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Foto: Daniel Wetzel

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Materialsammlung mit Interaktionsmöglichkeit

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Im Praxistest bei den Mannheimer Philharmonikern: die Noten-App „Enote“ möchte besser sein als Papier
Vorspann / Teaser

Julia Margotto Barahal packt. Die Cellistin braucht Noten fürs nächste Konzert. Dafür muss sie nicht stöbern zwischen Kladden und Papieren oder im Regal, sondern wird, nur einen Mausklick entfernt, fündig in der digitalen Bibliothek ihrer Noten-App. Praktisch sei das, sagt die Musikerin. Denn in der Datei fürs anstehende Programm stellt sie auf ihrem iPad das Material auch gleich in der richtigen Reihenfolge zusammen. Kein Windzug kann hier noch einmal etwas durcheinander wirbeln. Alles sicher verstaut und parat für den Auftritt.

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Enote heißt die Anwendung, die Julia Barahals musikalische Arbeit verändert hat. Die 1995 in Porto geborene Cellis­tin lebt seit gut drei Jahren in Mannheim. Nach einem Bachelor-Studium an der Escola Superior de Música e Artes do Espetáculo in Porto und dem Master an der Codarts in Rotterdam absolviert sie derzeit in einem Post-Mas­ter-Programm ein Kammermusik-Zusatzstudium „Streichquartett“ an der Musikhochschule Mannheim. Sie spielt in verschiedenen Kontexten: Orchester, Solo, Kammermusik. Die Vielfalt zeigt sich auch im Repertoire. Genre-Grenzen zieht sie für sich erst einmal nicht, fühlt sich zu Hause zwischen Klassik und Barock, Zeitgenössischem, „leichter Muse“ und „manchmal auch Pop“.

Als Mitglied der Mannheimer Philharmoniker gehört das Know-how in Sachen Enote zum „sine qua non“. Ohne die App läuft in diesem jungen Auswahlorchester nichts. Aus gutem Grund: Dirigent Boian Videnoff hat die Anwendung auf den Weg gebracht, 2018 als Digital-Startup in Berlin. Seine Vision: Musikerinnen und Musikern die Noten-Arbeit erleichtern. Videnoff wollte weg von den damals schon verfügbaren einfachen Noten-Scans auf digitalen Endgeräten und hin zu einer möglichst umfangreichen Material­sammlung. Auf deren Basis sollte Interaktion möglich sein, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen.

„Wir wollen mehr als nur Noten anzeigen“, unterstreicht der technikaffine Musiker. „Wir wollen ,besser als Papier‘ sein.“ Heißt auch, dass das System mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) möglichst selbstständig agiert. Vide­noff: „Die KI erkennt die musikalischen Zeichen; sie weiß, wann ein Satz vorbei ist, kann bei einer Wiederholung zurückspringen, achtet auf Dynamik, Taktstrich und Intonation.“ Im Moment seien die Enote-Entwickler dabei, „unsere Zeichenerkennung auch auf eigene importierte Noten-Scans anzuwenden“, sagt Videnoffs Kollege Gerrit Bogdahn. Der Effekt: „Sämtliche KI-Funktionen sollen dann nicht nur in den Enote-eigenen Partituren zu finden sein, sondern auch in der selbst kuratierten Bibliothek.“ Videnoff ergänzt: „Der User wird sehr bald einfach ein PDF hochladen, und Enote erkennt automatisch Komponist, Werkname, Stimme, Sätze, Wiederholungen et cetera, so dass er nichts mehr manuell eingeben und einrichten muss.“

Fleißig scannt das Enote-Team Partitur um Partitur ein und hält sie in der eigenen Bibliothek vor. Über 40.000 Werke sind es Anfang 2026. Dabei sei zu beachten, dass zusammenhängende Werke als Sammlungen zusammengefasst worden seien und als „ein Werk“ gezählt würden, so Boian Videnoff. „Zu den meisten Werken haben wir oft zwei oder mehr Ausgaben verschiedener Verlage.“ Häufig sei das eine ältere Ausgabe und, falls vorhanden, eine Urtext-Fassung – es entstehe also die Möglichkeit, verschiedene Editionen sehr gut zu vergleichen.

