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Ensemble beim Schlussapplaus, im Vordergrund Markus Stein,  Copyright: Roland Kellner

Ensemble beim Schlussapplaus, im Vordergrund Markus Stein © Roland Kellner
 

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Weltzugewandtes Christentum im Neujahrskonzert. Das Abschlusskonzert zu Georg Philipp Telemanns französischem Kantatenjahrgang in der Frankfurter Katharinenkirche

Vorspann / Teaser

Festlich-repräsentativ tönt Georg Philipp Telemanns groß angelegte Neujahrskantate „Danket dem Herrn“ durch die Frankfurter Katharinenkirche. Jahreszeitlich passend, ist sie zugleich der Einstieg ins Abschlusskonzert eines auf sieben Jahre angelegten Telemann-Projekts des Collegium Musicum der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und des Forums Alte Musik Frankfurt unter Leitung von Prof. Felix Koch. Mit diesem Neujahrskonzert kehrt die Musik auch zurück an ihren Entstehungsort Frankfurt, wo Telemann 1712 das Amt des städtischen Musikdirektors und Kapellmeisters der beiden evangelisch-lutherischen Hauptkirchen antrat.

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Nahezu am Ziel ist damit das umfassende Vorhaben, sämtliche 72 Kirchenkantaten, die Telemann im Kirchenjahr 1714/15 für die Barfüßerkirche (die Vorgängerin der späteren Paulskirche) und die Katharinenkirche schrieb, in einer spielbaren Notenedition vorzulegen, sie in repräsentativen Konzerträumen des Rhein-Main-Gebietes wieder aufzuführen und auf Tonträger aufzunehmen. Die wichtigsten Partner bei dem ambitionierten Projekt sind das Klassiklabel Cpo und der australische Verlag Canberra Baroque, ohne den es keinen spielbaren Notentext gegeben hätte. Seit bald 300 Jahren unerschlossen, lagert der Großteil der Kantaten nämlich in inzwischen schwer lesbaren Abschriften von Telemanns Amtsnachfolgern in der Frankfurter Universitätsbibliothek. Dank des Einsatzes von Verlagschef und Herausgeber Peter Young konnten die Gutenberg Soloists und das Neumeyer Consort den Kantatenjahrgang seit 2021 etappenweise in verschiedenen Kirchen zwischen Frankfurt, Wiesbaden und Mainz zu Gehör bringen.

Der „französische Jahrgang“ 

Einer Originalnotiz auf der Orgelstimme zur Kantate „Gott schweige doch nicht also“ (zum Sonntag  Judica 1715) folgend, spricht die Musikwissenschaft vom „französischen Jahrgang“. Sowohl in Frankfurt als auch ab 1721 in Hamburg bemühte sich der Komponist, den einzelnen Kirchenjahres-Serien seiner Kantaten ein unterschiedliches Profil zu geben. Der „französische Jahrgang“ wurde wohl im Hinblick auf das französisch geprägte Orchester des Herzogs von Sachsen-Eisenach geschrieben, Telemanns vorigen Arbeitgeber, dem er als „Kapellmeister von Haus aus“ immer noch Werke zu liefern hatte. Was den französischen Stil des Jahrgangs ausmacht, kann man den informativen Programmheft-Texten von Birger Petersen und Karl Böhmer entnehmen: Telemann nutzte die Tanztypen der französischen Suite (Courante, Sarabande, Loure, Entrée, Rigaudon und Menuett) sowie Chaconne- und Rondoformen. Er verzichtete - wie in der französischen Suite üblich - weitgehend auf Tonartwechsel. Aus der französischen Oper übernahm er den opernhaften Stil vieler Chorsätze, den fließenden Wechsel zwischen Chor und Soli und die stark ausgeprägte Tonmalerei. Entsprechend sind die Choralsätze weniger kompliziert gesetzt als bei Johann Sebastian Bach, der aber seinerseits Telemann viele Anregungen verdankte. Telemann zeigte sich wiederum deutlich experimentierfreudiger in der formalen Anlage der Kantaten. Beide Komponisten standen in Verbindung mit dem lutherischen Theologen und Dichters Erdmann Neumeister (1671-1756); Bach vertonte einige seiner Texte, Telemann sogar fünf komplette Kantaten-Jahrgänge,  den „französischen“ von 1714/15 eingeschlossen.

Von Erdmann Neumeister weiß man, dass er sich in seinen Predigten und seinen Kantatentexten in der Regel auf einen einzigen Gedanken des auszulegenden Bibeltextes konzentrierte, um dann im Folgejahr einen anderen inhaltlichen Akzent zu setzen. Dieses „Stichwortprinzip“ führte über die Jahre zu unterschiedlichen Perspektiven auf den Text und dementsprechend zu verschiedenartigen Vertonungen; und es bedeutete nicht nur Abwechslung, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung. Beim Hören der Kantaten wird evident, wie viel Wert Telemann auf Textverständlichkeit legte und welche hohe Bedeutung den Rezitativen zukommt; immer wieder enthalten sie zentrale Aussagen und Argumente, die auf die Arien, Chören und Chorälen reagieren oder diese vorbereiten. So geht es insgesamt weniger um meditative Versenkung als um die wache und aktuelle Auseinandersetzung mit den Glaubensinhalten.

