Philipp Ther: Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs, Suhrkamp, Berlin 2025, 562 S., € 32,00, ISBN 978-3-518-43246-4
Philipp Ther: Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs, Suhrkamp, Berlin 2025, 562 S., € 32,00, ISBN 978-3-518-43246-4
Heim ins Österreich?
Ab dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts, als die streng bipolare Ordnung zumindest des globalen Nordens bröckelte und frischere Luft die Vorhänge zaghaft wehen und Mauern leicht reißen ließ, da kam „Mitteleuropa“ abermals als Zauberwort auf für ein längst vergessenes Dahinter und Dazwischen: von Salzburg bis Klausenburg, von Fiume bis Brody, als Sehnsuchtshort der Künste und Kulturen.
Vor allem in der Literatur und vor allem durch den Triestiner Autor und Literaturwissenschaftler Claudio Magris. Erstaunlicherweise kommt jedoch Magris in dieser neuen musikalischen Kartographie ehemals habsburgischer Länder von Philipp Ther nicht vor, und auch nicht nennenswert die Literatur Kakaniens, die, bei Musil etwa und um Musil herum, dieses überhaupt erst herbeigeschrieben hatte. Was schade ist, denn die Musik hat explizit kaum dazu beigetragen, ein imaginäres Habsburg in ähnlich umfassender Größe in Töne zu fassen – wenn man vom „Habsburg-Pop“ (Ther), also Walzer und Militärmusik, einmal absieht.
Zeiten und Räume
Denn anders als bei der „französischen“ oder der „italienischen“ Musik, wo bei allen Unterschieden sich jeweils charakteristische Züge durch die Zeiten hinweg ausmachen lassen, die, von Rameau bis Debussy, von Monteverdi bis Verdi übergreifend und verbindend sind – und von den Musikern selbst so gesehen wurden –, so existiert eine „Habsburgische Musik“ nicht. Während Italienische und Französische Oper jeweils identifizierbar und mithin unterscheidbar waren und sind, sind analoge stilistische Integrale für Zeiten und Räume etwa zwischen Biber und Bruckner, Fux und Schönberg phantastisch. Und gerade deswegen ist es schade, dass die Literatur bei Ther so gar nicht zu Worte kommt. Musils „Möglichkeitssinn“ etwa, der dem Geschwisterpaar Ulrich und Clarisse im „Mann ohne Eigenschaften“ den Möglichkeitsraum für das eröffnete, was sein könnte, ihr „Tausendjähriges Reich“ alldessen, was in der Realität nicht ist. Heterogenes, Komplexität, Coniunctio oppositorum, eben das in aller Gegensätzlichkeit Verbindende. Ther, der „die Geschichte eines Staates und einer Gesellschaft über musikalische Quellen, […] anhand von Musikstücken und eigener Forschungen“ erzählen will, setzt, obwohl er auf Haydn und Mozart, Beethoven und Schubert eingeht, genaugenommen zu dem Zeitpunkt an, da die Habsburgermonarchie im Zuge der 1848er-Revolutionen mit Lombardo-Venetien, Parma oder der Toskana gut die Hälfte ihres musikalischen Wurzelwerks verliert: Italien, dem es etwa mit dem Hofpoeten Pietro Metastasio beziehungsweise dem Hofkapellmeister Antonio Salieri die wohl wirkmächtigsten Reichskünstler verdankte. Musikalisch sollten „Weltösterreich“ (Musil) bis 1918 aber immer noch Ungarn, Böhmen, Mähren und die sogenannten Kernlande verbleiben. Und stets gab es, siehe Beethoven oder Brahms, auch noch Zugezogene.
Schubert und Škroup
Das Uneinheitliche, Widersprüchliche, eines Stils Entbehrende am musikalischen Möglichkeitsraum Habsburgs zu umreißen, das gelingt Ther dann doch mit einem beinahe positivistischen Aufwand an Quellen, etwa im Doppelporträt von Franz Schubert und František Škroup aus dem Biedermeier Metternichs. Auch wie immer wieder Musikerinnen in eine recht misogyne Männerwelt auf- und wieder abstiegen – von Marianna Martines und Josepha Auernhammer bis Dora Pejačević und Alma Mahler –, ist ein lesenswertes Beispiel kakanischer Coniunctio oppositorum. So auch die multiethnischen Ursprünge des sogenannten Wiener Walzers und der Polka, einer populären Tanzmusik in der Schwebe zwischen Affirmation und Aufruhr. Auch liest man angesichts der Liebe Hans Richters, des ersten Bayreuther Ring-Dirigenten, zur Musik der Familie Schrammel nicht ohne Verwunderung über eine ebenso un-wagnerische wie un-preußische Stilbreite.
Philipp Ther: Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs, Suhrkamp, Berlin 2025, 562 S., € 32,00, ISBN 978-3-518-43246-4
Zuweilen stößt man auf die eine oder andere steile These, so auf die über die Entstehung der Programmmusik und der sinfonischen Dichtung aufgrund der Sprachenvielfalt des Reiches und deren Substituierung durch Musiksprache. Auch kommt die Vielschichtigkeit des Habsburgischen im Anti-Habsburgischen, so bei Liszt, Smetana und Bartók, vielleicht ein wenig zu kurz bei deren Heimholung. Gegensätzliches stehen zu lassen, gehört zu einem Phantasiereich aber dazu.
Auf jeden Fall macht das Buch zahlreiche Hörbeispiele größenteils unbekannten Repertoires zugänglich, mit dessen Erwerb man zugleich ein dreimonatig kostenloses IDAGIO-Konto bekommt, um über im Text gesetzte QR-Codes die jeweils besprochenen Tonbeispiele streamen zu können. Derart optimiert für die neuen Medien, hätte man Thers Buch ein hingebungsvolleres Lektorat gewünscht – in Österreich immerhin nominiert als Wissenschaftsbuch 2026. Der Autor liebt sichtlich die Musik, ist aber nicht wirklich vom Fach, und manche idiomatische Verrenkung hätte man ihm ersparen können, wären denn Suhrkamps lektorierende Faktenchecker heute noch so berüchtigt wie die aus Frankfurter Zeiten – was aber die Lektüre des phantasiereichen Buchs nicht wirklich beeinträchtigt.
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