Anfang Juli im niedersächsischen Worpswede: das Haus Bertelsmann des Dorfes öffnet seine Türen für das Publikum. Langsam gewöhnt sich der Körper an die Kühle des Raumes. Langsam nimmt das Ohr die Stille wahr. Langsam gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit.
Im „Flügelwald“ eines Sommers
Das Bauernhaus aus dem Jahr 1785 ist das älteste Haus in Worpswede. 1918 hat es das Malerpaar Walter und Erna Bertelsmann erworben und umgestaltet. Mit großem Respekt. Außen hat es wenig geändert, innen entsteht ein Künstlerhaus für sich und die Familie. Seit 2013 gehört das Haus Dietlind Bertelsmann, die es mit ihren Kunst-Projekten wieder zum Leben erweckt hat. „Walden“ nannte sie ihre jüngsten Kunsttage im diesjährigen Sommer.
Das Publikum nimmt Platz im großen Wohnzimmer des Hauses. Noch immer ist es dunkel, aber vielleicht kann das Auge die großen Konturen von Skulpturen erahnen: vom „Flügelwald“, der Installation von Dietlind Bertelsmann. Eine Stimme erhebt sich, dann eine zweite und dritte. Es ist immer dieselbe Stimme, die miteinander ins Gespräch kommt. „Three voices“ heißt das legendäre Werk des Amerikaners Morton Feldman. Darin verarbeitet er den Tod zweier Freunde. Zwei Stimmen werden von Lautsprechern übertragen, die dritte Stimme wird – hier von der Sopranistin Nicole Ferrein – live gesungen. Feldman bezeichnet sein Werk als Austausch der lebenden Stimme mit den Toten. Nicole Ferrein geht, gleitet, schwebt durch den „Flügelwald“ aus vier großen, im Raum hängenden Skulpturen. Von innen heraus werden nun sie angeleuchtet. Sie färben sich rot-orange, ihre Haut aus Papier leuchtet und die zarten Adern und Verästelungen werden sichtbar.
Dietlind Bertelsmann arbeitet gern mit dem Material: Japanpapier, das sehr robust ist, vielfach gefärbt mit einer Tinktur aus Khakifrüchten und dem Licht der Sonne. Sie hängt die Skulpturen an Fäden auf, sodass sie wie Marionetten bewegt werden können. Sie drehen sich, verändern so ihre Form, sehen aus wie menschliche Gebilde oder riesige Vögel. Jeder liest sie anders.
Am Ende wird die Tür des Raumes geöffnet, das abendliche Sommerlicht trifft die Augen des Publikums und die Skulpturen zeigen sich wie Scherenschnitte. Behutsam werden sie heruntergelassen, wie ersterbende Wesen gleiten sie zu Boden. Die Musik endet, die Sängerin steht inmitten der vergehenden Figuren. Dann ist es still, lediglich Geräusche von draußen und der Atem erfüllen den Raum.
Nach der Ausstellungseröffnung ist der „Flügelwald“ über mehrere Wochen zugänglich. Bertelsmann erzählt, dass das Blatt für sie ein bedeutendes Symbol ist. Es weht im Wind und vertrocknet. Wenn man es dann in die Hand nimmt, zerfällt es. Aber zuvor ist es eine Skulptur mit allen Verästelungen des Lebens. Wenn Bertelsmann am Fluss sitzt, beobachtet sie die Bäume im Wind, die sich im Wasser spiegelnden Blätter und Wolken, die vorbeiziehen und dabei das Licht stetig verändern. Sie sieht den Vögeln zu, wie sie über Wasser und Landschaft gleiten. Ihr Ohr nimmt die Sinfonie der Jahreszeiten in sich auf. Daraus erwachsen ihre künstlerischen Ideen.
Mit dem Werk „Walden“ des amerikanischen Philosophen Henry Thoreau fühlt sie sich sehr verbunden: „Wie unerschöpflich groß ist der Einfluss der geheimen Kräfte des Himmels und der Erde! Wir suchen sie zu erblicken und sehen sie nicht, wir suchen sie zu vernehmen und hören sie nicht. Eins mit der Substanz der Dinge, können sie von ihnen nicht getrennt werden. Sie sind ein Ozean der feinen Mitteilungen. Sie sind überall – über uns, – zu unserer Linken, zu unserer Rechten; sie umgeben uns von allen Seiten.“
Am Ende der Projekttage „Walden“ erinnern Dietlind Bertelsmann und der Cellist Friedrich Gauwerky an ihren gemeinsamen engen Freund, den 2024 verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm. Für die drei Instrumente des Programms Violine (Alexandra Greffin-Klein), Violoncello (Friedrich Gauwerky) und Klavier (Florian Uhlig) schrieb er eine Fülle von solistischen und kammermusikalischen Werken. An diesem Abend erklingt Musik, die die unterschiedlichsten Schaffensperioden Rihms präsentieren.
Wieder ist alles in Stille getaucht. Nur eine Fliege schwirrt brummend durch den Raum, von der Sommerwiese hineingeflogen und den Ausgang suchend. Der Pianist Florian Uhlig beginnt mit einzelnen Tönen, Friedrich Gauwerky überträgt sie auf sein Cello. „Von weit“ für Cello und Klavier bewegt sich innerhalb eines engen Tonrahmens, still und gedämpft. Zart verschmelzen die Instrumente miteinander. Sie deuten an und kehren nach minimalen Ausbrüchen sofort in sich zurück.
Im „duomonolog“ ziehen und reiben sich die Geigerin Alexandra Greffin-Klein und Gauwerky von Anfang aneinander. Die Musik schlägt in alle Richtungen nach oben und unten aus und wird durch kleine Pausen durchsetzt. Sie scheint wie ein doppelter Monolog, könnte aber auch als eine Auseinandersetzung zu zweit mit sich selbst verstanden werden.
Und so geht es weiter durch das Programm. Gegensätzlich und vielstimmig. Die Musik Wolfgang Rihms bewegt auf einzigartige Weise und erfordert die gesamte Konzentration. Im „Klavierstück Nr. 6“ erklingen Töne, die durch den Raum gleiten und denen man lange folgt – in ihrem Auf und Ab, ihren Clustern und Harmonien, voller Energie und großer Gestik.
„Über die Linie“, Teil eines größeren Zyklus für Soloinstrumente, beinhaltet äußerst anspruchsvolle, gesangliche Stücke, die dem Spielenden und Zuhörenden einen langen Atem abverlangen. Eindrucksvoll, wie das Alexandra Greffin-Klein und Friedrich Gauwerky gelingt. Kurz vor seinem Tod schrieb Wolfgang Rihm „Lied ohne Worte – Verschwundene Worte“, zwei kleine Werke, die wieder zum Anfang seines Schaffens zurückzugehen scheinen, ohne seinen Weg bis zum Ende zu verleugnen. Es sind berührende Stücke, still und langsam.
Das Gedenkkonzert für Wolfgang Rihm ist eine große Hommage: Alexandra Greffin-Klein, Florian Uhlig und nicht zuletzt sein langjähriger Freund Friedrich Gauwerky haben einen sehr persönlichen Zugang zum Werk des Komponisten, spielen mit eigener Stimme und präsentieren dabei die ganze Komplexität seiner Musik.
Und so gehen die sommerlichen Projektwochen „Walden“ im Bertelsmannhaus beinahe so zu Ende wie sie begannen: in aller Stille und Bedächtigkeit. Behutsam, fern, traumhaft.
Die Türen zur Welt öffnen sich und vielleicht nimmt man sie nun ein ganz wenig verändert wahr.
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