Die Neujahrskantate

Dies sieht man deutlich in der Neujahrskantate „Danket dem Herrn“ von 1715 (TVWV 1:159) mit ihrem janusköpfigen Charakter und ihrem doppelten Motto. Ausnahmsweise lässt der Textdichter einem rückwärtsgewandten zentralen Bibelvers, dem sogenannten Dictum, „Danket dem Herrn“, einen zweiten, vorwärtsschauenden Spruch folgen: „Der Herr denket an uns und segnet uns“. Der Dank gilt der Güte Gottes, die der „werten Obrigkeit“, d.h. dem Rat der Freien Reichsstadt Frankfurt, beigestanden und der Stadt Schutz vor Glaubenskämpfen, Epidemien und Krieg gewährt habe. Der hohe Rang der Stadt als Krönungsort der deutschen Kaiser wird sichtbar, wenn der Segen Gottes erst für den Kaiser, dann für den Rat und die Kirche, und schließlich für die gesamte Bevölkerung („beide Kleine und Große“) erbeten wird. Neumeisters Text trug nicht nur der Tatsache Rechnung, dass am Neujahrstag ein Großteil der bürgerlichen Gemeinde selbstverständlich in die Kirche ging, sondern er bot dem Komponisten auch Möglichkeiten zu einer entsprechend repräsentativen Vertonung.

Telemanns Partitur verlangt eine ziemlich große Besetzung mit vollständigem Solistenquartett, Chor, zwei Oboen, zwei Hörnern, Streichern und Basso Continuo. Hinzu kommt noch eine Soloflöte, die in einer Abschrift hinzugefügt wurde – vielleicht für eine Zweitaufführung, vielleicht auch als schriftlicher Nachtrag nach dem Einsatz bei der Erstauführung. Bei der Wiederaufführung 2026 erklingt sie mit, nachdem man sie im Probenverlauf „als sehr reizvoll und bereichernd“ erkannt hat. Tatsächlich ergibt sie vor allem in der Bass-Arie „Gott sei’s gedankt!“ parallel zur tiefen Solostimme ein apart aufgehelltes Klangbild. Eingebettet ist diese Bass-Arie in einen ausgedehnten Eingangschor nach dem Muster der französischen Oper. Der Chor präsentiert feierlich das erste Dictum und wird danach nicht nur durch die Bass-Arie, sondern auch durch zwei Tenor-Rezitative unterbrochen. Dazwischen und am Ende singt er, vom Bass eingeleitet, dreimal den Schlussteil des Dictums („Seine Güte wäret ewiglich“) als Ritornell. Es folgen ein weiteres Tenor-Rezitativ und ein zweistrophiger Choral. Aus dem zweiten Dictum entwickelt Telemann dann einen Dialog zwischen dem Chor und zwei Rezitativen der Altstimme, diesmal aber mit ausgedehnteren und abwechslungsreicheren Chorpartien, von denen der Zweizeiler „Er segnet, die den Herrn fürchten, beide Kleine und Große“ fugierte Einsätze raffiniert mit unterschiedlichen Textbetonungen verbindet. Danach folgt eine bildhafte, tänzerische, fast heitere Sopran-Arie („Lass den Segen wie den Regen fruchtbar sein.”) mit kurzem Schlusschor, die offensichtlich darauf abzielt, das Frankfurter Publikum gut gelaunt ins neue Jahr zu entlassen.

Die Qualitäten der Aufführung 

An diesem Abend erweist sich die Neujahrskantate als glücklicher Einstieg ins Programm. Anstelle des kurz vor dem Konzert erkrankten Felix Koch hat Markus Stein das Dirigat übernommen. Er kombiniert diese Aufgabe mit seiner Rolle als Cembalist. Als Direktor der Chor- und Orchesterakademie des Collegium Musicum ist ihm das Projekt vertraut, als derzeitiger Interimsleiter der Kantorei an St. Katharinen auch der Aufführungsort, und er führt das Ensemble sicher durch den gesamten Abend. Einzig seine Werkkommentare fallen deutlich sparsamer aus als diejenigen von Felix Koch in den vorangegangenen Konzerten. Die Aufführung insgesamt überzeugt durch ihre  klangliche Transparenz und durch ihren bewussten Umgang mit den dargestellten Affekten. Auch die zum Teil recht schnellen Tempi wirken nicht überzogen, weil sie von einem tänzerischen Grundcharakter getragen sind und präzise und mit exzellenter Textverständlichkeit vorgetragen werden. Wie souverän die Naturhörner dabei mithalten, ist besonders erstaunlich. Mit Agnes Kovacs (Sopran), Susanne Langner (Alt), Fabian Kelly (Tenor) und Hans Christoph Begemann (Bass) erleben wir ein hervorragendes Solistenquartett, das sämtliche Chorpartien mitsingt und nur für längere Soli aus der Gruppe der sechzehn Gutenberg-Soloists hervortritt. Dass Begemann am Ende einen verlängerten Applaus bekommt, verdankt sich wohl seiner beeindruckenden Fähigkeit, das Publikum mit Stimme, Mimik und Gestik gleichermaßen anzusprechen – gleichsam als guter Prediger in Tönen. 