Eines der Ziele von Enote sei es, „alles, was weltweit verfügbar ist, zu bündeln“, ein anderes, all das verfügbar zu machen. Bei Letzterem hilft die Kooperation mit öffentlichen Bibliotheken. Gerade etwa hat sich die Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain (HLB) mit Enote verbunden. Wer dieses Angebot nutzen möchte, braucht nicht mehr als einen gültigen Bibliotheksausweis und ein Apple-Gerät mit mindestens der iOS-Version 15.0. Auch für Android Tablets ab Version 8.0 sei die App inzwischen verfügbar, heißt es auf der HLB-Homepage. „Mit einem Touchpen oder Finger können Sie direkt in die Partitur schreiben oder Akkorde, Dynamik, Wiederholungen und vieles mehr markieren“, ist dort unter anderem zu lesen. „Durch automatisch erstellte Shortcuts gelangen Sie immer wieder an die richtige Stelle der Partitur zurück. Direkt in der Notenansicht integriert sind Metronom, Stimmgerät, Aufnahmegerät und Annotationstool.“

Julia Barahal kann solches aus der eigenen Erfahrung unterstreichen. Enote sei für sie „wirklich innovativ“. Besonders gefalle ihr, dass die Benutzer-Interfaces selbsterklärend seien. Liefe etwas nicht so bedienungsfreundlich wie gedacht, schicke sie eine Nachricht an die Entwickler. „Manchmal fragen diese aber auch bei mir nach; sie sind ja interessiert daran, wie es läuft“, so die Musikerin. Als Mitglied der Mannheimer Philharmoniker gehöre sie zu den Pionieren mit dieser App. Der unentwegte Praxistest helfe bei der immerwährenden Optimierung. Besonders praktisch findet die Cellis­tin die Layer-Funktion. Sie könne Anmerkungen in die Partitur eintragen und später eine andere Version der Partitur zum Vergleich erstellen, ohne ihre ursprünglichen Eintragungen löschen zu müssen. „Zudem habe ich jederzeit Zugriff auf eine ,leere‘ Ausgabe.“

Die Mannheimer Philharmoniker kommen mehrmals im Jahr zu Projekten zusammen. Sie haben für die Arbeit mit Enote auch die technischen Voraussetzungen geschaffen. „Für die Projektphase bekommen wir alle ein eigenes iPad. Es gibt große Ladestationen und auch Extra-Akkus“, berichtet Julia Barahal. Hilfreich findet sie zudem die Sharing-Funktion: „Die Konzertmeisterin oder der Stimmführer können schnell ihre Notizen mit uns anderen teilen. Das spart Zeit.“

Dieses Teilen komme ihr auch beim Cello-Unterricht zugute. Auch hier könne sie übers Sharing mit ihren Schülerinnen und Schülern sehr direkt kommunizieren, könne etwa PDFs erstellen, die sich bei Bedarf ausdrucken ließen. Natürlich arbeitet Julia Barahal dort, wo es nötig ist, auch mit Noten auf Papier. Sie gehe hier aber „bewusst sparsam“ mit handschriftlichen Eintragungen um. Das biete ihr die Möglichkeit, bei einer späteren, erneuten Beschäftigung mit einem Werk kreativ und offen zu bleiben.

Mit Blick auf die Enote-Bibliothek hebt sie noch eine weitere hilfreiche Funktion hervor: „Ich kann nach verschiedenen Parametern suchen: nach Genre, Zeitperiode, Komponist und Instrument. Dabei stoße ich immer wieder auf neue, mir bislang unbekannte Stücke. Einmal habe ich etwas gesucht für Cello und Geige, im Duo. Ich bin dann auf ein Stück für Geige, Cello und Elektronik gestoßen.“ Für die Cellistin ein Geschenk.

Bei aller Faszination für die digitalen Möglichkeiten in ihrem Fach bleibt Julia Barahal hier und da sehr gern analog. „Meine Terminplanung mache ich handschriftlich“, sagt sie und hält beim Zoom-Interview ein wunderschönes Notizbuch in die Kamera. Das Büchlein packt sie zum iPad dazu – auf dem Weg zur Probe, zum Unterricht, ins Konzert.

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