Könnte Rossinis „Italienerin“ als eine Parodie auf Beethovens „Fidelio“ durchgehen? Frau befreit Mann aus der Knechtung durch finstere Gesellen: „Nie wird es zu hoch besungen, Retterin des Gatten sein.“ Die Frau richtet es so oder so: „La donna la fa.“ Passt. So wie es passte, dass die stürmisch gefeierte Neuinszenierung dieser Oper an der Deutschen Oper Berlin just am 8. März, dem Internationalen Tag der Frau herauskam.
Rossinis L'ITALIANA IN ALGERI, Regie: Rolando Villazón, Premiere: 8. März 2026. Foto: © Eike Walkenhorst
Was ein holdes Weib errungen… Caramba! Ring frei für Rossinis „L’Italiana in Algeri“ an der Deutschen Oper en mexicano
Programmpolitik? Wohl eher richteten sich die Dinge so oder so. Ohnehin passt bei Rossini, das macht seine Perfektion aus, stets sehr viel zusammen, etwa die Ouvertüre einer Seria auch zu einer Buffa, wie beim „Barbier“. Und so passte es auch, dass der am Haus zum dritten Mal regieführende südamerikanische Buffo Rolando Villazón deren Handlung von Algier ins heimatliche Mexico verlegte. Für ganz kritische Geister: vom Umgang mit einer europäischen Kulturdominanz weg zu einem mit der US-amerikanischen hin. Was aber Rossini im seinerzeit geknechteten Italien herzlich egal wäre beziehungsweise ihm so oder so zupass käme, da es ihm weniger um den Überbau ging, als darum, die Verhältnisse durch die Entfesselung von organisiertem Chaos augenblicklich zu sprengen. Beethoven, der ganz anders Perfekte, der tiefer Schürfende, sprach daher von Rossini mit Verachtung und mit Neid zugleich: Der „brauche für die Composition einer Oper so viel Wochen, wie die Deutschen Jahre.“ Bei „L’Italiana in Algeri“ waren es drei bis vier Wochen.
Nun verlegte Villazón die Geschichte von Isabella und Lindoro, von Mustafa und Elvira, Taddeo nicht zu vergessen, von Nordafrika nach Südamerika, machte aus dem Serail ein Gym namens „Il Seraglio“, der ursprünglichen Piraterie das Wrestling-Gewerbe in dessen mexikanischer Form des Lucha Libre, aus den italienischen Sklaven Mitglieder des unterlegenen und übernommenen Konkurrenzclans „La bella Italia“. Das wollen diese zurück, Mustafa seine Frau Elvira jedoch nicht mehr, dafür aber, wie Lindoro und Taddeo auch, Isabella. Die jedoch sorgt listig selbstwirksam dafür, dass jeder das bekommt, was er soll: die Italiener „La bella Italia“, Elvira Mustafa, sie selbst, Lindoro und der ältliche Taddeo bestenfalls das Glück, bei alledem mitwirken zu dürfen. Das passte also auch. Und wenn man sich vergegenwärtigt, was für eine Arbeit und Präzision vonnöten sind, sowohl für Rossinis uhrwerkhafte Steigerungswellen, als auch für die spektakulären Abläufe im Lucha Libre, dann nimmt sich die Übertragung ins Wrestling auch ziemlich passabel aus. Im Sinne des Regisseurs und sicher auch des sich prächtig unterhaltenden Publikums könnte man diese Vergegenwärtigung frühemanzipatorischer Machenschaften auch als Faust-aufs-Auge bezeichnen, und derart geschlagen sähen wir uns wieder in unserer Welt der Nagel-, Bräunungs-, Fitness-, Kosmetikstudios und vergleichbarer Döner- oder Wellnessbuden.
Dass solcherlei Schläge sitzen, dafür sind, in der Musik wie im Kampfsport, auch mit ausreichender Vorbereitung oder Probenarbeit unvermeidlich: Taktik, Genauigkeit, Timing, Rhythmus und nicht zuletzt hohe Treffsicherheit. Was alles zuzüglich belcantistischer Stilsicherheit sich den Mitwirkenden dieser Show bescheinigen lässt: Nadezhda Karyazinas höhen-, tiefen- wie koloraturensicherer Isabella, ebenso ihrem lyrisch sanften Lindoro des jungen Jonah Hoskins. Tommaso Barea gab einen gleichermaßen jungen, angemessen viril-tumben Clanchef Mustafa, Hye-Young Moon eine trotz ehelicher Zurücksetzung mit Spitzentönen brillierende Elvira. Arianna Manganello als Zulma sowie Artur Garbas als Haly vervollständigten gekonnt das Tableau durchs genretypische dienende Personal, während Misha Kiria als Taddeo mit lässiger Virtuosität dann doch leicht über dem sehr hohen Niveau der Genannten lag. Artikulation, Phrasierung, Gestaltung, schlicht der Umgang mit dem ganzen musikalischen und szenischen Rossini-Stoff: Was die anderen sehr gut konnten, das konnte er anscheinend im Schlaf. Klar, dass bei solchen Voraussetzungen das Nies- oder Pappataci-Ensemble abgingen wie Lumpi, vollends das berühmte, lang und uhrwerkhaft sich aufwalzende Finale des ersten Akts mit seinen schier dadaistischen Bum-Tack-Cra-Einwürfen. Und wenn dann noch, last but not least, El Comandante Rambo und Pascal Spalter, die beiden Profi-Wrestler, zeitgleich ihren Fight krachend ablieferten, ja dann tobte der Saal.
Den nötigen Schwung wie die zwingend erforderliche Präzision fürs organisierte Chaos sorgte vor allem auch am Pult Alessandro De Marchi, erfahren in historischer Aufführungspraxis und Rossini gleichermaßen, mit erstaunlich knapp gezeichnetem Elan, sowie das Orchester der Deutschen Oper, trocken, leicht, mit Punch, kantabel, stets auf dem Sprung. Schier das zweite Orchester der Stadt, das alles kann, und die zahlreichen schwer-leichten Soli Rossinis (Horn, Klarinette, Piccolo usf.) sowieso. Eine Freude auch die forsch mitspielende Continuogruppe.
Alles in allem hat die Deutsche Oper mit Villazóns „L’Italiana en Mexico“ einen ordentlichen Wirkungstreffer gelandet, dessen Schlagfolge mit zunehmender Vorstellungszahl nur verrückter werden dürfte. Wer oder was auch immer wen oder was Holdes errungen hat oder eben nicht, der, die oder das sollte auch nach dem Internationalen Tag der Frau seinen, ihren Spaß haben. Arriba muchachas:os!
- „L’Italiana in Algeri“, Deutsche Oper Berlin: 11., 14., 20., 26. März und 02. April
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