Am 8. August wurde Prof. Kurt Suttner 90 Jahre alt. Als Dirigent, Pädagoge, Gründer des via-nova-chors und der Bayerischen Singakademie hat er die bayerische Chorszene über Jahrzehnte geprägt und zu ihrer Weiterentwicklung beigetragen. Weggefährtinnen und Weggefährten aus fast 6 Jahrzehnten erinnern sich an einen Pionier, Mentor und Möglichmacher – und gratulieren herzlich zum Geburtstag
Kurt Suttner. Foto: Bettina Theisinger
Pionier, Mentor, Möglichmacher
„Hättest du nicht Lust, im Chor mitzusingen?“
Es muss etwa in der 7. oder 8. Klasse im Münchner Pestalozzi-Gymnasium gewesen sein. Die Stunde, in der wir für die Musiknote vorsingen sollten, war zu Ende, da stellte mein Musiklehrer diese Frage. Sofort wurde ich natürlich begeistertes Mitglied in besagtem Chor. Etwas später, ich war wahrscheinlich so in der 10. oder 11. Klasse, kam mein Musiklehrer erneut: „Könntest du dir vorstellen, Schulmusik zu studieren, Musiklehrer zu werden?“ Und wieder – wie schon beim ersten Mal – hatte diese Frage ganz entscheidend an meine Interessen und Fähigkeiten gerührt. Mein Berufsziel war nun klar.
Kurt Suttner habe ich über fünfzig Jahre lang immer so erlebt. Freundschaftlich und mit selbstverständlicher Akzeptanz für sein Gegenüber. Neugierig, verantwortungsvoll, immer mit wachem Instinkt für die Besonderheiten seiner Schüler, Sänger, Studenten, Mitarbeiter. Immer bereit, diese Menschen mit wohlbegründeten Fragen zu fordern und zu fördern, und immer bedacht, nichts zu erzwingen, sondern alles zu ermöglichen. Manchmal aber stellte er eine Frage auch ein zweites, ein drittes Mal. Aufgeben war seine Sache nicht.
Großer Dank sei Kurt Suttner, dem „Frager“ und Freund. Und zum Geburtstag nun alles erdenklich Gute!
Georg Allescher
Esprit, Kompetenz und Charisma
Dezember 1970. Weihnachtskonzert des Pestalozzi-Gymnasiums München in der Matthäuskirche. Wir Sechstklässler haben uns zu Anfang hören lassen, nun singt der Oberstufenchor eine Bach-Motette unter der Leitung von Kurt Suttner. Das Stück, die Stimmen, Technik und Ausdruck dieses Musizierens zu erleben, ist für mich eine Erweckungserfahrung: In so einem Chor möchte ich auch einmal singen!
Herbst 1971. Dirk, der große Bruder eines meiner Klassenkameraden und Mitglied des Oberstufenchors, erzählt davon, dass die begeisterten Schülerinnen auch nach dem Abitur weiter unter Suttners Leitung singen wollen und Suttner deshalb einen neuen Chor außerhalb der Schule gründe. Ein Name des Ensembles sei auch schon gefunden: via-nova-chor.
Herbst 1974. Kurt Suttner hat das Pestalozzi-Gymnasium gen Westen verlassen. Und ich gen Osten.
Frühjahr 1979. Die Vertretung der Schulmusikstudenten hat für die Semesterferien wieder die traditionelle Projektwoche auf der Burg Rothenfels organisiert und als Referenten für Chor Kurt Suttner eingeladen. Da fahre ich natürlich mit! Nach einer beeindruckenden Kurswoche frage ich Kurt Suttner, ob im via-nova-chor vielleicht ein Tenor gebraucht werde und ich mitsingen dürfe. Ich werde in den Chor aufgenommen, und so erfüllt sich der Wunsch meines elfjährigen Ichs. „Mein“ erstes Projekt ist, eigentlich untypisch für diesen Chor, die Mitwirkung bei einer Schallplattenproduktion des Cavalli-Requiems unter der Leitung von H. L. Hirsch. Mehrere Jahre lang darf ich im via-nova-chor singen, vorwiegend Chormusik des 20. Jahrhunderts, und dabei unmittelbar Kurt Suttners musikalischen Esprit erleben, seine Kompetenz und Energie, seinen Pioniergeist und sein Charisma als Künstler und Mensch. Danke, lieber Kurt! Ad multos annos!
Bernhard Hofmann
Mentor und Wegbereiter
1972, als Kurt Suttner seinen via-nova-chor (vnc) gründete, begann ich mein Schulmusikstudium an der Münchner Musikhochschule und bekam ihn in den ersten Semestern als hervorragenden Lehrer in Chorleitung. Hätte ich damals schon ahnen können, dass Kurt mein Leben prägen und mir zum großen Vorbild und Mentor werden würde?
1981 bin ich in den berühmten via-nova-chor eingetreten und ich kann mich glücklich schätzen, dort inzwischen seit 45 Jahren singen zu dürfen! Mein Einstieg begann gleich fulminant mit dem Besuch des schwedischen Hochschulchors unter Eric Ericson und einem gemeinsamen Konzert mit der Martin-Messe. Bald darauf lernte ich auch schon Schönbergs „Friede auf Erden“ kennen.
