Vor 85 Jahren ist das „Quartett für das Ende der Zeit“ von Olivier Messiaen uraufgeführt worden. In einem Kriegsgefangenenlager der Deutschen Wehrmacht! Dort hatte der französische Komponist sein großartiges Werk vollendet.
Olivier Messiaen 1978. Foto: WDR
Zum Jahrestag eines Quartetts: Gedenken an Olivier Messiaen
Seit 2008 erklingt das „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen jährlich am 15. Januar genau dort, wo es entstanden und uraufgeführt worden ist. Der französische Komponist und Organist vollendete dieses Ausnahmewerk im Kriegsgefangenenlager Stalag VIIIA am Stadtrand von Görlitz, wo er gemeinsam mit Tausenden Häftlingen aus vielen Ländern Europas interniert gewesen ist.
Dieser Ort der Entstehung einer im Grunde unbeschreiblichen Musik wurde seitdem mehr und mehr wiederentdeckt und zu einer Stätte des Erinnerns und der Mahnung erhoben. Seit genau zehn Jahren lädt dort, auf nunmehr polnischer Seite des Grenzflüsschens Neiße im heutigen Zgorzelec, das Europäische Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur zu Konzert, Lesung und Ausstellung ein. Ein „geheiligter Ort“, wie es der 2015 verstorbene Albrecht Goetze als Initiator dieses Gedenkens mal formulierte.
Dass just zum zehnjährigen Bestehen dieses Gebäudes neben dem inzwischen wieder sorgsam gepflegten, mit mehrsprachigen Schautafeln und imposanten Metallskulpturen versehenen Lagergeländes das traditionelle Gedenkkonzert nicht auf polnischer, sondern auf deutscher Seite in Görlitz stattfinden musste, lag an erforderlich gewordenen Baumaßnahmen. Exakt 85 Jahre nach seiner Uraufführung erklang das Quartett an einem kaum minder symbolträchtigen Ort, im Kulturforum Görlitzer Synagoge.
Messiaens Musik wird in jedem Jahr von einem anderen Ensemble aufgeführt, diesmal wurde das Baltic Neopolis Virtuosi geladen mit Emanuel Salvador, Violine, Jean-Marc Fessard, Klarinette, Adam Kloczek, Violoncello, sowie Fanny Azzuro am Klavier. Unter der güldenen Kuppel ergoss sich das Quatuor eindrucksvoll in den Raum, beinhaltete gleichermaßen Trost und Berührung wie auch Sorge und Beängstigung. Der Aufführung vorangestellt wurde das 1938 entstandene Kammerstück »Contrasts« von Béla Bartók, ein zu diesem Anlass absolut passendes Kontrastprogramm. Ort und Datum gemäß ist dem emotionalen Tiefgang des Vortrags mit ergriffener Stille und anschließendem Zuspruch begegnet worden.
Das zur festen Tradition gewordene Konzert des Quatuor pour la fin du temps ist zugleich Auftakt für die seit dem vergangenen Jahr ins Frühjahr verlegten Messiaen-Tage, die diesmal vom 1. bis zum 3. Mai ausgerichtet werden und neben diversen Konzerten ein vielfältiges Programm mit Ausstellung, Podiumsdiskussion, Werkstattgespräch und nicht zuletzt geführten Fahrradtouren zum Thema nationalsozialistischer Zwangsarbeit in und um Görlitz.
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