 

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Hans Christoph Begemann - Ausdruck durch Stimme, Mimik und Gestik © Roland Kellner

Hans Christoph Begemann - Ausdruck durch Stimme, Mimik und Gestik © Roland Kellner

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Durch Abwechslung zur Wirkung

Sein Frankfurter Publikum nicht zu langweilen, scheint Telemanns oberster Grundsatz gewesen zu sein. Anders als die Neujahrskantate dauern die übrigen kaum länger als 15 Minuten, und keine der fünf Kantaten des Abends folgt demselben Schema. „Stern aus Jacob, Licht der Heiden“ (zum Epiphanias-Fest „Heilige Drei Könige“, TVWV 1:1398) präsentiert zwei (königliche) Trompeten statt der Oboen und Hörner, beginnt mit einer Sopran-Arie und bringt das eigentliche Motto mit dem Dictum erst am Ende mit einem ausgedehnten Chorsatz. - „Fraget nicht, was mich betrübet“ (zum 1. Sonntag nach Epiphanias, TVWV 1:553) fügt den Streicher nur Oboen hinzu, beginnt mit einer Bass-Arie und kleidet das Dictum in ein Duett zwischen Bass und Tenor als vorletzte Nummer. - „Warum betrübst du dich, mein Herz?“ (zum 2. Sonntag nach Epiphanias, TVWV 1:1499) sieht eine solistische Viola da Gamba vor, die in der Sopran-Arie „Ach, ich bin arm“ eindringlich mit der Gesangssolistin duettiert. Das Dictum packt Telemann hier in den Eingangschoral, der vom Tenor unterbrochen wird. -  „Gott verlässt die seinen nicht“ (zum Sonntag nach Neujahr“, TVWV 1:689) ist mit vollem Solistenquartett, zwei Oboen und drei Hörnern wieder besonders stark besetzt, beginnt mit einer Bass-Arie und endet mit dem Dictum in einem Schlusssatz mit Alt-Solo und Chor. Insgesamt hat man den Eindruck, in dieser Musik manifestiere sich ein frommes, aber waches und weltzugewandtes Christentum, und der Komponist lege Wert darauf, die gottesdienstliche Gemeinde gestärkt in den Alltag zu entlassen. 

Darüber hinaus gibt es einige musikalische Überraschungen: Eine gewaltige Halleluja-Steigerung am Ende von Nr. 1398, eine Chaconne mit einer zweitaktigen Choral-Andeutung als Finale von Nr. 553, eine rhythmisch hochkomplexe Polonaise als Schlussnummer in Nr. 1499, und ein außerordentliches „Tutti“ als vorletzten Satz von Nr. 1:689. Inhaltlich geht es in dieser Kantate um die biblische Erzählung von der Flucht Josefs und Marias mit dem neugeborenen Jesus nach Ägypten, durch die das Kind dem vom König Herodes angeordneten Kindermord entgehen soll. Mit der Versicherung „Gott,verlässt die Seinen nicht. Lass Tyrannen immer wüten,“ beginnt schon die einleitende Bass-Arie. Gegen die Bedrohung setzt der Textdichter Neumeister explizit die Losung „Gott mit uns!“. Telemann exponiert sie  im „Tutti“ gleich zu Anfang markant als gebrochenen absteigenden Sextakkord und verwebt diesen dann in einen ausgedehnten Tonsatz. Der wirkt, als ob sich wie in einer Volksversammlung nach und nach fast alle Mitwirkenden spontan, also in nicht festgelegter Reihenfolge, mit dieser Überzeugung zu Wort melden – das Solistenquartett, die einzelnen Chorstimmen, ja sogar – wortlos, aber sprechend – die Hörner. 

Die Deutung, dass der Komponist Telemann hier explizit republikanisches Selbstbewusstsein gegen fürstliche Willkür setzte, dürfte kaum überzogen sein. Schließlich hatte Telemann Erfahrungen als Kapellmeister an zwei Fürstenhöfen gemacht, bevor er sich für den Rest seines Lebens nacheinander in den zwei Stadtrepubliken Frankfurt und Hamburg niederließ. In seiner Autobiographie für Johann Matthesons Lexikon „Grundlagen einer Ehrenpforte“ berichtet er ausdrücklich, wie er zu seiner Verblüffung zwei Entlassungswellen am fürstlichen Hof von Sorau überstand, obwohl doch gemeinhin die Musiker als erste gekündigt würden. Geradezu frappierend aber ist, wie sich diese 311 Jahre alte  Kantate am Ende des Frankfurter Neujahrskonzertes als aktueller Appell gegen Autokraten jedweder Couleur lesen lässt. Es scheint jedenfalls, dass das Programm einen Nerv getroffen hat, denn nach dem Konzert sieht man noch etliche Kleingruppen aus dem Publikum im Gespräch beieinander stehen.

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