Schlenker-Rapke: Komposition ist ja ein Studiengang an Musikhochschulen. Kann man nach Abschluss eines Kompositionsstudiums von dieser Profession leben?
Becker: Pauschal kann man das genauso wenig beantworten wie bei einem Solisten-Studium. Manche können das, manche haben ähnlich wie bei Instrumentalisten einen Mix aus Unterrichten, Auftritten und eben Schreiben. Grundsätzlich kann man aber festhalten, dass es zunehmend schwerer wird ausschließlich vom Schreiben zu leben. Dies liegt natürlich stark an der sich verändernden Branche, sinkenden Tantiemen von den Verwertungsgesellschaften, aber eben auch an dem fehlenden Bewusstsein für eine angemessene Preisgestaltung.
Schlenker-Rapke: Woran bemisst sich der finanzielle Wert einer Komposition, eines Arrangements?
Becker: Auch hier ist es ähnlich wie bei einem Bühnenkünstler. Eine Mischung aus Zeitaufwand und künstlerischem „Standing“. Letzterer Punkt ist natürlich eher ein „Softfact“. Aber selbstverständlich hat jeder Künstler seinen Marktwert, der auch zu einem gewissen Grad in die Preisgestaltung einfließt. Die hier dargestellten Preise beziehen sich auf einen Mindeststandard, der die Arbeitszeit in ein Verhältnis zu einer angemessenen, existenzsichernden Entlohnung setzt. Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass Arrangements in der Regel immer als Einmalzahlung honoriert und aus urheberrechtlichen Gründen keine Tantiemen ausgeschüttet werden, ganz egal wie oft die Bearbeitung aufgeführt wird.
Schlenker-Rapke: Wer sind die Auftraggeber für Kompositionen und/oder Arrangements?
Becker: Das kann vom Musikschulorchester, über den Gesangsverein, das städtische Blas- oder Akkordeonorchester, ein Theater, eine der unzähligen freien Bigbands und Orchester oder die institutionalisierten Big- Bands, Staats-, Rundfunk- und Militär-Orchester gehen. Oft brauchen die Klangkörper Bearbeitungen für Sänger:innen oder Spezialarrangements, die es bei den einschlägigen Verlagen nicht zu kaufen gibt. Natürlich auch Auftragskompositionen für spezielle Anlässe, Konzerte und so weiter. Wie man sieht ist das ein riesiger Markt, dessen Preisgestaltung aber allzu oft fernab jeglicher wirtschaftlicher Realität ist.
Schlenker-Rapke: Was muss sich für Komponistinnen und Komponisten finanziell konkret verbessern?
Becker: Es braucht eine Orientierungshilfe für eine angemessene Vergütung von Komponist :innen und Arrangeur:innen. Oft fehlt das Bewusstsein wieviel Zeit die Erstellung eines Arrangements oder einer Komposition beansprucht, wieviel Wissen, Erfahrung und Ausbildung nötig sind, um dies gewissenhaft und auf hohem Niveau auszuführen. In der Regel sprechen wir beim Arrangieren und Komponieren nicht von mehreren Stunden, sondern von mehreren Tagen. So erklärt sich auch, dass der Preis für ein Arrangement schnell im fünfstelligen Bereich liegen kann. Die Honorarstandards im Bereich Komposition und Arrangement soll zum einen den Kolleg:innen mehr Sicherheit im Verhandeln von angemessenen Gagen bieten. Zum anderen können sich Auftraggeber:innen so ein Bild machen, was branchenübliche Sätze für die jeweilige Besetzung und Länge der Komposition beziehungsweise des Arrangements sind.