Andrea Schwab: Hilde Loewe alias Henry Love. Die Wiener Komponistin, Pianistin und Liedbegleiterin. Biografie und Werkverzeichnis, Hollitzer Verlag, Wien 2025, 192 S., € 35,00, ISBN 978-3-99094-616-9
Andrea Schwab: Hilde Loewe alias Henry Love. Die Wiener Komponistin, Pianistin und Liedbegleiterin. Biografie und Werkverzeichnis, Hollitzer Verlag
Lange unerhörte Töne
Anton Karas und sein Zither-„Dadadam“-Thema im Film-Klassiker „Der dritte Mann“ von 1949 sind weltberühmt. Bis heute nennt der Film-Abspann aber nicht, dass das gleichfalls zu hörende Harry-Lime-Thema „Das alte Lied“ nicht von Karas stammt. Fast sechs Jahre Urheberrechtsstreit mussten vergehen, bis ganze 100 Englische Pfund – damals etwa 260 US-Dollar oder 1.100 DM – an die Komponistin überwiesen wurden: an die inzwischen in New York verheiratete Hilde Loewe-Flatter alias Henry Love.
Dahinter steckt mehr als der leider allzu häufige Kultur-Vernichtungsmechanismus der Nazis. Klugerweise war die hoch- und vielfältig begabte, schöne junge Frau jüdischer Abstammung schon 1934 nach England übersiedelt – verehrt, begehrt und geschätzt in der künstlerisch blühenden und champagnergleich pulsierenden Wiener Kunstszene nach dem ersten Weltkrieg. Aber selbst dann: Frau und künstlerische Hochbegabung? Eher etwas für den Salon…
Andrea Schwab: Hilde Loewe alias Henry Love. Die Wiener Komponistin, Pianistin und Liedbegleiterin. Biografie und Werkverzeichnis, Hollitzer Verlag
Andrea Schwabs schmales Büchlein bringt nun eine kleine Wiedergutmachung. Schwab ist selbst Sängerin und mit Loewe-Love-Kompositionen aufgetreten – was man dem Buch anmerkt: da schreibt keine Musikwissenschaftlerin oder Kulturhistorikerin; es scheint mit seinen mehrfachen Überschneidungen und Dopplungen aus einzelnen Aufsätzen und nicht im Schreibzusammenhang entstanden. Doch Literaturangaben und Anmerkungen ermöglichen eine Vertiefung: denn Schwab breitet mit vielen Einzelheiten den kulturellen Reichtum der in dieser Hinsicht wienerischen „Goldenen Zwanziger“ aus. Speziell der Bereich der sogenannten „Leichten Muse“ erlebte da ja eine Blüte, deren Niveau nie mehr erreicht wurde. Zunächst wird die klassische Konzertpianistin Hilde Loewe zu einer Figur in Wien. Nebenbei komponiert sie und gibt ihre zugänglich „leichten“ Lieder, Chansons und Schlager unter dem Pseudonym „Henry Love“ heraus – für die Wiener Presse natürlich ein „Fressen“, sie zu enttarnen. Ab 1924 musiziert sie mit vielen Größen der damaligen Szene. Als dann das Radio Unterhaltungsmusik und Tanzrhythmen ins Wohnzimmer bringt, ist sie endgültig populär – „Das alte Lied“ von 1927 wird nach einer Theateraufführung von Sacha Guitry auch von Raoul Aslan bis Richard Tauber gesungen, die damalige Columbia bietet einen ersten Plattenvertrag und das Lied wird nach dem „dritten Mann“-Film ein Evergreen, den von Rudolf Schock bis Peter Schreier nahezu „alle“ im Repertoire haben.
Doch schon ab den späten 1920er Jahren durchwuchert der Antisemitismus das öffentliche Leben auch in Österreich. So entschließt sich die mit dem Maler Otto Flatter glücklich verheiratete „Henry Love“, 1934 nach London zu emigrieren. Mit Hilfe englischer Künstler-Freunde gelingt auch dort ein – wenn auch bescheidener – neuer Lebensabschnitt, während eine Wiener Größe, Fritz Löhner-Beda, der „Dein ist mein ganzes Herz“, „Ball im Savoy“ oder „Giuditta“, aber eben auch „Das alte Lied“ textete, 1942 in Auschwitz ermordet wird. Diesen hell-dunklen Ausschnitt aus dem damaligen Musikleben herauszuarbeiten, ist mitsamt seinen Medien-Hinweisen das zentrale Verdienst des Büchleins.
Weiterlesen mit nmz+
Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.
Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50
oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.
Ihr Account wird sofort freigeschaltet!