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Das Gringolts Quartet mit Reto Bieri. Foto: Liron Erel/Mizmorim Basel

Das Gringolts Quartet mit Reto Bieri. Foto: Liron Erel/Mizmorim Basel

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Zwischen Krieg und Frieden

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Beim „Mizmorim“-Festival in Basel lautete das Motto diesmal „Jerusalem“
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Diese Stadt ist ein Phänomen. Als Heimat von drei monotheistischen Weltreligionen ist Jerusalem eine Weltkulturstätte im wahrsten Sinn. Auf sie beziehen sich Judentum, Islam und Christentum, und genau das macht Jerusalem seit jeher auch zu einem Pulverfass. Fanatische Kräfte der drei Religionen beanspruchen Jerusalem jeweils allein für sich, und das zieht sich durch die Geschichte. Dabei ist der Name der Stadt eigentlich ein Plädoyer für friedliche Koexistenz, jedenfalls berührt er das hebräische Shalom und arabische Salam.

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Beides meint Gesundheit, Frieden, auch Gruß. In dieser Lesart ist Jerusalem die „Stadt des Friedens“, doch die Realität ist leider eine andere. Wer Jerusalem besucht, stößt auf allen Seiten vor allem auf das Trennende, Spaltende, Teilende, auf Ausgrenzung und Abschottung. Dass es auch anders sein kann und in der Geschichte schon anders war, das war die zentrale Mission der „Jerusalem“-Edition beim Kammermusik-Festival „Mizmorim“ in Basel Ende Januar. Gleichwohl war das Festival am stärksten, als auch Schmerz, Trauer und Verzweiflung erfahrbar wurden.

Das galt nicht zuletzt für die Werke von Samir Odeh-Tamimi. Der palästinensisch-israelische Komponist, einst Student von Younghi Pagh-Paan in Bremen, ihrerseits Witwe von Klaus Huber, reflektiert oftmals in seiner Musik die Konflikte in seiner Heimatregion. Für ihn sei Jerusalem vor allem eine „Stadt der Verbote“, so Odeh-Tamimi beim moderierten „Mizmorim“-Finalkonzert. Für säkulare, liberale Köpfe und Kräfte ist Jerusalem tatsächlich ein äußerst schwieriges Pflaster. Da gibt es wenige langfristige Perspektiven, kaum konstruktiven Dialog.

Auch deswegen wähnt man sich in Jerusalem in einem dauerhaften Belagerungszustand, ein kulturell-reli­giös vermintes Gebiet. Der Frieden ist äußerst fragil hier, alles wird schnell zum Politikum. Wer schon vor Ort das wunderbare „Jerusalem International Chamber Music Festival“ von Elena Bashkirova besucht hat, weiß von dieser höchst angespannten Atmosphäre in der „Stadt der Verbote“. Odeh-Tamimi macht das in seiner Musik mit geradezu niederschmetternder Ehrlichkeit hörbar.

In Werken wie „Eine Erinnerung für das Vergessen“ für Klavier mit Bambus-Röhren und China-Becken von 2006 oder „Lim-Umm-Kámel“ für Flöte, Klavier und Schlagzeug wird diese Wahrheit buchstäblich herausgeschlagen (eindrücklich am Klavier: Daniel Borovitzky). Da klaffen tiefe Furchen im schmerzlichen Getriebe, eine fast schon archaische Urgewalt bricht herein, wie man sie vielleicht nur auch von der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja kennt. Wie berichtet wurde, gab es im Vorfeld des Festivals auch Rückmeldungen, ob die „Jerusalem“-Ausgabe eine einseitige Propaganda betreiben wolle.

Das Gegenteil war der Fall, und dafür stand nicht zuletzt die schonungslos ehrliche Musik von Odeh-Tamimi. Heute komponiert er freilich anders als damals in seinen dreißiger Jahren, der Nahost-Konflikt bleibt aber virulent – direkt oder indirekt. „Ich suche das, was uns als Menschen kulturell verbindet und nicht was uns trennt“, betonte Odeh-Tamimi Ende 2023 auf Nachfrage. Nur wenige Wochen zuvor war der Nahost-Konflikt erneut eskaliert, nach den Terror-Anschlägen in Israel am 7. Oktober 2023.

Die Ereignisse haben Odeh-Tamimi in eine „tiefe Depression“ fallen lassen. Auch beim diesjährigen „Mizmorim“-Festival war zu spüren, wie sehr alle Ausübenden aus der Nahost-Region bis heute mit diesen Gefühlen kämpfen, und die Situation scheint gegenwärtig so ausweglos wie schon lange nicht mehr. Auch die diesjährige „Mizmorim“-Edition wurde von der Realität eingeholt. So mussten die Musiker Taisser Elias und Menachem Wiesenberg ihre Auftritte absagen, weil sie einen möglichen Luftschlag der USA auf den Iran und den Ausbruch eines Kriegs in der ganzen Region befürchteten.

Sie wollten nicht riskieren, nicht mehr nach Israel zurückreisen zu können. In dieser Situation war es programmatisch außerordentlich klug, im Rahmen des „Mizmorim“-Festivals auch die 100. Geburtstage von Morton Feldman und György Kurtág zu würdigen. Die stille, entschleunigte Reduktion, mit der Feldman und Kurtág fragmentarische Klang- oder Motiv­partikel stets wandeln, bildeten einen wohltuenden Kontrast zur allgemeinen, ultrahocherhitzten Geschwätzigkeit unserer Zeit. Offene Fragen wurden da in den Raum gestellt, intensiv ausgestaltet vom Gringolts Quartet, Reto Bieri (Klarinette) und Borovitzky. Natürlich wurden bei „Mizmorim“ auch Lieder oder Psalms präsentiert, die die Schönheit und das große Erbe Jerusalems verklären – oder die genau damit hadern und ringen. Darunter waren auch Vertonungen von Exilanten wie Paul Ben-Haim oder des von den Nazis vertriebenen Stefan Wolpe. Die wohl ergreifendsten Worte vertonte jedoch der englische Renaissance-Komponist Thomas Tallis. Jerusalem weine bitter, und niemand tröste diese Stadt, heißt es in seinen „Lamentations of Jere­miah the Prophet“.

„All ihre Freunde haben treulos an ihr gehandelt, sind nun ihre Feinde.“ Wer die konkrete kulturell-religiöse Konnotation ausklammert, stößt auf den eigentlichen Kern dieser Aussage. Demnach begeht Verrat an das schier unermessliche kulturelle Erbe dieser Stadt, wer spaltet und nicht eint. Diese Worte sind Mahnung und Verpflichtung zugleich. Im nächsten Jahr wird das „Mizmorim“-Festival dreizehn Jahre, und da könnte es sich um die Geige als jüdisches Kultursymbol drehen. Die Aufführung der einaktigen Kammeroper „Rotschilds Geige“ von Benjamin Fleischmann wäre da absolut ein Gewinn.

Der russisch-jüdische Komponist ist im Zweiten Weltkrieg gefallen. Seine Kurzoper, eine Vertonung der gleichnamigen Erzählung von Anton Tschechow, wurde von Dmitri Schostakowitsch vollendet und orchestriert. Der Stoff spielt in einem osteuropäischen Schtetl, in dem Juden und Nichtjuden zusammenleben – zunächst konfliktreich, bald versöhnlich.

Das passt perfekt zur generellen, verdienstvollen Mission des „Mizmorim“-Festivals.

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