Seit 2017 veröffentlicht der Tonkünstlerverband Baden-Württemberg die Honorarstandards. Federführend durch die Referatsleiterin Anja Schlenker- Rapke und die Arbeitsgruppe „Honorarstandards“ wurden die Inhalte und Zahlen zusammengestellt. Im Mai erscheint nun die 10. Auflage. Grund genug nachfolgend für einen persönlichen Rückblick und konstruktiven Ausblick von Anja Schlenker-Rapke, die sich seit über 10 Jahren für dieses wichtige Thema einsetzt und Verbandsmitglieder ehrenamtlich berät. Dafür sind wir als Tonkünstlerverband Baden-Württemberg sehr dankbar.
Anja Schlenker-Rapke engagiert sich federführend für Honorarstandards. Foto: © Margot Jehle
Zehn Jahre Honorarstandards in Baden-Württemberg
Rückblick – Die Notwendigkeit, über Geld zu sprechen
Bereits im Jahr 2015 fasste der Vorstand des Tonkünstlerverbandes Baden-Württemberg den Beschluss, Honorarempfehlungen herauszugeben, um Preisdumping für pädagogische und konzertierende Tätigkeiten einzudämmen und den Mitgliedern aufzuzeigen, wieviel verdient werden muss, um von musikalischer Arbeit leben zu können, Altersvorsorge inklusive. Als dieser Vorstoß öffentlich wurde, gab es erstaunlicherweise zunächst einmal massiven Gegenwind aus einigen anderen Landesverbänden, die uns in Baden-Württemberg Verletzung des Kartellrechtes vorwarfen und sogar rechtliche Schritte androhten. Ich selbst wurde 2015 in den Landesvorstand gewählt und mir wurde das neue Ressort „Honorarstandards“ vom damaligen Vizepräsidenten des DTKV und baden-württembergischen Vorstandsmitglied Ekkehard Hessenbruch vorgeschlagen. Da mich das Thema interessierte und ich wirtschaftliche Kompetenz mitbrachte, nahm ich die Herausforderung an, die zunächst darin bestand, die rechtlichen Grundlagen und die Vorwürfe aus den anderen Bundesländern zu prüfen. Tatkräftig und wirksam unterstützt vom damaligen Geschäftsführer Eckhart Fischer, machte ich mich an diese Arbeit. Verbandseigene Juristen wurden befragt und auch ein Telefonat geführt mit dem Justiziar der Deutschen Orchestervereinigung (heute UNISONO), die im selben Jahr bereits Honorarstandards für freie Tätigkeit in Orchestern herausgegeben hatte. Sie bestärkten uns in der Rechtssicherheit unseres Vorhabens.
So rief ich 2016 zur Gründung einer Arbeitsgruppe „Honorarstandards“ auf, mit dem Ziel, im Sommer 2017 zur Mitgliederversammlung in Baden-Württemberg ein praxistaugliches Zahlenwerk vorzustellen. Dem Aufruf folgten sechs interessierte Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Kontexten (musikalische Früherziehung, Big-Band-/Ensembleleitung, Unterricht, Konzerttätigkeit). Das erste Treffen fand im Herbst 2016 in der Geschäftsstelle in Stuttgart statt und es stellte sich heraus, dass sich eine sehr konstruktive, motivierte Runde zusammengefunden hatte. Zunächst galt es, den Bedarf an Einnahmen zu ermitteln, sprich die Ausgaben von Musikerinnen und Musikern aufzulisten, von Miete über Instrumentenwartung, Versicherungen, Altersvorsorge und so weiter sowie einen „Vollkostenrechner“ zu erstellen. Dieser wurde später von Uwe Christian Müller aus Berlin für die Website des DTKV digital eingerichtet und ist seit 2018 bis heute unter der Rubrik „Mitgliederservice – Musiker-Honorare“ (https://musiker-honorare.de) zu finden und zu benutzen. Aufgrund dieser Berechnungen entwickelte die Arbeitsgruppe konkrete Empfehlungen für frei verhandelbare musikalische Tätigkeiten (Unterricht, Konzerte, Events, Ensembleleitung), die 2017 als 1. Auflage zusammen mit einem „Ehrenkodex“ veröffentlicht wurden. Dieser „Ehrenkodex“ appelliert nach wie vor an alle Kolleginnen und Kollegen, nicht umsonst zu spielen oder zu singen, sondern für musikalische Leistungen adäquate Beträge zu verlangen. So sollte der Wert musikalischer Tätigkeit in den Fokus gerückt und das Image von professioneller Musikausübung aus der Vergnügungs-und Spaß-Ecke hervorgeholt werden. Im Nachhinein ist dies gelungen.
