Der Vorhang ist gefallen – doch das Theater geht weiter. Zum frenetischen Schlussapplaus trippelt der Chor auf die Bühne und hüpft nach links und rechts. Auch die anderen Protagonisten haben kleine, absurde Auftritte. Wenn Herbert Fritsch inszeniert, dann endet die Spielfreude nicht mit dem Schlussakkord. Er selbst lässt sich ganz am Ende aus der Unterbühne hochfahren, um sich für seinen besonderen „Macbeth“ am Theater Basel, wo er zuletzt Herbert Grönemeyers musikalische Komödie „Pferd frisst Hut“ in Szene setzte, mit stehenden Ovationen feiern zu lassen.
Macbeth am Theater Basel © Ingo Höhn
Wenn Herbert Fritsch inszeniert, dann endet die Spielfreude nicht mit dem Schlussakkord – Verdis Macbeth am Theater Basel
Sein „Macbeth“ überträgt die in diesem Drama mitunter überraschende Leichtigkeit von Verdis Musik auch auf die Szene, ohne dabei zu überdrehen. Heraus kommt dabei kein Historien-Klamauk à la Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“, sondern eine genau ausbalancierte Gratwanderung zwischen Komik und Tragik.
Dabei gilt Giuseppe Verdis zehnte Oper und erste Shakespeare-Vertonung aus dem Jahr 1847 als eines seiner düstersten Werke mit Hexen und Geistererscheinungen, mit Mord und Totschlag. Von einer erfolgreichen Schlacht heimgekehrt, wird General Macbeth prophezeit, dass er König von Schottland werde. Angestachelt von seiner Frau tötet er zunächst den amtierenden König Duncan – und lässt auch seinen Freund Banco und die gesamte Familie des Widersachers Macduff umbringen. Am Ende sind er und seine Frau ebenfalls tot – und Duncans Sohn Malcolm besteigt den Thron. Üblicherweise sieht man „Macbeth“ als finsteres Drama über Machtgier und moralischen Verfall. Das Liebesverhältnis zwischen Macbeth und seiner Frau wird meist vernachlässigt oder als toxische Beziehung erzählt. Herbert Fritsch (neben Regie auch Bühne und Kostüme) betrachtet das Killerpaar dagegen als normale Menschen. Bei der ersten Begegnung springt die zierliche Heather Engebretson dem viel größeren Iain MacNeil vor Freude auf den Arm. Mal hängt sie als Pendel an seinem Hals, mal schieben sie – gymnastisch durchaus anspruchsvoll – eine schnelle Nummer. Aber auch Angst und Verzweiflung zeigen die beiden Hauptfiguren: von kalter Mordlust keine Spur!
Die rot glänzende Bühne ist zugleich Hölle, Privatgemach und Showroom. Fünf hintereinander gestaffelte, sich verjüngende Bögen verleihen Tiefe. Alle atmosphärischen Veränderungen werden durch die großartige Lichtregie von Cornelius Hunziker initiiert, der auch mit fahrbaren Scheinwerfern arbeitet, Wände optisch wackeln lässt und mit Schattenspiel Dramatisches ankündigt. Licht aus – der Mord geschieht. Licht an – die Leiche liegt am Boden. Mit einfachen Theatermitteln wird Komplexes erzählt. Die Präzision der Inszenierung findet sich auch in der musikalischen Interpretation des Sinfonieorchesters Basel unter Dirk Kaftan. Schon in der Ouvertüre stellt er die Register holzschnittartig gegenüber. Hier die kreischenden Piccoloflöten, dort das scharfe, dunkle Blech, da die zitternden Streicher. Der Klarinette lässt er alle Zeit der Welt. Vor allem sorgt der Bonner Generalmusikdirektor an diesem Abend für feinste dynamische Abstufungen besonders im Pianobereich. Die tänzerischen Passagen mit den typischen Nachschlägen haben Rossinische Leichtigkeit, der Orchesterklang ist stets gut artikuliert und bestens dosiert. Das Sinfonieorchester Basel kann auch dramatisch zuspitzen, ohne dabei brutal zu werden. Nur bei ein paar Stellen hapert es ein wenig in der Abstimmung mit dem szenisch stark geforderten, stimmlich flexiblen Chor (Leitung: Michael Clark).
Macbeth trägt wie fast alle anderen ein opulentes schwarzes Kostüm – mit Pluderhose, Wams und Riesenkragen. Iain MacNeil bewältigt nicht nur alle körperlichen Herausforderungen wie Radschlagen mit größter Souveränität, sondern glänzt auch mit seinem durchdringenden, metallisch gefärbten Bariton. Heather Engebretson, als Einzige ganz in Weiß, fasziniert mit enormer Bühnenpräsenz und beweglichem, vielschichtigem Sopran: ihre Lady Macbeth wird zur Sympathieträgerin. Sam Carl gibt einen bassmächtigen Banco, Rolf Romei einen Macduff mit blödem Fransenpony und tenoraler Wucht. Großartig, wie Fritsch in der Bankett-Szene im zweiten Akt den Wechsel zwischen Ausgelassenheit und Horror, wenn Macbeth Geistererscheinungen hat, ins Bild setzt. Auch Lady Macbeths regelrecht choreographierte Schlafwandelszene im vierten Akt erhält durch den als schwarzen Harlekin auftretenden Arzt (Marius Aron) und die prachtvolle Kammerzofe (Hope Nelson) enorme Theatralik. Am Ende wird der trottelige, ständig seine Krone verlierende Malcom (Ervin Ahmeti) zum König gekrönt. Und das Volk fällt zur Siegeshymne in Ohnmacht. Ob das noch was wird in Schottland?
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