Mit der Stadt Wien verbindet man Musiker wie etwa Wolfgang Amadeus Mozart, Gustav Mahler und Johannes Brahms bis hin zu dem zeitgenössischen Liedermacher Peter Cornelius. Manche Menschen nennen Wien die „Weltstadt der Musik“. Diese musikalische Ader der Stadt reicht bis in die höchsten gesellschaftlichen Kreise: Am vergangenen Wochenende wurde Josef Grünwidl zum 17. Erzbischof der Erzdiözese Wien geweiht. Natürlich ist er Theologe, das ist guter Brauch unter Bischöfen, aber er ist auch Kirchenmusiker!
Das Wappen des neuen Wiener Erzbischof Josef Grünwidl. © Erzdiözese Wien
„Musik ist mein Hobby, Priester werden meine Berufung“ – Josef Grünwidl zum neuen Erzbischof von Wien geweiht
Wie eine Bombe schlug 2025 in der katholischen Kirchenmusik in Deutschland die Nachricht ein, dass der Verband Deutscher Diözesen dem „Allgemeinen Cäcilienverband für Deutschland“ (ACV) ab 2027 den bisher gewährten Zuschuss in Höhe von 50.000 Euro nicht mehr zur Verfügung stellen werde. Dadurch ist die einzige hauptamtliche Stelle in diesem Verband gefährdet, im schlimmsten Fall das arbeitsfähige Fortbestehen des Verbandes. In seinem Artikel „Kopflose Kirchenmusik“ arbeitet Guido Krawinkel heraus: Wenn der Dienstherr der Kirchenmusiker „ein Händchen für die Kirchenmusik hat … und [ein] von gegenseitigem Respekt geprägtes Arbeitsverhältnis …pflegt, kann ihr Wirken sehr erfüllend und fruchtbar sein.“
Wie wunderbar muss es sein, wenn der oberste Dienstherr der Kirchenmusiker selbst Kirchenmusiker ist? In der Erzdiözese Wien ist am 24. Februar 2026 ein neuer Erzbischof in sein Amt eingeführt, geweiht worden. Betrachtet man das bischöfliche Wappen von Josef Grünwidl, so findet man im oberen rechten Geviert ein Symbol, das möglicherweise einmalig, sicher aber selten in Wappen zu finden ist: fünf Orgelpfeifen. Hier wird weit mehr als nur ein lockeres Interesse des Erzbischofs an Orgeln oder Orgelmusik, im weiteren Sinn an der gesamten Kirchenmusik angedeutet.
Josef Grünwidl absolvierte parallel zu seinem Theologiestudium an der Universität Wien ein Studium im Konzertfach Orgel an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien. Anfangs war er noch hin- und hergerissen zwischen diesen beiden doch so unterschiedlichen Lebenskonzepten. Während seines studentischen Auslandsjahres in Würzburg war dann für ihn klar: „Musik ist mein Hobby, Priester werden meine Berufung.“
Fünf Orgelpfeifen
Zu den fünf Orgelpfeifen im Wappen liest man auf der Homepage der Erzdiözese Wien: „Die Orgelpfeifen im rechten oberen Teil [des Wappens] zeigen an, dass Erzbischof Grünwidl Musiker ist, und verweisen auf den bischöflichen Dienst der Einheit. Wie im Klangspektrum der Kirchenorgel verschiedene Register und Klangfarben, laute und leise Stimmen, hohe und tiefe Töne harmonisch zusammenklingen, sollen in der Kirche Menschen durch Glaube, Hoffnung und Liebe geschwisterlich vereint sein.“ Hier hört man heraus, wie für Grünwidl persönlich kirchliche und theologische Argumente natürlich wichtig sind, er sich aber immer wieder der Vehikel Musik und musikalische Sprache bedient, um einen sehr eigenen Zugang zu den Menschen und deren Herzen zu gewinnen sucht.
