Michaela Fridrich: Musik unvermittelt. Eine Utopie, edition text + kritik, München 2025, 128 S., € 22,00, ISBN 978-3-96707-738-4
Michaela Fridrich: Musik unvermittelt. Eine Utopie, edition text + kritik, München 2025, 128 S., € 22,00, ISBN 978-3-96707-738-4
Michaela Fridrich: Musik unvermittelt. Eine Utopie, edition text + kritik, München 2025, 128 S., € 22,00, ISBN 978-3-96707-738-4
Der Musikbetrieb, wie er sich heute darstellt, kann nicht mehr so weitermachen wie bisher. Ein zunehmendes Desinteresse an klassischer Musik, knapper werdende finanzielle Zuwendungen der öffentlichen Hand und verknöcherte Hierarchien erzwingen, so die Münchner Musikjournalistin Michaela Fridrich, einfach eine Veränderung. Die Pandemie habe viele Probleme an einen kritischen Punkt gebracht, aber seitdem, so ihre Kritik, gelte wieder business as usual.
Ihr schmaler Band ist eine einzige, aus Wut und Verzweiflung geschriebene Attacke auf die „strukturellen Missstände im Klassikbetrieb“. Im Visier hat sie vor allem das öffentliche Konzertwesen, zum Teil auch den Opernbetrieb. Als langjährige Begleiterin von Veranstaltungen des Bayerischen Rundfunks kann sie ihre Kritik mit vielen plausiblen Argumenten untermauern.
Was sie kritisiert, ist heute eigentlich Allgemeingut: Im Klassikbetrieb dominieren seit urdenklichen Zeiten eingefahrene Strukturen und Hierarchien, was den Betrieb unbeweglich und starr macht, woran aber von den Verantwortlichen aus oft rein egoistischen Motiven eisern festgehalten wird. Die Spitze der Hierarchie sei nach wie vor fast immer weiß und männlich; nur wenige Frauen sind entgegen allen Bekundungen in Spitzenpositionen zu finden. Das Repertoire, so ihre Kritik weiter, konzentriere sich nach wie vor auf das 18. und 19. Jahrhundert; neuere Musik, die doch die Lebenswelt der Menschen im 20. Jahrhundert spiegele, werde kaum gespielt.
Skandalös seien die wie Staatsgeheimnisse gehüteten Vergütungen von Intendanten und Dirigenten in einem mitunter siebenstelligen Bereich, denen darüber hinaus die Möglichkeiten gegeben werde, durch zahlreiche Gastspiele mit Honoraren, die mitunter einem „normalen“ Jahresgehalt entsprechen, ihre Einkommen weiter aufzubessern. Die viel größere freie Musikszene krebse dagegen mitunter an der Armutsgrenze. Gleichzeitig aber gerierten sich gerade die bekanntesten Vertreter des Betriebs in „arroganter“ Weise als moralische Instanz und Hüter des Wahren und Schönen, unfähig, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen. Der Musikbetrieb, so Fridrichs Fazit, sei eine reine Klassengesellschaft; ihr bissiger Vorwurf: „Man hält weiterhin an den alten, brüchig gewordenen Utopien und Mythen der klassischen Musik fest, beschwört ihre nach wie vor unbewiesenen segensreichen Wirkungen und entwirft düstere Szenarien, sollten Kürzungen seitens der Kulturpolitik die Möglichkeiten der geförderten Institutionen beschneiden“.
Auch den Bemühungen der Musikvermittlung stellt sie ein ziemlich desillusioniertes Zeugnis aus; Wer hier tätig ist, sagt sie, renne sich nur zu oft an den eingefahrenen Hierarchien des Betriebs fest. Dabei werde überall viel gemacht; zahlreiche Orchester haben Education-Programme aufgestellt, fast überall gibt es Konzerteinführungen und für ein junges Publikum spezielle Programme. Aber auch das bleibe, so die Autorin, vielfach an der Oberfläche. Musik müsse sich heute viel stärker an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, ihnen das Gefühl geben, in der Musik ihre Gegenwart zu finden; auch müsse sie die erreichen, die nicht so leicht Konzerte aufsuchen können.
Michaela Fridrich: Musik unvermittelt. Eine Utopie, edition text + kritik, München 2025, 128 S., € 22,00, ISBN 978-3-96707-738-4
Für den Leser ist der so temperamentvoll geschriebene Text zunächst einmal ansteckend. Und vieles ist einem ja aus der Seele gesprochen, spürt man doch auch als Außenstehender, wie sehr die starren Hierarchien im Betrieb diesen wenig sensibel für neue Herausforderungen machen. Und die wie Staatsgeheimnisse gehüteten Bezüge des Spitzenpersonals wirken inzwischen wahrlich anachronistisch; Opernaufführungen an den großen Häusern sind heute oft mit auswärtigen und teuren Gästen besetzt (Ensemble-Intendanten wie Sellner, Pischner oder Horres lassen grüßen!).
Anderen Punkten mag man nicht gleich folgen: Die Forderung der Autorin, Konzertprogramme müssten mehr Musik der neuesten Zeit bringen, da diese die Lebenswelt der Menschen spiegele, verkennt die Vorlieben des Publikums. Musik von Lachenmann, Stockhausen oder Olga Neuwirth, man mag es bedauern, füllt nun mal keine größeren Säle.
Grundsätzlich sehen sich heute alle Einrichtungen der sogenannten „Hochkultur“ mit einem schwindenden Publikumsinteresse konfrontiert, seien es Konzerte, Theater oder Opernhäuser. Wie darauf zu reagieren ist, wird angesichts einer unaufhörlich wachsenden digitalen Welt schon bald zu einer Existenzfrage. Vermutlich gibt es nicht die eine Antwort, wahrscheinlich sind viele kleine Schritte bei der Erprobung neuer Vermittlungsformen nötig, um wenigstens einige der hier so bitter beklagten Hindernisse aus eigener Kraft aus dem Weg zu räumen.
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