Elena Yakovich: Zu zweit. Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch, Jaron Verlag, Berlin 2025, 120 S., Abb., € 20,00, ISBN 978-3-89773-185-1
Elena Yakovich: Zu zweit. Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch, Jaron Verlag, Berlin 2025, 120 S., Abb., € 20,00, ISBN 978-3-89773-185-1
Leben mit Schostakowitsch
Über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch sind schon viele Bücher geschrieben worden, unterschiedliche Bücher über eine nach wie vor faszinierende Künstlerpersönlichkeit, die in bedrohlichen Zeiten gelebt und ein vielseitiges Werk hinterlassen hat – angefangen mit den nach wie vor umstrittenen „Memoiren“ aus der Hand von Solomon Volkov (1979) über die Biografie „Sein Leben, sein Werk, seine Zeit“ des Komponisten-Freundes Krzysztof Meyer (1995, überarbeitet 2008) sowie die auch biografisch fundierte Werkanalyse „Und Kunst geknebelt von der groben Macht“ Bernd Feuchtners (2002) bis zum boulevardesken Roman „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes (2017). Noch nie aber wurde sein Leben aus größtmöglicher Nähe dargestellt wie in dem erstaunlich schmalen Bändchen „Zu zweit“ von Elena Yakovich.
Erst der Untertitel verrät, worum es hier wirklich geht: „Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch“. Die inzwischen 91-jährige Witwe des Komponisten hat sich lange gewehrt, selbst Mittelpunkt eines Porträts zu sein. Sie hat ihre Kräfte stets in den Dienst des musikalischen Vermächtnisses ihres Mannes gestellt, den sie inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert überlebt hat. Dass es der Filmemacherin Elena Yakovich vor knapp fünf Jahren gelungen ist, Irina Antonowna mit einer gehörigen Portion Beharrungsvermögen zum Sprechen zu bringen (überreden wollte sie sie dazu nicht), darf heute als Glücksfall gesehen werden. Dem nun von Mark Heyer übersetzten Büchlein Elena Yakovichs liegt ein bereits 2022 von ihr in Russland veröffentlichter Dokumentarfilm zugrunde. Darin enthalten sind die Aussagen eines einzigen Drehtags, für den sich die Witwe aus dem Schatten ihres Mannes gelöst hat, in dem sie ein Leben lang stand.
Völlig uneitel erzählt Schostakowitschs dritte und knapp drei Jahrzehnte jüngere Ehefrau von ihrer eigenen Herkunft, dem tragischen Schicksal ihrer Familie, dem Verlust von Eltern und Großeltern sowie der entbehrungsreichen Zeit während der mörderischen Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Ein Satz wie „Gott verhüte, dass jemand so etwas noch einmal erleben muss“ macht angesichts heutiger Unmenschlichkeit durch Kriege und Militär hilflos beklommen.
Die Lebenslinien von Irina Antonowna und Dmitri Dmitrijewitsch hatten sich mehrfach geschnitten und überkreuzt, so etwa während der Evakuierung nach Kuibyschew, wo die beiden sogar in derselben Straße lebten, was sie aber erst viel später erfuhren und einander offenbart hatten. Lange nach dem Zweiten Weltkrieg sind sie sich erstmals persönlich begegnet und haben 1962 geheiratet. Schostakowitsch bekannte damals einem Freund gegenüber, „[…] ich habe geheiratet. Der Name meiner Frau ist Irina Antonowna. Sie hat einen großen Fehler: Sie ist 27 Jahre alt.“
Ohne jede Koketterie räumt die Witwe nun ein: „Diesen Fehler habe ich – im Gegensatz zu all den anderen – schon lange überwunden.“
Freimütig hat sie von Schostakowitschs Werben um sie erzählt: „Ich gebe dir eine Stunde Zeit. Entweder du wirst meine Frau oder nicht.“ Als sie dann, der Verkehrslage geschuldet, etwas verspätet bei ihm eintraf, fand sie ihn „völlig betrunken und sehr unglücklich“ vor. Er hatte nicht mehr geglaubt, dass sie noch käme.
Elena Yakovich: Zu zweit. Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch, Jaron Verlag, Berlin 2025, 120 S., Abb., € 20,00, ISBN 978-3-89773-185-1
Seitdem aber waren die beiden unzertrennlich, haben die künstlerischen Erfolge des Komponisten ebenso geteilt wie die politischen Angriffe der sowjetischen Staatsmacht, trotz der „Periode des Tauwetters (dem nie ein Frühling folgte)“, so Elena Yakovich in ihrem Vorwort.
„Er war der musikalische Mund einer eingesperrten Gesellschaft“ heißt es in dem lesenswerten Buch, das in herbem Kontrast stehen dürfte zur „offiziellen“ Biografie, die 2025 zum Schostakowitsch-Jubiläum in Russland unter dem vielsagenden Titel „Marschall der sowjetischen Musik“ herauskam und eine eklatante Form posthumer Aneignung darstellen soll. Umso erstaunlicher, dass „Zu zweit“ nun zeitgleich auf Deutsch und auf Russisch erscheinen konnte.
Wer Irina Antonowna je begegnet ist (etwa zu den Schostakowitsch-Tagen Gohrisch 2010 und 2018), hört ihre Stimme bei der Lektüre geradezu erklingen. Stolz und tränenreich, weit ausholend und voller thematischer Sprünge hat sie dem Filmteam erst „Die Zeit vor Schostakowitsch“ erzählt, um dann im zweiten und längeren Teil des Buches „Die Jahre mit Schostakowitsch“ Revue passieren zu lassen. „Alles hat Dmitri Dmitrijewitsch gemacht. Ich war nur sein Schatten“, schrieb sie in ihrer Dankesrede zum 2024 erhaltenen Schostakowitsch-Preis Gohrisch. Dabei war sie unabdingbar für das vom Regime und von körperlichen Gebrechen gebeutelte Genie, begleitete ihn zu fast allen Konzerten und Reisen und lebt noch heute in der geliebten Datscha in Schukowka, wo Rostropowitsch, Solschenizyn und Sacharow zum engeren Freundeskreis zählten. Die mit privaten Fotografien bebilderten Erinnerungen werden ergänzt von „Stimmen aus dem Archiv der Autorin“ sowie von Beschreibungen Elena Yakovichs. Das Resultat ist ein Zeugnis des Überlebens von Kunst in der Diktatur.
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