„Ich plane meinen Urlaub alle zwei Jahre genau so, dass ich alle Konzerte auf Usedom miterleben kann.“ Diese Aussage hört man nicht selten am Eingang der Konzertorte der Internationalen Jugendkammerchor-Begegnung, veranstaltet vom Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ). Zehn Tage lang singen mehr als 200 junge Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Ländern Europas in Usedoms Kirchen und Konzertmuscheln. Auf der einen Seite also ein kleiner Beitrag zum Image der Urlaubsinsel Usedom, sind diese Tage im August vor allem ein Fest des Singens, der Chormusik und der Begegnung junger Sängerinnen und Sänger.
„Money, Money, Money“: Die Jugendkantorei St. Marien Osnabrück verfügt über ein breites Repertoire. Foto: AMJ
Qualität und Begegnung
Aus Lettland, Polen, Spanien, aus Osnabrück, Berlin und Wolgast kamen die Chöre in diesem Jahr. Sie bringen Repertoire von zu Hause mit und präsentieren sich damit in Begegnungs- und weiteren Konzerten. Sowohl die anderen Teilnehmenden als auch das Inselpublikum bekommen so einen Eindruck von den Stimmen, den Stärken, den Musikkulturen der jeweils anderen Chöre. Die beteiligten Mädchenchöre, Mädchenchor Skowronki (Polen) und Mädchenchor Riga (Lettland), beide nicht zum ersten Mal auf Usedom, präsentierten sich beeindruckend mit ihrer Chor- und Stimmkultur und brachten ein reichhaltiges Repertoire aus ihrer Heimat mit. Der Jugendchor Santísima Trinidad Valencia (Spanien) zeigte ebenfalls ein auch stilistisch breites Repertoire und begeisterte am Schluss mit seinem „Tequila Samba“. Die sehr erfahrenen Sängerinnen und Sänger des Jungen Chores der Deutschen Oper Berlin hatten internationale Stücke im Gepäck und reisten musikalisch von den Philippinen bis nach Schottland. Die Stückauswahl der Jugendkantorei St. Marien Osnabrück ging – mit „Zwischenzielen“ – vom „Abendsegen“ aus „Hänsel und Gretel“ bis zu „Money, Money, Money“ von ABBA. Der Jugendchor des Runge- Gymnasiums Wolgast schließlich hatte das – in der DDR verbotene – Pommernlied mitgebracht, aber auch Traditionelles aus Südafrika oder Bob Chilcotts „Can you hear me?“.
Die Idee dieser Chorbegegnung geht aber über diese Konzerte hinaus: In gemischten Ateliers erarbeiten die Sänger:innen mit international renommierten Chorleiter:innen allen Teilnehmer:innen zuvor unbekanntes Repertoire. So entsteht nicht nur Neues, sondern auch Begegnung auf musikalischer Ebene. Und wo könnte sie leichter fallen als im gemeinsamen Singen? Im fulminanten Abschlusskonzert in der Wolgaster St.-Petri-Kirche wurden die Ergebnisse der Atelierarbeit präsentiert.
Basilio Astulez aus Spanien machte mit seinem Mädchenchor-Atelier eine Reise in seine Heimat, das Baskenland, eine Region mit einer tief verwurzelten Chorkultur und zahlreichen zeitgenössischen Komponist:innen, die in diesem Bereich Neues schaffen: ein Attacca-Programm mit vielen choreografischen Einlagen – wie überhaupt Bewegung, Szenisches allen Programmteilen einen zusätzlichen Effekt gaben. Agnes Schnabl aus Österreich wählte für ihr Atelier unter anderem Johannes Brahms’ „Waldesnacht“ – und diese auch als Überschrift für ihr Programm. Besonders effektvoll ihr Schlussstück „Fisches Nachtgesang“. Wer das zugrunde liegende Gedicht von Christian Morgenstern kennt, kann sich womöglich vorstellen, wie das Werk klang. Başak Doğan aus der Türkei schließlich überschrieb ihr Programm mit „This is my Sound“. Mit Volksmelodien, zeitgenössischer Chormusik und Gospels ging sie gemeinsam mit den Sänger:innen auf musikalische Entdeckungsreise.
Das ohnehin bereits begeisterte Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Wolgaster Kirche geriet fast außer Rand und Band, als schließlich die mit allen Teilnehmer:innen gemeinsam erarbeiteten Stücke gesungen wurden. Hier gab es Ohrwürmer, auch einen Jodler, den Agnes Schnabl mitgebracht hatte und den nicht nur die deutschen Teilnehmer:innen, sondern auch Spanier:innen, Lettinnen und Polinnen mit größter Freude gestalteten. Überhaupt war die Freude in jeder gesungenen Note spürbar: ein Mutmacher in Zeiten, in denen internationale Verständigung nicht leichter wird und der musikalischen Bildung nicht die Bedeutung zuerkannt wird, die ihr zusteht. Gerade diesen Zielen verschreibt sich der AMJ insbesondere mit seinen internationalen Kinder- und Jugendchorbegegnungen. Immer geht es um musikalische Qualität, um ernsthaftes Proben und Musizieren, um hochwertige Konzerte. Es geht aber auch um die Bedeutung, die das gemeinsame Singen für die jungen Menschen hat und nicht zuletzt die Begegnung über Chor- und Landesgrenzen hinaus. Wichtig wäre es, dass die Menschen, die über politische Programme, Schwerpunkte und natürlich auch über die Verteilung von Geldern entscheiden, solche Höhepunkte wie das finale Konzert der Jugendkammerchor-Begegnung selbst und „hautnah“ erleben. Dann nähme die eine oder andere Entscheidung sicher eine andere Richtung.
Im September 2027 steht der EUROTREFF Wolfenbüttel auf der Agenda. Dann treffen sich zirka 600 Kinder und Jugendliche aus Europa und der Welt, um die kleine niedersächsische Stadt mit Chorklängen zu begeistern. Darauf darf man gespannt sein.
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