Graeme Lawson: Soundtracks. Auf den Spuren unserer musikalischen Vergangenheit, Piper, München 2025, 432 S., € 26,00, ISBN 978-3-492-07122-2
Graeme Lawson: Soundtracks. Auf den Spuren unserer musikalischen Vergangenheit, Piper, München 2025, 432 S., € 26,00, ISBN 978-3-492-07122-2
Graeme Lawson: Soundtracks. Auf den Spuren unserer musikalischen Vergangenheit, Piper, München 2025, 432 S., € 26,00, ISBN 978-3-492-07122-2
Kunst und Kultur stehen ja auch hierzulande durchweg unter Rechtfertigungsdruck. Da muss angeführt werden: Deutsche Regierungen gibt es seit 1949 – oder 1871 oder gar 1806 – aber ältestes Kulturzeugnis im deutschen Kulturkreis: die kleine Knochenflöte aus der schwäbischen Höhle – um die 35.000 Jahre alt! Also eigentlich ehrfurchtgebietend – und damit alle Kultur-Spar-Schwadroneure in Demutsschranken verweisend!
Ganz ähnlich gestimmt hat Musikologe Graeme Lawson aus Cambridge sein Forscherleben zugebracht: alte Zeugnisse für menschliches Musizieren zu suchen – und zu staunen. Im gut gegliederten Buch führt er treffend an: Man muss immer „tiefer“, also „rückwärts“ graben. So führt er den Leser übers 20. und 19. Jahrhundert kapitelweise zu musikalischen Funden bis an unsere humanen Anfänge zurück.
Lawsons Klang- und Musiziergeschichte wirkt wie eine „Fund-Aktenzeichen XY“-Sendung und liest sich erfreulicher- wie unterhaltsamerweise auch so: Grabungen, Entdeckungen und Restaurierungen wie kleine Abenteuererzählungen, oft spannend und überraschend. Etwa: Da explodiert 1627 die Munitionskammer der schwedischen „Kronan“; von 1.800 Mann überleben nur 42.
Graeme Lawson: Soundtracks. Auf den Spuren unserer musikalischen Vergangenheit, Piper, München 2025, 432 S., € 26,00, ISBN 978-3-492-07122-2
Im Jahr 1982 finden Taucher neben den Kanonen eine kleine Kiste mit einer kompletten, fabelhaft erhaltenen, klanglich modulationsfähigen Barockgeige – weil die Ostsee mit nur sechs Promille extrem salzarm ist und ihre Kühle Holzfresser fernhält; anrührend dann der Schluss, dass ihr getöteter Besitzer viel musiziert haben, wie kleine Abnutzungspuren am Griffbrett unter dem Mikroskop beweisen.
Derartige Musizier-Funde führt Lawson seinen Lesern über 400 Seiten vor. Zu entdecken gibt es vielfältige Instrumente in entfernten und entlegenen Orten. Durch Kapitel über einzelne Jahrhunderte geht die Zeitreise dann übers Eisen- und Bronze-Zeitalter an die Anfänge der Zivilisation.
Vorläufig endet die Musizierreise etwa 38.000 vor unserer Zeitrechnung – bei Knochenflöten und Maultrommeln, auf der Schwäbischen Alb, in den Höhlen des baskischen Isturitz oder zu ersten Tonleitern im Zeitalter des prähistorischen Aurignacien. Frappierend zu lesen ist, wie auch Bruchstücke mitunter unglaublich aussagekräftig sind und oft – weit auseinanderliegend gefunden – zusammenpassen. Kult, Religion und gemeinsames Musizieren bezieht Lawson mit ein. Dank modernster Untersuchungsmethoden sowie einiger Nachbauten gibt es aktuelle Musizierversuche, auch von Lawson selbst.
Sehr sensibel schließt Lawsons lebendiges Erzählen, wenn er die rhythmischen Fußabdrücke einer Australopithecus-Mutter mit Kind als Spuren für singendes Gehen im Lehm vor zirka 3,5 Millionen Jahren deutet – und im Kontrast fragt, was wohl die den NASA-Raumschiffen Voyager 1 und 2 im Jahr 1977 mitgegebenen Musikbeispiele anderen interstellaren Kulturen über uns sagen könnten…
Eine in beide Zeitrichtungen offene Musiziergeschichte tut sich auf – eine Bereicherung.
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