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Tod – allüberall! Foto: © Bettinna Stoess

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„Wir vernichten, was wir lieben“ – Pascal Dusapins „Penthesilea“ in Hannover

Vorspann / Teaser

Eigentlich will man mit dem ganzen Kriegsgeschehen auf der Welt nichts zu tun haben – gut, dass es uns (außer an der Zapfsäule) nicht persönlich betrifft und man es sich nur mehr oder weniger freiwillig im Fernsehen anschauen kann, darf oder (weil Mitbewohner tagesschausüchtig sind) muss. Dann aber kommt die Staatsoper Hannover daher und belästigt uns mit Pascal Dusapins Oper „Penthesilea“ – einem Kriegsspektakel allerfeinster und gleichzeitig brutalster Machart. Brauchen wir das wirklich? Ja, denn es holt uns ganz persönlich rein in das Kriegsgeschehen – ohne Mattscheibe und mit der Urgewalt von Tönen. Nur was man kennt, kann man bekämpfen!

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Vorspiel auf dem Parkplatz. Nach einem verzweifelten Parkmanöver steigt eine ältere Dame aus ihrem Obere-Mittelklasse-Wagen. Fein gekleidet – Opernbesucherin. „Das wird heute schwere Kost“, sagt sie zu ihrer Beifahrerin (ebenfalls älter und obere Mittelklasse). Der Journalist in mir fragt, bevor er angefangen hat zu denken: „Gehen Sie in die Oper? Was gibt es denn heute?“ Antwort: Penthesilea von Hölderlin. Das kannte ich bisher gar nicht. Habe mal ein wenig hineingelesen. Schwierig! Und in die Musik habe ich auch schon mal hineingehört – schrecklich modern!“ – „Warum gehen Sie dann hin?“, entfleucht es mir. – „Wir haben ein Abo, das ist schon bezahlt. Das können wir doch nicht verfallen lassen.“

Bereits auf dem Parkplatz sind wir mitten in den vielfältigen Problemen des Stückes. Es gehört zu den selten gelesenen Werken von Henrich von Kleist (natürlich nicht Hölderlin!). Als Kleist Ausschnitte daraus 1808 an Johann Wolfgang von Goethe schickte, schrieb dieser zurück: „Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie ist aus so einem wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region, dass ich mir mehr Zeit nehme muss, mich in beide zu finden.“ Hatte Friedrich Schiller Kleist zugestimmt, als dieser ihm 1897 schrieb: „Der Tod des Achill scheint mir ein herrlich tragischer Stoff.“, war Kleist über Goethes Reaktion sicher wenig erfreut. Die Uraufführung fand erst gut 60 Jahre nach Kleists Tod, 1876 im Berliner Schauspielhaus statt.

Der Stoff um Achill(es) und Penthesilea geht auf die griechische Antike zurück. Kleist geht mit den Begebenheiten dort allerdings sehr frei um. Das hat Tradition – schon in den antiken Schriften wird die Frage, wer wen wann und wie getötet und begraben hat, durchaus unterschiedlich dargestellt. Kleist entscheidet sich letztlich dafür, dass Penthesilea und ihre Hunde des Achilles zerfleischen.

Worum geht es in Kleist Penthesilea? Es herrscht Krieg zwischen den Amazonen und den Griechen. Im Zentrum steht die Amazonenkönigin Penthesilea, die einen (modern gesagt) Samenspender sucht. Männer spielen bei den Amazonen keine andere Rolle, kommen letztlich nicht vor. Das Gesetz der Amazonen schreibt einer Amazonenkönigin vor, dass sie sich die „Liebe“ eines Mannes auf dem Schlachtfeld erkämpfen muss. Es kommt zu einem Kuddelmuddel: Sie besiegt ihn, fällt in Ohnmacht, erwacht aus dieser und meint er habe sie besiegt, daraufhin gibt Achilles vor, er sei ihr Gefangener, es kommt zu einem kurzen Moment von Nähe, dann enthüllt Achilles, dass sie seine Gefangene sei, Achilles flieht und fordert später Penthesilea ein weiteres Mal zum Kampf. Er kommt ohne Waffen zum Kampf, wird aber (aus Versehen?) von Penthesilea erschossen und von ihr und den Hunden zerfleischt.