Das Wappen des neuen Wiener Erzbischof Josef Grünwidl. © Erzdiözese Wien
Ein zweiter Hinweis auf Grünwidls kirchenmusikalische Prägung findet sich unter dem Wappenschild in seinem Wahlspruch, den er selbst über sich und sein Amt gestellt hat: „Melodiam Dei recipite“, zu deutsch: „Nehmt Gottes Melodie [sic!] in euch auf“. Dieser Wahlspruch ist ein Zitat aus einem (im Original in in griechischer Sprache verfassten) Brief des heiligen Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (gestorben möglicherweise um 108) an die Epheser. Hierzu abermals die Homepage der Erzdiözese Wien: „Damit ist das seelsorgerliche Anliegen des Erzbischofs angedeutet, die „Melodie Gottes, das Evangelium, die Frohe Botschaft den Menschen ins Ohr und Herz zu pflanzen.“
„Musikalische“ Predigten
Grünwidl verwendet in seinen Predigten immer wieder eine musikalische Nomenklatur, um theologische Sachverhalte zu veranschaulichen. So sagte er – damals noch Apostolischer Administrator – in seiner Gründonnerstagspredigt 2025: „Ein wichtiger Baustein der abendländischen Musik ist der Dreiklang, der aus dem Grundton, der Terz in der Mitte und der Quint als 3. Ton besteht. Wie in jedem festlichen Gottesdienst wird uns auch heute am Gründonnerstag die Botschaft des Glaubens als Dreiklang verkündet: Alter Bund, Apostelbrief und Evangelium. Erst in diesem „eucharistischen Dreiklang“ kommt das ganze Geheimnis des Gründonnerstags zum Klingen.“
Josef Grünwidl im Dezember 2025 an einer Orgel. © Erzdiözese Wien / Stephan Schönlaub
In seiner Ansprache nach der Bischofsweihe sagt Grünwidl: „Mein Wahlspruch drückt aus, wie ich meinen Dienst und meine Sendung als Erzbischof verstehe: Gottes Melodie, die Partitur des Evangeliums, im eigenen Leben und in vielen anderen Menschen zum Klingen bringen, und zwar […] inspiriert und begeistert durch unseren Dirigenten, den Heiligen Geist […]“.
Übrigens haben viele Bischöfe ein zweites geisteswissenschaftliches Standbein. Die Fachgebiete sind unterschiedlich und weit gefächert, häufig handelt es sich aber um Philosophie. Professionelle Musiker gibt es eher selten – in Wien allerdings sitzt mit Grünwidl bereits der zweite Musiker auf dem Bischofsstuhl: Am 13. November 1513 wurde Georg von Slatkonia, der vormals am Hof von König Maximilian I. Kantor, Singmeister und Kapellmeister gewesen ist, zum ersten Bischof von Wien geweiht. Zuvor wurde das Bistum Wien von Bischöfen anderer Bistümer quasi mitverwaltet.
Anmerkung:
- Achtung! Der einfachen Verständlichkeit halber wurde hier das Wappen von vorn betrachtet und die Ortsangaben „links“ und „rechts“ in der allgemein üblichen Weise verwendet. Heraldiker dagegen betrachten Wappenschilde so, als ob sie sich hinter diesen befinden würden. Daher würde ein Heraldiker der Ort den fünf Orgelpfeifen auf dem Wappenschild als links [sic!] oben definieren und bezeichnen.
Hörbeispiel:
- Johann Baptist Schiedermayer (1779 – 1840): „Präludium für die heilige Weihnachtszeit“ op. 76, Nr. 6 – an der Orgel: der designierte Erzbischof von Wien, Josef Grüwidl (Aufnahme vom 2. Dezember 2025)
Weitere Informationen:
- Homepage der Erzdiözese Wien: https://www.erzdioezese-wien.at
- Homepage von Erzbischof Josef Grünwidl: https://www.erzdioezese-wien.at/unit/erzbischof/home
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