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Seth Carico, Gloria Rehm. Foto: © Thomas M. Jauk
Seth Carico, Gloria Rehm. Foto: © Thomas M. Jauk
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Wir sind „WIR“ – Sarah Nemtsovs fünfte Oper in Dortmund uraufgeführt

Vorspann / Teaser

Verkehrte Welt im Theater Dortmund: Das Publikum sitzt auf der Bühne, die Handlung spielt überwiegend im Zuschauerraum. Nur das Orchester sitzt da, wo es üblicherweise hingehört: im Graben. Ein Teil der Handlung spielt sich auch direkt coram publico auf der Bühne ab, dahinter befindet sich ein zumeist lichtdurchlässiger Spiegel, der gelegentlich in den Schnürboden hochgefahren wird. Ist er aber unten, starrt das Publikum fortwährend sich selbst an, was gerade vor Beginn der Uraufführung von Sarah Nemtsovs Oper „WIR“ ein ungewohntes Bild abgibt: Das Publikum als Beobachter seiner selbst.

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Die Umkehrung der räumlichen Situation ist freilich kein Coup oder Gamechanger, darauf sind andere auch schon gekommen. Sie ließe sich aber programmatisch deuten, denn in Nemtsovs fünfter Oper „WIR“ geht es um eine anonyme, totalitäre und dystopische Gesellschaft, in der das Kollektiv alles und das Individuum nichts bedeutet. Grundlage ist der gleichnamige, 1922 vollendete Roman von Jewgeni Samjatin, der in der englischen Übersetzung von Oleg Krokhalev die Textgrundlage für die von Eva-Maria Höckmayr inszenierte Oper bildet. Netsov hat daraus ein gut zweistündiges Werk mit fünf Akten gemacht, das in Dortmund ohne Pause durchgespielt wird.

Das Ergebnis ist zweifelsohne faszinierend, hat allerdings auch Längen. So lässt sich die Handlung trotz Übertiteln kaum nachvollziehen, wenn man sie nicht vorher im Programmheft nachgelesen hat. Vieles ist sehr abstrakt, wird symbolistisch überhöht dargestellt und wird mit geradezu ritueller Präzision zelebriert. Über weite Strecken wird gar nicht gesungen. Dann laufen traumhafte Sequenzen zu eindrucksvollen Bildern ab. Das ist – wie auch die abstrakten Namen der Protagonisten – einerseits beeindruckend und ebenso wie die Kostüme von Julia Rösler ein Symbol für die Uniformität der Gesellschaft. Andererseits erleichtert es nicht immer die Nachvollziehbarkeit.

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Sprechchor Dortmund. Foto: © Thomas M. Jauk
Sprechchor Dortmund. Foto: © Thomas M. Jauk
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Hinzu kommt, dass der Zuschauerraum in Dortmund wirklich groß ist. Sehr groß. Da er vom obersten Rang bis zum Graben vollständig bespielt wird, ist es aufgrund der Größe der von Fabian Liszt gestalteten „Bühne“ und der Entfernungen teilweise nicht immer einfach nachzuvollziehen, wer gerade wo singt. Eindrucksvoll sind die entstehenden Bilder aber durchaus, nicht zuletzt weil mit Statisterie, Opernchor (Einstudierung: Fabio Mancini), dem Sprechchor Dortmund und Mitgliedern der Dortmunder Bürger*innenOper ein Großaufgebot an Akteuren beteiligt ist, die überall im Opernhaus platziert sind und eindrucksvoll choreographiert agieren. Das ist Raumtheater im besten Sinne.

Hinzu kommt Sarah Nemtsovs Musik, die eher geräuschhaft und eine Kette von aufeinanderfolgenden Klangereignissen ist. Dunkel und bedrohlich dräut es zuweilen aus dem Orchestergraben, regelrechte Klangeruptionen und -ballungen werden dort herausgeschleudert, angereichert mit E-Gitarre und elektronischen Zutaten. Melodiöse oder gar ariose Momente gibt es nur höchst selten, dennoch lässt sich das gut über zwei Stunden lang anhören, da die Musik die dramaturgische Spannungskurve nachvollzieht, ja mitträgt. Diese Musik hat zum einen einen bedrohlichen Aspekt, der sich mit dem dystopischen Ansatz der Story deckt, zum anderen ist sie klanglich so fein abschattiert und vielschichtig, dass man des Zuhörens nicht müde wird. Die Dortmunder Philharmoniker leisten da unter dem ebenso präzisen wie souveränen Dirigat von Michael Wendeberg wirklich Großartiges und leuchten Nemtsovs facettenreiche Partitur in all ihren von wolkig-sphärisch bis brutal und bedrohlich reichenden Abtönungen aus.

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Seth Carico, Natascha Valentin. Foto: © Thomas M. Jauk
Seth Carico, Natascha Valentin. Foto: © Thomas M. Jauk
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Die Besetzung bringt Nemtsovs Dystopie-Oper ausgezeichnet auf die Bühne. Seth Carico als D-503 und Gloria Rehm als I-330 füllen ihre Charaktere sängerisch wie schauspielerisch mit großer Präsenz. Es sind ebenso schwere wie umfangreiche Partien, archaische Melodieinseln in einem tönenden Tohuwabohu, aber hier greifen Musik, Text und Schauspiel wirklich ideal ineinander. Auch Daegyun Jeong als R-13 und David DQ Lee als alles überragender und bestimmender „Wohltäter“ füllen ihre Partien ebenso wie Sooyeon Lee (O-90), Ruth Katharina Peeck (U-86), Sungho Kim (S-4711 / 2. Arzt), Morgan Moody (Der kleine Doktor) und Natascha Valentin (Alte Frau) in jeder Hinsicht brillant aus. Und so bleibt WIR trotz mancher Längen doch als beeindruckender und nachdenklich stimmender Musiktheaterabend in Erinnerung.

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