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GIULIO CESARE IN EGITTO von Georg Friedrich Händel, Regie: David McVicar, Premiere: 25. April 2026. Foto: © Nancy Jesse

GIULIO CESARE IN EGITTO von Georg Friedrich Händel, Regie: David McVicar, Premiere: 25. April 2026. Das Imperium kehrt zurück: Statisterie, Giulio Cesare (Christophe Dumaux). Foto: © Nancy Jesse

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Welthändel – „Giulio Cesare in Egitto“ als koloniales Divertissement an der Deutschen Oper Berlin

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Was hierzulande in preußisch dominierten Gebieten kurzfristig die Pickelhaube, das ist den weiteren des gewesenen British Empire der Tropenhelm: militärische Kopfbedeckung und ein deutliches Herrschaftssymbol. Wer so etwas tragen konnte im sehr langen 19. Jahrhundert, das schier bis unlängst andauerte, mit dem war die Macht. Solcher Anspruch, wenn auch witzig und zwiespältig vorgetragen, wurde im angelsächsischen Kulturbereich auch deutlich wahrgenommen, als vor über zwanzig Jahren in Glyndebourne David McVicars Inszenierung von Händels „Giulio Cesare in Egitto“ herauskam.

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Zu jener Zeit also, als auch britisches Militär auf Ruf des US-amerikanischen im Mittleren Osten Despoten mehr oder minder erfolgreich niederrang, da griff McVicar tief in den Fundus des Orientalismus, um mit Khakihosen und Rotröcken, Fes und Tropenhelm, Segelschiffen und Kanonenbooten, Serails und Seekarten sowie einem Hauch von „Tod auf dem Nil“ die Gleichzeitigkeit imperialer Ungleichzeitigkeiten auf die Bühne zu bringen. Translatio imperii nannte man sowas seit dem Mittelalter, den Übergang der Reiche, von Caesars Rom zum Empire von Händels Wahlheimat bis zur Allianz gegen den Terror. Heutzutage allerdings ist das alles Staub aus dem vergangenen Jahrtausend, Europas Macht und die seiner Bilder sind verflogen wie Wüstensand.

Post festum also holte der nun scheidende Interimsintendant Christoph Seuferle, einem langgehegten Wunsch folgend, McVicars seinerzeit bejubelte Inszenierung von Händels bald 200jährigem Meisterwerk an die Deutsche Oper Berlin, wo selbst seit Olims Zeiten nichts Barockes zu sehen und hören war und wo sie ohne die welt- oder zeithistorischen Implikationen auszukommen hatte.

An der heutigen Bismarckstraße fällt einem die Pickelhaube ja auch nicht ein, und so musste die Inszenierung allein als Theater funktionieren, was sie dann doch beachtlich tat. Tropenhelm? Römerhelm? Egal. Vor allem aber dank des ansonsten Wagner, Schreker, Strauss affinen Orchesters der Deutschen Oper, das sich nun weiß Gott nicht des kratzbürstigen Duktus historisch uniformierter Aufführungspraxis befleißigte – warum auch? –, und trotzdem einen leichten, seidig-fülligen Händel-Klang servierte, vibratoarm und federnd, mit durchweg bestens aufgelegten Instrumentalsolisten, für die stellvertretend der 1. Konzertmeister auch szenisch mit Cesare ins Gesangs-Duell trat („Se in ameno fiorito prato“). Wünschenswert dabei eventuell noch, dass der Graben, halbherzig halbhoch, der Präsenz und der swingenden Continuogruppe halber durchaus hätte noch höher sein dürfen für die Dimensionen des Hauses.

Wünschenswert auf jeden Fall aber ein feinnervigeres, atmenderes Dirigat als das des italienischen Barockspezialisten Alessandro Quarta, der zu oft historisch uniform durchdirigierte und erwartungsgemäße Akzente setzte, wobei das pathetische Accompagnato „Alma del gran Pompeo“ ungerührt und die längste Arie „Per pieta“ gehetzt vorüberzogen. Allein weil der Fluss stets mechanisch wirkte und weniger organisch, ob nun tänzerisch oder singend. Und getanzt wird reichlich in der Aufführung, von Cäsars samtpfotiger Marsch-Quadrille „Va tacito e nascosto“ (mit großartigem Solohorn) bis Kleopatras „Da tempeste il legno infranto“, von Elena Tsallagova ebenso erstaunlich fuß- wie koloraturgeläufig geboten. Erstaunlich auch, weil sie bisher mit dem barocken Genre nicht viel zu tun hatte.

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GIULIO CESARE IN EGITTO von Georg Friedrich Händel, Regie: David McVicar, Premiere: 25. April 2026. Foto: © Nancy Jesse

GIULIO CESARE IN EGITTO von Georg Friedrich Händel, Regie: David McVicar, Premiere: 25. April 2026. Dancing Queen: Tänzer, Cleoparta (Elena Tsallagova). Foto: © Nancy Jesse

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Ganz im Gegensatz zu Christophe Dumaux als Cesare, der hinsichtlich der Stilbeherrschung, der Sicherheit im Umgang mit den barocken Ausdrucksmitteln und der Rhetorik mit klarem und einnehmenden Countertenor die sängerische Latte dieser Aufführung indessen sehr hoch setzte. Nicht alle kamen da heran, Tsallagovas Cleopatra dank furchtlosen vokalen Einsatzes am ehesten. Gleichermaßen überraschend der Sesto von Ensemblemitglied Martina Barioni sowie Michael Sumuels Achilla. Die anderen, auch die beiden weiteren Counter, machten das Ringen um den Stil mit theatralischen Mitteln und Coups wett, was aber auch gutes Theater abwarf.

Und das war dieses Drama um römische Briten und türkische Ägypter am Suezkanal dann doch. Zwischen Serail und Salon, mit Exotik und Erotik, Schlachtenlärm und schmachtendem Geflüster: Ein Divertissement aus dem kolonialen Zeitalter, das es heraufbeschwört und persifliert. Zugleich ein Beweis dafür, wie perfekt gefügt dieses Dramma per musica Händels ist, indem es alldem Raum gibt und es fasst.

Das Berliner Publikum, im Vergleich etwa zu dem in Zürich, Köln oder Amsterdam eher barock ent- als gewöhnt, spendete lange ungeteilte standig ovations. Die waren vielleicht weniger der perfekten Präsentation einschlägiger Idiomatik geschuldet, als womöglich einer latenten ungestillten Sehnsucht nach der so ganz anders kunstvollen Musiksprache eines uns fernen Genres. Hie wie da ist also Luft nach oben, Raum, der zu füllen wäre, was wiederum auch eine gute Perspektive abgeben kann.

  • „Giulio Cesare in Egitto“, Deutsche Oper Berlin: 28. April, 01., 03., 10. Mai, 05. und 08. Juli

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