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Ensemble. Foto: © Bettina Stöß

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Wo Poesie zu Klang wird: Brittens „Sommernachtstraum“ am Theater Münster

Vorspann / Teaser

Hochzeitsfeiern generieren Rekordumsätze und die Durchschnittsdauer von Beziehungen schrumpft. Eine äußerst riskante, aber erfolgversprechende Gegenmaßnahme zeigt die Regisseurin Cordula Däuper am Theater Münster in Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“. Golo Berg stößt mit dem Sinfonieorchester Münster in die durchsichtigen Abgründe der Partitur vor: Feines Zusammenspiel aus farbiger Leichtigkeit und existentiellem Ernst.

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Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ nach William Shakespeares um 1596 entstandener Komödie ist ein erstaunliches Stück mit Kristallisationen, welche die romantische Liebe nur scheinbar in Frage stellen und der von Eva Illouz konstatierten Verfallstendenz „Warum Liebe endet“ im Spätkapitalismus viel näher scheinen. Nie wurden die aus der domestizierenden Etikette hervorbrechende Gier nach wildem, hemmungslosem, leidenschaftlichem Sex mit derart zarter, effektvoller, vielzüngiger Detaillust in Musik gesetzt wie von dem schwulen, seine päderastischen Neigungen nicht auslebenden Komponisten und dabei für eine lebenslange Partnerschaft kompetenten Benjamin Britten.

Am Theater Münster drehte die Regisseurin Cordula Däuper jetzt den Wahrnehmungsspieß um. Sie näherte sich Brittens im Uraufführungsjahr 1960 fast verwegenem Kokettieren mit queeren Subtexten aus fraulicher Perspektive. Am Ende sind Streiteskalation und Ausbruchsturbulenz überwunden. Die beiden Paare Lysander und Hermia, Demetrius und Helena wiegen ihre Babys glücklich und mit nur ganz leichtem Verdruss in den Armen. Denn den „horror matrimoniae“ – ihre Eheangst – haben sie intensiv durchlebt und im Mittsommernachtstraum gründlich ausgeschwitzt. Ihr Partnerschaftsfriede entsteht aus dem Wissen um die Brüchigkeit von Konventionen und menschlichem Anstand. Durch Brittens Verkürzung von den fünf Akten Shakespeares auf drei gibt es nur die Schauplätze des Zauberwalds von Oberon und Titania und die plärrend protzige Hochzeitsfeier in Athen. Eigentlich verzichtete Britten auf alle Szenen mit Alltagsflair und -geplänkel.

Gerade daraus zieht die Inszenierung am Theater Münster sanften Humor, spielerischen Reiz und etwas Drastik, aber keinen überfrachtenden Ernst. Die heteronormativen Aspekte geraten wie zur Uraufführung vor 66 Jahren deutlicher als die queeren Wurzelstränge, welche Britten in fluffigen Humus verbuddelte. So bleibt die Neigung der heimlichen Hauptfigur Zettel zum Mithandwerker Squenz kaum merkbar. Gregor Dalal weiß aber in dieser zentralen Partie mit der Stimme immer weitaus mehr auszudrücken, als das Zettel verordnete Kulturbeamtenoutfit nach außen hergibt. Sophie du Vinage zeigt in ihrer Ausstattung mit sehr britischen Assoziationen die Bürgerträume von einer Hochzeit in Weiß mit neugotischer Kapelle an einer kaum gefährlichen Waldlandschaft. Du Vinage setzt sinnfällig einen Theaterrahmen unter das Bühnenportal, der sich im Kleinen auf der Drehbühne mit assoziativ eindeutigen Moos-Feuchtgebieten wiederfindet. Pink und Bambus sind die vorherrschenden Farben – und das Blutrot nach den partnerschaftlichen Mordphantasien mit Hackebeil. Aus dem Theaterkinderchor Gymnasium Paulinum kommen die Soli für die Elfen. Deren präraffaelitische Rothaarpracht könnte nur zu gut auch ins Bordell passen.

