Hätte Michel Friedman Stefan Herheims „Parsifal“ aus dem Jahr 2008 vor Augen gehabt, dann hätte sein Satz, dass die Auseinandersetzung des Hauses Wagner mit den Schattenseiten seiner Geschichte jetzt (!) beginne, keinesfalls so apodiktisch ausfallen können. Auch gleich zwei „Meistersinger“-Inszenierungen, nämlich die von Katharina Wagner (2007, noch als ihr Vater der Herr des Hügels war) und die von Barrie Kosky (2017), stehen überzeugend an der Seite dieser Geschichtsaufarbeitung.
Als Christoph Schlingensief mit seiner ganz eigenen „Parsifal“-Welt 2004 den Grünen Hügel in Aufruhr versetzte, ging seine offensive Weltoffenheit mit ästhetischem Revoluzzertum Hand in Hand. Aber auch die von manch einem wenig geschätzte Inszenierung von Uwe Erik Laufenberg hatte eine avanciert politische, weil religionskritische Pointe.
Das aktuelle Bühnenweihfestspiel erreicht weder die politisch kritische noch die ästhetische Ambition seiner Vorgänger. Und dennoch – diese Produktion spricht für die Experimentierfreude der Festspielleitung. Da es die zum ersten Mal im Festspielhaus erprobte Blickerweiterung für einen Teil der Zuschauer durch Augmented-Reality-(AR)-Brillen jetzt nicht mehr gab, steht die Inszenierung sozusagen nackt und bloß für sich und vor aller Augen. Nur mit den live gedrehten, vergrößernden Videos als Zugabe. Dadurch ist dieser „Parsifal“ bühnenästhetisch so etwas wie eine Brücke zwischen dem nüchtern klaren „Holländer“ und dem laufenden KI-„Ring“.
Die Gralswelt ist ein nüchtern abstraktes Irgendwo, mit seltsamen Ritualen. Vor Klingsors Schloss dominiert zunächst betonierte Nüchternheit. Vom Inneren des Schlosses sieht man nur einen lasziv rot ausgeleuchteten Ausschnitt. Den Zaubergarten imaginieren einschwebende, knallbunte Kulissenelemente, in denen sich die Blumenmädchen tummeln und sich wie Bacchantinnen benehmen. Waren schon die übergroßen Einblendungen der Wunde von Amfortas ein optisch abstoßendes Blutbad, so hat Klingsors weibliches Personal keine Skrupel, mit abgerissenen Köpfen ihrer Opfer zu spielen.
Um den Hokuspokus mit dem Speer drückt sich die Regie. Parsifal nimmt sich das verbogene Teil einfach und schon verschwinden die bunten Kulissen. Das dritte Bühnenbild macht aus dem Gral so etwas wie ein Mahnmal einer zerstörten Umwelt. So recht ist dem Wasser im Grals-Tümpel, der im ersten Aufzug noch wie ein Jungbrunnen für Titurel (neu in dieser Partie: Vitalij Kowaljow) gewirkt hatte, nicht mehr zu trauen. Ein verrottet wirkendes Abbaugerät hier, ein umgestürzter Obelisk da. Der aufsteigende Neonleuchtring als Gralsenthüllung funktioniert aber noch. Am Ende überleben außer Titurel alle. Irgendwie. Auf dem Weg irgendwohin geht Kundry schon mal voran. Es ist wohl in erster Linie die magische Musik und ihr Sog, die das Publikum zum herzlichen, aber dann doch auch enden wollenden Beifall animierte. Der szenischen Umrahmung fehlt dafür eigentlich Stringenz oder Magie.
Georg Zeppenfeld in seiner Paraderolle als Gurnemanz und Michael Volle, der sich mit zwei phänomenalen Wotanporträts an den Vortagen für den Amfortas quasi warmgelaufen hat, sind beides Musterbeispiele fürs klar artikulierte und sinnlich gesungene Wagnerwort. Sie sind die wirklichen Zierden des Abends. Andreas Schager gönnt seinem Publikum in der Titelpartie lobenswerterweise zwar vermutlich den größten Teil seines Jahreskontingentes an leisen Tönen, testet aber ansonsten unbeirrt aus, wie weit man den reinen Toren auf dem heldentenoralen Hochseil balancieren lassen kann. Abgestürzt ist er natürlich nicht, schwindlig wird einem beim Zuhören von unten dabei aber zuweilen schon.