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Die Hamburgische Staatsoper: Die Unruhenden – Alsterspatzen, Nadja Reich © Monika_Rittershaus

Die Hamburgische Staatsoper: Die Unruhenden – Alsterspatzen, Nadja Reich © Monika_Rittershaus

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Musik von Gustav Mahler in Zimmerlautstärke – Ein fragmentiertes Musiktheater von Christoph Marthaler an der Staatsoper Hamburg

Vorspann / Teaser

Das Wort „Oper“ mag er nicht, aber „Musiktheater“. Damit hat der Regisseur Christoph Marthaler Arbeiten an Opernhäusern geschaffen, die ihn einzigartig machen. Vor fast zehn Jahren „inszenierte“ er „Lulu“ von Alban Berg, ließ statt des unvollendeten dritten Aktes das Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ spielen, eine mehr als erschütternde eigene Sicht auf das Werk. Und mit dem jetzigen Abend „Die Unruhenden“ bot er einen Aspekt, warum ihn die Musik von Gustav Mahler nie losgelassen hat. Das hat den neuen Intendanten der Staatsoper Hamburg, Tobias Kratzer, dazu verführt, „Die Unruhenden“ in Auftrag zu geben, sozusagen als Handschrift seiner Intendanz. So sind „Die Unruhenden“ - wie Alma Mahler ihren Mann genannt hat - eben keine Oper, sondern heißen im Untertitel „Ein Abend in Zimmerlautstärke. Musiktheater von Christoph Marthaler mit Kompositionen von Gustav Mahler. Und es spielt in einem multifunktionalen Zimmer, das ein Wohnzimmer ebenso wie Musikzimmer (drei Tasteninstrumente) wie Kneipe (vier alte Holztische mit Stühlen) oder auch irgendein Versammlungsraum sein könnte. 

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Zimmerlautstärke für die Musik von Mahler? Ja, alles ist ganz leise und ganz langsam. Nur wenn der Raum verlassen wird, knallen die Türen. Und es ist fast unglaublich, dass dieser Ansatz einen Spannungszustand von zwei Stunden halten kann. Es gibt keine Originalmusik, sondern nur angedeutete, eben ganz leise, bearbeitete Ausschnitte von Sinfonien, den Kindertotenliedern, den Liedern aus des Knaben Wunderhorn und dem Klavierquartett in a-Moll. Das klingt dann so, als würde Mahler gerade etwas suchen und der Abend versetzt das Publikum in dieselbe Situation: vielleicht haben Spielanleitungen wie „aus der Ferne“ und „aus noch weiterer Ferne“ aus der zweiten Sinfonie dazu angeregt. Der musikalische Leiter – der auch an Tasteninstrumenten aktiv ist – Johannes Harneit hat eine Montage gemacht: sie ist die Interpretationsgrundlage für die absurden Geschichten, die dann darüber verlaufen. Es handelt sich um eine sechsköpfige Gruppe von Menschen, die irgendwie alle einen mehr oder weniger großen Knall haben, „Verschollene, Übriggebliebene“ heißt es im Programmheft. Am Anfang zeigen sie sich gegenseitig kleine Orden und Auszeichnungen. Unter dem Einfluss der fragmentierten Musik entwickeln sie – Sängerinnen, Schauspieler und Musikerinnen – im Laufe des Abends sich individuelle Befindlichkeiten. Aber alle haben mit dem Tod zu tun, bzw. der Angst vor ihm. Die Cellistin in einem Gouvernantenkleid der vorletzten Jahrhundertwende entpuppt sich nach und nach als der Tod: sie klebt in unterschiedlichen Abständen den Menschen einen Papierstreifen auf. Sie nimmt einem, der unendlich viele Pillen zählt – wohl, um das Leben zu verlängern -, diese Pillen weg. Ein anderer misst pausenlos seinen Blutdruck – auch ohne erkennbaren Sinn. In einem Nebenraum spielt ein Knopfakkordeon nichts anderes als Wind und der Blutdruckmensch versucht, seine Version von einem Bühnenwald zu erzählen, der mehr als echter Wald aussieht, aber eben ein Bühnenwald ist. Witzig, heiter und komisch ist das alles. Und die Hamburger „Alsterspatzen“ stürmen am Ende auf die Bühne und veralbern „Aufersteh’n wirst Du!“

Nach der berührenden Intensität, aber auch der seltenen Komik dieses Abends fragt man sich, ob er die eigene Sichtweise auf die Musik Mahlers, der als Kapellmeister an der Hamburger Oper 1891-1897 vergeblich versuchte, den Aufführungsstil der Oper grundsätzlich zu reformieren, verändern könnte. Ganz sicher! Ovationen nach der zweiten Aufführung. 

 

Die nächsten Aufführungen: 
22., 25., 27. und 31.1.,
02., 06., 08. und 10. 02.

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