Die Reaktionen auf diese 1. Auflage waren allerdings heftig und ich musste mir als Verantwortliche viel gefallen lassen. Den einen war es zu wenig, die anderen beschimpften uns in Baden- Württemberg als „geldgeil“, dritte warfen mir kompletten Realitätsverlust vor. Konstruktive Zuschriften beantwortete ich gerne und arbeitete Vorschläge stetig über die Jahre in das Zahlenwerk ein, wobei sich der Katalog dadurch erweiterte und die Empfehlungen zielgerichteter wurden. So kamen Korrepetition, Gruppenunterricht, musikalische Früherziehung, Jazz und Weltmusik hinzu, die Empfehlungen für Events wurden angepasst und in der 10. Auflage 2026 kommt durch den ersten Impuls von Adrian Werum und auf Anregung meines Vorstandskollegen Prof. Tobias Becker noch der große Bereich „Komposition und Arrangement“ dazu. In den letzten Jahren wurde ich mehr und mehr zur Ansprechperson in Sachen Honorare für unsere Mitglieder, aber auch für Veranstalter oder Chöre und Orchester, die nach angemessener Vergütung für ihre Leitungsposition fragen. Ich wurde an Musikhochschulen (Mannheim und Detmold) für Online- Seminare zu diesem Thema eingeladen und gebe regelmäßig einmal im Jahr ein Online-Seminar „Let’s talk about Money“ für die Mitglieder in Baden-Württemberg. Es tat sich etwas und das war gut so!
Ausblick – Honorar-empfehlungen in Krisenzeiten
Und es tut sich weiter etwas! Mittlerweile haben fast alle Landesverbände des DTKV eigene Honorarstandards für ihre Region entwickelt. Das Honorarniveau ist gestiegen und das Bewusstsein der Musikschaffenden für wirtschaftliche Belange gewachsen. Auch andere Verbände im Musikbereich veröffentlichen Honorarempfehlungen und das Thema steht mittlerweile auf allen politischen Ebenen auf der Agenda. Zuletzt hat der Deutsche Musikrat für öffentlich geförderte Projekte Honoraruntergrenzen und angemessene Honorare formuliert.
2020 kam die Corona-Pandemie, 2022 begann der Ukraine-Krieg und seit 2026 gibt es den Iran-Konflikt, der die Inflation weiter anheizt mit nicht absehbaren Folgen – schwierige Zeiten für alle Kulturschaffenden. Gab es in und nach der Corona-Pandemie noch Fördergelder für musikalische Projekte, sind die öffentlichen Töpfe leer. Deutschland stellt sich auf Kriegswirtschaft ein. Sponsoring wird aufgrund der schlechten Situation auch großer Wirtschaftsunternehmen immer schwieriger.
Inflation betrifft alle, Musikschaffende, aber auch das Publikum und die Familien der Schülerinnen und Schüler, die wir unterrichten. Sollen wir nun den Unterricht und Konzerttickets noch teurer machen, um finanzielle Einbußen auszugleichen? Der Tonkünstlerverband Baden-Württemberg hat sich 2026 dazu entschlossen, die Honorarempfehlungen in diesem Jahr nicht zu erhöhen, sondern sorgfältig die weitere wirtschaftliche Gesamtentwicklung zu beobachten. Nach wie vor empfehle ich aber Lehrkräften, die Gebühren jährlich und moderat um 3,00 bis 5,00 Euro pro Vertrag oder Einzelstunde anzupassen, bei Neuverträgen gleich höher einzusteigen, um nicht in ein Defizit zu geraten, das dann durch einen großen, schwer zu vermittelnden Preissprung behoben werden muss. Nach wie vor sind Konzerte gut besucht, auch wenn sie Geld kosten. Das Bedürfnis nach Kultur in Krisenzeiten ist deutlich spürbar. Musikunterricht und gemeinsames Musizieren in Chören und Orchestern gibt Amateuren und Profis Kraft. Unser Beruf hat gesellschaftliche Relevanz, daher sollten wir auch in Krisenzeiten mit Augenmaß und Verstand weiter am Thema Honorare und Existenzsicherheit arbeiten.
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