Christoph Hein: Das Havelberger Konzert. Bach-Novellen, Insel Verlag, Berlin 2025, 77 S. €16,00, ISBN 978-3-458-19555-9
Christoph Hein: Das Havelberger Konzert. Bach-Novellen, Insel Verlag, Berlin 2025, 77 S. €16,00, ISBN 978-3-458-19555-9
Fürsten und andere Scharlatane rund um Bach
Wie überraschend: Christoph Hein galt über die Jahre hinweg als einer der besten Dokumentaristen ost- und gesamtdeutscher Gegenwart. Zuletzt bewies er das 2025 in seinem 750-Seiten-Roman „Das Narrenschiff“, einem fulminanten Abgesang auf die DDR. Gleich darauf unternahm er jedoch einen Ausflug in die musikalische Vergangenheit barocker Zeiten. Pünktlich zum Leipziger Bachfest hat der 81-jährige Suhrkamp-Autor ein ebenso originelles wie lesenswertes Bändchen in der Insel-Bücherei publiziert, das sich in fünf Novellen auf nur 80 edel gestalteten Seiten mit Johann Sebastian Bach beschäftigt. Überraschend gewiss auch für Bach-Liebhaber und -Kenner.
Kernpunkt der Textsammlung ist das titelgebende „Havelberger Konzert“, das allerdings nie real stattgefunden hat, da der einstige Thomaskantor und vormalige Hofkonzertmeister ebenso stolz wie selbstbewusst genug gewesen ist, für Fürsten keine Musik zum Nulltarif zu verfassen, wie 1716 vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. anlässlich eines Adelstreffens in diesem Städtchen gewünscht.
Bachs Begegnung mit dem dortigen Bürgermeister schildert der Autor so: „Sie sind ein Musicus, wenn ich es recht verstand?“ – „Hofkonzertmeister und Hoforganist zu Weimar sowie Cembalist und Violinist.“ – „Ah ja. Und was, wenn ich fragen darf, machen Sie beruflich?“
Einquartiert wurde er auf einer Pferdestation, als Honorar sollte „die hohe Ehre, für das hochherrschaftliche Treffen eine Komposition beizusteuern“ ausreichend sein. Bach lehnte ab, seine für diesen Anlass viel zu kostbare Komposition floss später in die „Brandenburgischen Konzerte“ mit ein, die freilich im anhaltischen Köthen entstanden sind.
Christoph Hein: Das Havelberger Konzert. Bach-Novellen, Insel Verlag, Berlin 2025, 77 S. €16,00, ISBN 978-3-458-19555-9
Christoph Hein wendet sich in seiner literarischen Preziose Bachs biografischen Nebenwegen zu. Ein bekennender Liebesbrief der Cousine Maria Barbara, Bachs erster Ehefrau, eröffnet das Büchlein mit sprachlich sanftem Duktus. Fortgesetzt wird es mit einer ziemlich perfiden Geschichte um Weimarer Herzöge, die ihren Familienstreit machtbewusst zu Lasten der Allgemeinheit austrugen – mit Konsequenzen für den „Kammer-Musicus und Hoforganisten Bach, der sich nicht vorschreiben lassen wollte, für wen er musiziert und komponiert – außer für Gott“. Er verließ Weimar in Richtung Köthen und wurde 1723 Thomaskantor in Leipzig. Zwist gab es auch späterhin, als Bach in die Konflikte knausrig-spendabler Obrigkeiten geriet, die durchaus „wunderliche“ Ansichten hinsichtlich künstlerischer Kreativität gehabt hatten und eine „musikfeindliche, wie Bach sagte“ Schulordnung durchsetzen wollten. Um die Söhne der reichen Bürgerschaft in die Reihen der Thomaner aufzunehmen, mussten wesentlich begabtere Bewerber von auswärts abgewiesen werden. Bürgermeister Adrian Steger äußerte sich höchst abfällig über Bach: „Es tut dieser Kantor nicht nur nichts, sondern er will sich auch diesfalls nicht erklären.“
Christoph Hein, der für seine Bach-Geschichten nicht minder gründlich recherchiert hat wie für den geschichtsreichen Roman „Das Narrenschiff“, hat hier zu gewählt stilisiertem Ausdruck gefunden, um das Zeitkolorit widerzuspiegeln. Die Lektüre versetzt uns situativ tatsächlich in die Epoche der Handlungen und nährt historisches Verständnis. Unter den geschilderten Umständen sollten Künstler nicht arbeiten müssen. Umso größer der Respekt, den auch Christoph Hein unterschwellig zum Ausdruck bringt, vor dem Bachschen Kosmos.
Im Finale dieses Insel-Bändchens treffen „Bach und der Charlatan“ [sic!] aufeinander, ein tragisch erblindender Komponist, der das Augenlicht für sein Tun benötigt, und ein englischer Okulist namens John Taylor, der „als Scharlatan und Marktschreier mehr Blinde als Sehende gemacht habe.“ Ein Vierteljahr später war der größte Thomaskantor aller Zeiten tot.
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