Schlachtfeld

Um diese sehr persönlichen, teils intimen Szenen, tobt das Kampfesgetümmel. Die ganze Oper spielt auf dem Schlachtfeld. Diese musikalische Nähe von Krieg (oder einfach auch nur Gewalt) und Liebe ist nicht erst seit Claudio Monteverdis achtem Madrigalbuch (Madrigali guerrieri e amorosi) von 1638 bekannt. Bereits in der Antike ist dieses Thema auch außermusikalisch bekannt. – Der Komponist Pascal Dusapin, dem die Staatsoper Hannover seit dieser Spielzeit eine „dreijährige intensive Auseinandersetzung“ widmen will, beschreibt den Stoff der Penthesilea mit den Worten „monströs“ und „Brutalität“.

Der Musikwissenschaftler Harry Halbreich hatte Dusapin Ende der 1970er Jahre vorgeschlagen, „eine Musik zur Schlussszene von Kleists Penthesilea zu schreiben“. Dusapin vermutet, dass Halbreich „in meinen frühen Kompositionen etwas ziemlich Barbarisches gefunden und deshalb gedacht habe [muss], ich könne es mir erlauben, mich dieses Themas anzunehmen. […] Obwohl mich dieses Werk sofort fasziniert hatte, muss ich zugeben, dass ich bei der ersten Lektüre gar nichts verstand. Und doch hatte sich mir schon da die Frage der Grausamkeit geradezu unwiderstehlich aufgedrängt.“

Brutalität

Dusapin habe Jahrzehnte damit verbracht, den Text zu vergessen, berichtet er. „Der Grund, warum ich mich vor einigen Jahren dazu entschloss, eine Oper ausgehend von Penthesilea zu schreiben, war die Notwendigkeit, mich dieser Brutalität zu stellen. Bereits vor 10 Jahren erwähnt Dusapin: „So ermöglicht mir das Schreiben einer Oper, meine Besorgnis über die Welt zum Ausdruck zu bringen.“ Er denkt dabei an seine Vertonung von Heiner Müllers „Medea“ angesichts des Krieges in Bosnien. Über seine Penthesilea sagt er mit Worten von Christa Wolf (ebenfalls von 2015): „Wir vernichten, was wir lieben – das ist auf eine allgemeine Formel gebracht, die Aussage der Penthesilea. Recht genau scheint diese Formel auf unsere Zeit zu passen.“

Eigentlich kann man sich den Besuch der Penthesilea in Hannover sparen, bietet sie doch von Handlung und multimedialem Bühnenbild nur geringfügig anderes, als wir tagtäglich in den Fernsehnachrichten aus der Ukraine, dem Iran und anderen Brandherden dieser Welt sehen. Vielleicht ist es aber gut, dass der Bildschirm fehlt und auf der Bühne lebendige, atmende, denkende und fühlende Menschen – fast in der Reichweite der eigenen Hände – Krieg „spielen“. Diese Nähe bringt uns den Wahnsinn hinter der Mattscheibe um gerade dieses Stück näher, das man braucht, um zu verstehen. Vielleicht sollte man alle Politiker, die Menschen in den Krieg schicken, öfter an Kriegsschauplätze – ersatzweise Dusapins Penthesilea – schicken, um ihren (!) Wahnsinn wirklich begreifen zu können.

Aussichtsloses Ende

Eines aber ist anders. Der Geräuschpegel in der Oper ist nicht von eintöniger Kriegsmaschinerie und einstürzenden Bauten geprägt. Dusapin malt hier mit Tönen und einer großen Batterie von Schlaginstrumenten, eine weniger eintönige als eindrückliche, das Ohr reizende akustische Kulisse. Liest man über den einleitenden Tönen der Harfe in der Partitur noch die Worte „comme un chant d’enfant“ (wie ein Kinderlied) – einen eindrücklichen Hinweis auf das Leben an sich –, so tobt das Orchester geradezu in einem vorwiegend von Blechbläsern und Schlagwerk geprägten totbringenden Krieg hinein.

Stephan Zilias, dessen Verpflichtung in Hannover zum Ende dieser Spielzeit ausläuft, führte Orchester und Solisten (Penthesilea: Katrin Wundsam, Achilles: Peter Schöne, Prothoe: Olga Jelínková) souverän durch die Partitur und das Wirrwarr von Stimmen, Situationen und Emotionen. – Am Ende, so beschreibt es der Regisseur Lorenzo Fioroni, endet der Krieg nicht mit einem Sieg. „Uns interessiert deshalb nicht so sehr der äußere Konflikt, sondern die Frage: Was passiert mit einem Menschen, wenn Gewalt zu etwas Innerem wird?“ Sind die vielen realen Kriege Ausdruck dieser stärker werdenden inneren Gewalt?

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