Britten als intellektuell auffrisierter Bellini

Farben, Formen und Brittens schillernd schöne Musik über Shakespeares magischen Versen und Metaphern sagen generell mehr als die sich sorgfältig an Text und Situationen vorwärts tastende Personenregie. Da war Walter Felsensteins Muster-Inszenierung vor fast 50 Jahren gefährlicher und auch poetischer. Däuper zeigt einen Wechsel zwischen Konvention und Enthemmung. Aber sie verabschiedet sich nur zu offensichtlich von einem früheren Menschenbild, das zwischen sozialer Fassade und innerem Abgründen zermürbt. Die Elfenkönigin Titania bleibt sogar im Sexrausch ein bisschen gouvernantenhaft und setzt dabei leuchtende Töne (Marie-Dominique Ryckmanns). Der Elfenkönig Oberon erscheint als dekorativer Geselle, ist gleichermaßen Trauvater und Waldschratt (mit betörendem Potenzial zu mehr Gefährlichkeit: Aleksandar Timotic). Der vom royalen Elfenpaar Titania und Oberon beidseitig begehrte Lustknabe wird zur wandelnden Blumendroge ohne eigenen Willen. Dem sprichwörtlichen Elfenkobold Puck nahm man jede Menge Text weg und machte ihn – was für ein Freudscher Lapsus in Sachen Wunsch nach absichernder Kontrollierbarkeit – zu einem Spielleiter mit Laptop und Headset. Thomas Halle wirkt eher wie ein Vertrauen erweckender Supervisor als ein burlesker Quertreiber. Das ermöglicht allerdings suggestive und nur selten eine korrekte Zitierpraxis anwendende Übertitel. Das Rüpelspiel der einer gereiften Boy Group vom Schlag Village People ähnelnden Handwerker (viril, minimal queer, nett: Kihoon Yoo, Youn-Seong Shim, Kiyotaka Mizuno, Suhyeok Kim, Yoogeon Hyeon) wird zur „nervtötenden Komödie von Pyramus und Tisbe“.

Im Rang des Außerordentlichen

Ganz wunderbar das etwas wichtigere Paar: Garrie Davislim als Lysander und Wioletta Hebrowska als Hermia singen Britten, als sei dieser intellektuell auffrisierter Bellini, was zu einer ganzen Reihe beglückender Höhepunkte gerät. Das sind nicht die einzigen Momente, wo Britten in durchaus romantischem Sinne zum kongenialen Komplizen Shakespeares wächst und damit über die harmoniesüchtigen Beschönigungen von Mendelssohns Schauspielmusik hinweggleitet. Elisabeth Freyhoff als Helena denkt wenig über den Hochzeitstag hinaus, Johan Hyunbong Chois Demetrius ist und bleibt ein netter Junge. Dominic Barberi (Theseus) und Yixuan Zhu (Hippolyta) füllen ihre Starlet-Allüren mit der richtigen Dosis Outriertheit vor.

Wie man ein magisches Wunderstück macht

In den Rang des Außerordentlichen wächst diese Produktion durch das Sinfonieorchester Münster unter Golo Berg. Bei dieser Partitur gibt es nur zwei Möglichkeiten: Starker Drive unter Verzicht auf Deutlichkeit aus Brittens inhaltsintensiver Partitur – oder ein bedächtiger Puls mit Achtsamkeit für farbliches Feintuning, irisierende Effekte zwischen Singstimmen und Brittens sagenhaften Details der Instrumentation. Man hört aus dem Orchestergraben alles: die wischenden Streicher im Zauberwald, die hypnotische Begleitung in den Soli Oberons oder Brittens Retro-Italianità in der Komödie mit den Belcanto-Krokodilstränen zur aus Ovids Metamorphosen ins Huldigungsspiel gebrachten Moritat von Pyramus und Tisbe. Golo Berg lässt sich Zeit, macht aus der von Britten durch Gesten und Klangsignaturen überfütterten Oper ein magisches Wunderstück. Das beinhaltet Aufforderungen zum genauen Zuhören, weil aus den Klängen zu einem Satz sich gleich ein anderer Kosmos von Sinn, Sinnlichkeit und Begehren auftut.

Es bleibt dabei: In wohl kaum einer Partitur wurde das Ringen um blanke Lust und brave Verdrängung in so überirdisch feine Regulative gebracht wie in Brittens „Sommernachtstraum“. Auch auf der Bühne des Theaters Münster wurde Poesie zu Klang, weil hinter den Figuren durch den Orchesterschleier eine lüsterne, schöne, nachsichtige Poesie blitzt. Insgesamt ein starker Theaterabend.

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