Mit seinem Liederzyklus „Käfer töten“ hat der Komponist und Pianist Alexander Maria Wagner überzeugend dokumentiert, dass er Grenzen auslotet und das Verstörende sucht.
Sich mit fröhlicher Anarchie dem Genormten widersetzen: Alexander Maria Wagner. Foto: Thomas Maluck
Käfer töten in der Unterwelt der Psyche
Es gibt diesen Moment, in dem ein braver Junge beschließt, kein braver Junge mehr zu sein. Bei Alexander Maria Wagner kam dieser Moment schleichend und kulminiert nun in einem Album, das alles ist, was klassische Musik angeblich nicht sein darf: „Käfer töten“. Ein schräges Panoptikum aus Wahnsinn und schwarzem Humor, das uns hineinzieht in die Labyrinthe des Unbewussten. Eine Zumutung für die Ohren, ein Marathon fürs Gehirn. Wer durchhält, wird belohnt.
Alles fing scheinbar ordentlich an: geboren 1995, Klavier mit vier, Komposition mit sieben. Studium am Mozarteum Salzburg, dann die Verfeinerung am Royal College of Music London. Mit vierzehn schrieb er seine erste Sinfonie: „Kraftwerk“, eingespielt vom Sofia Philharmonic Orchestra. Lehrer wie Tristan Murail, Franz Hummel und Pavel Gililov formten sein Können. Das könnte „Wunderkind-Stoff“ sein, wie ihn die Feuilletons lieben. Aber Wagner hat erkannt, dass wahre Kunst immer auch etwas mit Subversion zu tun hat. „Wir müssten viel mehr das Irritierende suchen“, sagt er. „Was soll ich in den Dingen schwimmen, die mir seit je und je klar sind?“
Der Entstehungsprozess von „Käfer töten“ erstreckte sich über Jahre. Den Anfang machten Texte in kindlicher Sprache, ziellos in einem Café niedergeschrieben. Dazu ein Koffer voller Skizzen: Melodien, die Wagners Klavierlehrer notiert hatte, als er selbst zwischen fünf und acht war. „Man kann keine Melodie mehr schreiben wie ein Sechsjähriger, wenn man so viel Musik gehört hat.“ Jede Romantisierung der Kindheit ist ihm zuwider: „Man tut Kindern unrecht mit dieser permanenten Reduktion aufs Naive. Kinder haben eine große Sensorik und ein genaues Gespür für das, was zwischen den Dingen liegt.“ Also keine Verklärung, sondern ein Abstieg in die Unterwelt der Psyche – wo Angst, Gier, Traurigkeit, Lust und Wahn widerstreiten in einem Reigen verlorener Erinnerungen. Hier geht niemand auf Nummer sicher.
Graham F. Valentine ist Schauspieler, Sänger und Stimmkünstler und gehört seit den späten Sechzigerjahren zur Gruppe rund um den Züricher Theatermacher Christoph Marthaler. Foto: Thomas Maluck
Im Zentrum dieses skurrilen Liederzyklus steht der schottische Schauspieler Graham Forbes Valentine. Zwischen gutturalem Gesang und hysterischem Falsett, zwischen Moritat und Melodram erkundet er alle Zwischenwelten von Sprech- und Singstimme. Neun Stationen führen von „Sommer“ über „Beschützertier“, „Planetenteleskop“ und „Lügenbaron“ bis zum finalen „Regenbogen“ – schon die Titel deuten an, dass hier niemand auf Nummer sicher geht. Auch die instrumentalen Gesten wirken drastisch: Brutale Klavierfortissimi prasseln aufs Bewusstsein ein, gellende Piccoloflöten bedienen das Hörspektrum am obersten Rand. Tonalität ist zum Verbiegen da – als würde Wagner mit augenzwinkerndem Sadismus die Zuhörer in die dunkelsten Ecken der Vorstellungskraft ziehen. Der zehnminütige „Regenbogen“ am Schluss – Valentine schlüpft in fünfzehn Rollen, Ekstase und Psychose verschwimmen – ist ein einziger ungeschnittener Take.
Dieses Werk ist keine Momentaufnahme: Über eineinhalb Jahre wurde geprobt, immer wieder trafen sich die Beteiligten, führten Teile auf. „Eine solche Qualität hätten wir mit zwei Tagen Probe niemals erreicht.“ Beim Hören kann man dem nur zustimmen. Warum dieser Titel? „Der Käfer kann eine Chiffre sein für Fantasien, die wir in uns abtöten müssen, um in dieser Welt zu bestehen.“ Käfertöten als Notwendigkeit und Sakrileg zugleich. Wagner lebt heute in Wien, ist bei der Universal Edition unter Vertrag. Er arbeitet an einer Oper, einem Streichquartett und dem Chorwerk „Octocorallia“. Parallel gastiert er mit den Goldberg-Variationen – zehn Wochen Klausur im letzten Sommer. Sein augenzwinkerndes Fazit: „Man wird etwas menschenfeindlich, wenn man sich wochenlang nur mit den schönsten Kontrapunkten der Welt beschäftigt.“
Mit „Käfer töten“ (beim Label TYXart auf CD und auf Vinyl erschienen) hat Wagner eine Visitenkarte abgegeben, bei der viel Fantasie auf die schiefe Bahn geriet. Gut so. Denn es zeigt, dass es sie weiterhin gibt: junge Menschen, die sich tief ernst und zugleich mit fröhlicher Anarchie dem Genormten widersetzen.
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