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The Lions Face im Zentralwerk Dresden © René-Jungnickel

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Engagierte Kammeroper über Demenz: Elena Langers „The Lion's Face“ im Zentralwerk Dresden

Vorspann / Teaser

Im Auffinden spannender Spielstätten sind die Landesbühnen Sachsen erfindungsreich. Nach dem Schlachthof Dresden erobern sie sich nun zum zweiten Mal das Zentralwerk am S-Bahnhof Pieschen. Das 90-Minuten-Stück „The Lion's Face“ der in England lebenden und aus Russland stammenden Komponistin Elena Langer (geb. 1974) gelangte beim Brighton Festival 2010 zur Uraufführung. Es kam jetzt zur um ein Jahr verschobenen deutschen Erstaufführung. Operndirektorin Kai Anne Schuhmacher hatte explizit nach einem Musiktheater-Sujet über Alzheimer und Demenz gesucht. Langers Oper zeigt Empathie, Glyn Maxwells Textbuch setzt ohne Belehrungseifer aufschlussreiche Miniepisoden. Am Ende folgt langer, bewegter Applaus der von intensiver Netzwerk-Arbeit sozialer Vereine begleiteten Produktion.

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Der leicht heruntergekommen wirkende Saal mit Bühne und Empore, den Möbeln aus dem vorigen Jahrhundert und den angerissenen Tapeten auf den Bogendecken gehört zu einer früheren Nähmaschinen- und Schreibmaschinenfabrik. Der Reiz des Absonderlichen ist wie gemacht für eine Kammeroper über die Grundfesten des Menschseins und Außer- bis In-sich-Geratens anhand einer Demenz-Darstellung. Der Titel fußt auf einem Missverständnis von Iris Murdoch, die das „Löwengesicht“ als Gesichtszüge von Alzheimer-Patienten mit einer „löwenhaften Gleichgültigkeit“ definierte.

Elena Langers (geb. 1974) unspektakulär beeindruckende Oper steht am Beginn einer Reihe von Musiktheater-Premieren über psychiatrisch-neurologische Diagnostik-Sujets an deutschen Musiktheatern: Es folgen „Lucidity“ von Laura Kaminsky und „The Shining“ von Paul Moravec in Regensburg sowie André Previns „Endstation Sehnsucht“ in Osnabrück. Im Vorgespräch mit der Komponistin und dem britischen Professor Simon Lovestone, der sie und den britischen Poeten Glyn Maxwell für das Projekt beraten hatte, ging es auch um die enormen Fortschritte der Alzheimer- und Demenz-Forschung seit Entstehung der Oper.

Es ist eine farbige wie den Figuren tonal zugewandte, aber auch differenzierende Komposition. Seit 70 Monaten kommt Mrs. D. in die Klinik. Sie findet keinen Weg mehr zu ihrem mit offenbar verstummten Denken wie versteinert, abwesend oder schlichtweg um Lichtjahre entfernt wirkenden Mann. Dieser ist eine von Marieke Chinow gebaute Kopfgriff-Puppe in Fast-Lebensgröße: Stechende Augen mit suggestiv wirkenden Blicken, wirre weiße Haare und eine Haut so grau wie die Klinikkleidung. Der kommunikativ wie physisch hinfällige Mr. D. ist die einzige Sprechrolle unter Gesangspartien. Christoph Levermann spricht dessen kurzen Sätze kantig und mit der Verheißung von dahinterliegenden Stimmungen. Seth Cardillo-Tietze ist die wichtige Person zum Führen der Puppe.

Später kippt die Perspektive. Ausgerechnet die namenlose Tochter der Pflegerin, welche aufgrund von heftigem Schneefall nicht zur Schule kann und deshalb unzulässig den Tag in der Klinik verbringt, knackt die abgesunkene Psyche D.s und bringt diese zum leisen, doch hoffnungsvollen Schwingen. Anna Maria Schmidt spielt die empathisch hochbegabte Figur mit einem längst ihrer Schuluniform entwachsenen Leuchten, das Langer mit Spitzentönen fütterte.

Milchig schmutziges Licht flutet im Zentralwerk über Linda Tiebels Halbrund-Spiegelwände und realistische Kostüme. Die Ausstattung wirkt leicht derangiert und hat Gebrauchsspuren wie ein heftig genutztes Kinderzimmer, in welches auch D.s kindliches Alter Ego mit roten Haaren tritt. Sophie Klussman als risikofreudig souveräne Stimmgeberin und die Regisseurin im Spiel teilen sich für die erkrankte Anna Erxleben die Partie der Pflegerin. Diese liebt still und hoffnungslos den Doktor (einmal mehr mit starker Präsenz: Paul Gukhoe Song). Antigone Papoulkas macht unter dem perfekten Make-Up von Mrs. D. spürbar, dass deren psychische Haut durch die in langen Jahren unerwiderte Konversation mit dem sich nur vage und zusammenhanglos artikulierenden Ehemann extrem dünn geworden ist. Auch zwischen den „Gesunden“ klaffen schwer zu überbrückende Distanzen. Das zeigt Schuhmacher und konzentriert sich doch weitgehend auf die sehr subtile Annäherung zwischen Puppen und Personen. Schuhmacher verringert die szenische Expression da, wo Langers Musik zu einer schon virtuosen und vielleicht zu exaltierten Farbigkeit tendiert. Jan Arvid Prée am Pult lässt dem Ensemble Raum und Dynamik für Langers ariose Linien und Deklamationen, hat Stimmen und Fäden zum Spiel gut im Griff. Ein gutes Beispiel für das Aktualitätspotenzial neuer Musik ist Langer da gelungen. Nicht zu leicht und nicht zu schwer für die Sänger:innen, flexibel und sich im musikalischen Variantenreichtum gegen Ende leicht erschöpfend oder wiederholend. Aber das engagierte Sujet und seine poesienahe Umsetzung zählen. Das Publikum zeigte sich berührt und von der lakonischen wie pragmatischen Intensität von Werk und Textbuch. In der Übersetzung von Kai Anne Schuhmacher denkt man, dass Maxwells Textbuch vieles, aber zum Glück nicht alles erklärt und dabei den Figuren Spielmöglichkeiten zur Darstellung von Nähe und Distanz, emotionaler Fülle und Horror vor der Leere lässt. Durch diese ausbalancierte Ökonomie empfiehlt sich „The Lion's Face“ für weitere Produktionen.

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