufführung voller Spannung da: Wo wird das enden? Ja, wo wird sie enden, diese inklusive Bühnenkultur? Im Triumph, und im Reich der Schönheit natürlich.

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