Henle-Ausgaben, die nicht blau sind? Da schaut man schon zweimal hin und entdeckt auf dem Umschlag mit der ungewohnten Farbe einen neuen Zusatz: Links neben dem Titel, also dort, wo sonst das Zauberwort „Urtext“ steht, heißt es nun „Horizons“, und erweiterte Horizonte möchte sich Henle offenbar mit dieser neuen Serie – „Imprint“ heißt das im internationalen Fachjargon – erschließen.
Beethovens sechste Symphonie als Klaviertrio.
Orange ist das neue Blau
Entdeckungen und Bereicherungen für das Repertoire, Arrangements bekannter Werke in alternativen Besetzungen sowie Studien für Orchesterinstrumente und pädagogisch ausgerichtete Literatur“ soll die Reihe laut Verlagsankündigung umfassen, wobei sich die ersten Lieferungen zunächst auf die Nebenwege des Repertoires und Bearbeitungen beschränken. Erste „Orchesterstudien“, das heißt Probespielstellen mit Erläuterungen und praktischen Hinweisen, sollen im kommenden Jahr erscheinen, beginnend mit Streichinstrumenten.
Was neben der Farbe an diesen Ausgaben anders ist, fällt gleich beim Aufschlagen ins Auge. Ein knappes Vorwort (deutsch/englisch) ohne Angabe einer Autorschaft ist alles, was man als Begleitinformation an die Hand bekommt. Dort wird dann lediglich auf die Hauptgrundlage der Ausgabe, meist der Erstdruck, sowie weitere zu Rate gezogene Quellen hingewiesen. Ansonsten soll man sich einfach darauf verlassen, dass das schon ein zuverlässiger Notentext sein wird, den man sich da im traditionell schön und gut lesbaren, sinnvoll angeordneten Notensatz aufs Pult stellt. Diese im Vergleich zu den Urtext-Ausgaben (die oft auch einen Kritischen Bericht enthalten) abgespeckte Ausstattung schlägt sich auch im Preis nieder, der etwas unter dem der blauen Bände liegt.
In Sachen Wiederentdeckungen stechen unter den ersten „Horizons“-Ausgaben zwei für Klavier solo, zwei für Klaviertrio und eine für Geige und Cello ins Auge. Im Fall von Johann Nepomuk Hummels fis-Moll-Klaviersonate op. 81 von 1819 (HN 8210) dürfte allerdings fraglich sein, ob viele Pianist:innen die Mühen auf sich nehmen werden, diesen fantasieartig mäandernden, in seiner notenreichen Chromatik merkwürdig auf der Stelle tretenden Viersätzer in Angriff zu nehmen. Der Ausdruckswille ist mit Händen zu greifen, ihn zu Klang werden zu lassen, dürfte sich jedoch als ziemliche Herausforderung erweisen.
Bessere Repertoirechancen haben da wohl Erwin Schulhoffs in seiner Stringenz und Ernsthaftigkeit bemerkenswertes Duo für Violine und Violoncello von 1925 (HN 8215), Manuel de Fallas frühe, folkloristisch-impressionistische „Serenata andaluza“ (HN 8226) und Joaquín Turinas „Circulo…“ für Klaviertrio (HN 8208). In diesem atmosphärisch dichten, von zyklischen Motiven zusammengehaltenen Dreisätzer von 1936 zeichnet Turina den Tageslauf (Tagesanbruch, Mittag, Abenddämmerung) als kreisende Zeit nach.
Nicht ganz so gehaltvoll, aber lohnend ist das viersätzige fis-Moll-Trio op. 115, das Robert Fuchs 1921 für Violine, Viola und Klavier schrieb (HN 8212). Das Ersetzen des Cellos durch die Bratsche ergibt eine reizvolle Registerverschiebung, die Fuchs in diesem ziemlich aus der Zeit gefallenen Stück satztechnisch überzeugend nutzt. Das prägnante, aber auch etwas ungelenke punktiert-synkopierte Triolenmotiv des Kopfsatzes greift Fuchs im folgenden Andante grazioso ins Idyllische gewendet wieder auf, relativiert dann aber die dezenten Salonmusik-Tendenzen dieses Satzes mit einem leicht verdüsterten Mittelteil. Scherzo und Finalsatz fallen dann etwas ab.
Beethovens sechste Symphonie als Klaviertrio.
Beim Stichwort Klaviertrio sind wir dann auch gleich beim gewichtigsten Arrangement dieser ersten orangenen Lieferung angelangt: bei Beethovens sechster Symphonie. Die „Pastorale“ liegt hier aber nicht in der unter anderem durch die Einspielung des Bonner Beethoven Trios bekannt gewordenen historischen Bearbeitung von Christian Gottlieb Belcke vor, sondern in einer zeitgenössischen. Der Pianist Shai Wosner hat sie besorgt (HN 8236) und keine Geringeren als Leonidas Kavakos, Yo-Yo Ma und Emanuel Ax haben sie aufgeführt und eingespielt. In der Tat funktioniert sie als nicht allzu klavierlastige Fassung sehr gut, erzielt eine erstaunliche Farbigkeit und im Sturm beachtliche Wucht. Einzig in der „Szene am Bach“ kommt Wosner an die Grenzen der in dieser Besetzung möglichen Nuancierungen (wie so manches Orchester auch).
Ausnahmsweise mit Strichen und Fingersätzen versehen ist Frank Peter Zimmermanns Ausgabe von Franz Schuberts Variationen über „Trockne Blumen“ D 802 (HN 8222). Hier bedarf es allerdings schon sehr versierter Geigerinnen und Geiger, um die ausufernden Flötengirlanden stil- und geschmackvoll auf das Saiteninstrument zu übertragen. Wer Seite 5 der Violinstimme aufschlägt, überlegt es sich möglicherweise noch einmal anders.
21 Ungarische Tänze von Johannes Brahms (HN 8202)
Bekannt und bewährt sind dagegen Joseph Joachims Arrangements der 21 Ungarischen Tänze von Johannes Brahms (HN 8202). Dass diese quasi authentischen Fassungen nun komplett in einem Band vorliegen (auch Einzelausgaben sind verfügbar), gehört sicher zu den besten Ideen innerhalb dieses ersten Schwungs. Incipits erleichtern hier erfreulicherweise das Auffinden des persönlichen Favoriten.
Mit den Ungarischen Tänzen sind wir dann auch schon bei der Ankündigung von künftigen Neuerscheinungen der Serie, denn sieben davon werden bald in einer Bearbeitung für Violoncello und Klavier von Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud erscheinen, ebenso fünf Schubert-Lieder (darunter „Das Wandern“, „Ungeduld“ sowie „Nacht und Träume“) und Marin Marais’ „Les Folies d’Espagne“. In Vorbereitung ist überdies ein Arrangement von sieben Chopin-Nocturnes mit Cello-Fingersätzen von Raphaela Gromes. Bratscher:innen dürfen sich auf Tabea Zimmermanns Fassung von Rodolphe Kreutzers 42 Violinetüden sowie auf die Arrangements freuen, die Timothy Ridout von Mozarts Klarinettenkonzert und Schumanns „Dichterliebe“ vorlegen wird. Und Sergej Rachmaninows berühmte „Vocalise“ wartet darauf, von Kontrabassist:innen aus der Tiefe des Raums angestimmt zu werden.
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