Kurt Suttner hat sich ohne Scheu jeder neuen Komposition gestellt und uns eine neue Welt erschlossen: Mit pädagogisch ausgefeilten Übungsblättern zu rhythmisch komplexen Strukturen, zu harmonisch ungewöhnlichen Fortschreitungen, zu graphischer Notation und vielem mehr hat er uns die unterschiedlichsten Kompositionen schmackhaft gemacht. Viele Komponisten durften wir auch persönlich kennenlernen. Als Pionier im Erkunden zeitgenössischer Chormusik war er zugleich ein weltweit vernetzter Dirigent und Lehrer.
Dank seiner Neugierde, seiner verbindenden Art und seiner guten Kontakte hat uns Kurt wunderbare Reisen ermöglicht: Zu zahlreichen Wettbewerben, die oft mit dem 1. Preis belohnt wurden, manchmal zu Dirigierkursen, die Kurt leitete. So kamen wir unter anderem nach Griechenland, Spanien, Italien, Irland, Ungarn, Finnland, Norwegen, ja sogar bis nach Korea und Taiwan.
1985 ereilte mich ein ähnliches Schicksal wie Kurt seinerzeit: Die Abiturienten meines Schulchores am Luisengymnasium wollten weitersingen – und so gründeten wir Capella Vocale München CVM. Aus einer Fülle wunderbarer Chormusik, die ich singend im via-nova-chor erlernen durfte, konnte ich nun – deutlich zeitversetzt – viele Werke mit der CVM erarbeiten und weitergeben.
Der Kreis schloss sich für mich sehr bewegend, als ich 2020, kurz vor dem Corona-Einschnitt, es endlich wagte, Schönbergs „Friede auf Erden“ aufzuführen und Kurt mit Traudl unter den begeisterten Zuhörern war.
Einen besseren Lehrmeister hätte ich nicht finden können, mit größtem Dank wünsche ich Kurt Suttner das Allerbeste!
Dorothee Jäger
Offenheit als Haltung
Wenn ich auf die Jahre zurückblicke, die ich gemeinsam mit Kurt Suttner am Lehrstuhl für Musikpädagogik der Universität Augsburg verbringen durfte, so ist mir vor allem ein Gespräch in Erinnerung geblieben, bei dem Kurt erzählte, wie die koptischen Christen in Äthiopien ihre Gesänge weitergegeben haben: Während des Vorsingens zeichneten sie den Tonhöhenverlauf mit einem Finger auf die Handfläche ihres Gegenübers. Diese im Vergleich zu unserer schriftlichen Tradierung von Musik so andersartige Methode faszinierte Kurt offensichtlich stark. Dazu bemerkte er weiter, dass er immer versucht habe, bei seinen Auslandsaufenthalten den dortigen Menschen den Wert ihrer eigenen musikalischen Tradition bewusst zu machen – und die Notwendigkeit, diese nicht gegenüber der europäisch-abendländischen Musiktradition zu vernachlässigen.
Diese Haltung ist bezeichnend für das Interesse und die Offenheit, die Kurt allem Unbekannten entgegengebracht hat. Als besonders ausgeprägtes Merkmal seiner Persönlichkeit ist beides sicher eine wesentliche Voraussetzung für den Weg, den er mit dem via-nova-chor eingeschlagen hat, der seine Repertoireschwerpunkte in der zeitgenössischen Musik hatte und hat.
Ich persönlich erlebte diese Offenheit auch in ganz anderem Zusammenhang: bei der Erstellung des Notenmaterials für die erste Schallplattenaufnahme mit Werken aus der Bibliothek Oettingen-Wallerstein in den achtziger Jahren. Kurt brachte sich bereits damals intensiv mit einem Notensatzprogramm am Computer ein.
Möge der Jubilar noch viele Jahre in Gesundheit und Aufgeschlossenheit allem Unbekannten gegenüber erleben dürfen!
Johann Winter
Motor von „Chor aktuell“
Die erfolgreiche Chorbuchreihe „Chor aktuell“ ist ohne Kurt Suttner nicht denkbar. Angeregt durch den VBS gab er den Startschuss, einen Nachfolgeband für das 1953 erschienene „Chorbuch für gemischte Stimmen für die Höheren Schulen“, herausgegeben von Prof. Anton Walter, zu planen. Dieses hieß im „Volksmund“ auch „Das Grüne Chorbuch“. In Anlehnung daran hatte auch die 1983 bei Bosse erschienene Chorsammlung „Chor aktuell“ ebenfalls einen grünen Einband. Suttner erarbeitete gemeinsam mit Max Frey und Bernd-Georg Mettke ein neues, zeitgemäßes Konzept, das auch den Folgebänden zugrunde liegt.
Im Vorwort heißt es: „Der Schwierigkeitsgrad reicht vom schlichten Weihnachtslied bis hin zur anspruchsvollen Motette, vom einfachen Gospel bis zum farbig arrangierten Popsong, vom Volksliedsatz bis zum schwierigen Chorlied, vom leicht zu realisierenden Sprechchor bis zur komplizierten Artikulations-Etüde.“
Unterschiedliche Notationsformen, auch graphische Notation, Folkloresätze in der originalen Sprache mit Aussprachehilfen und deutschen Sinnübersetzungen sowie Übungen für Atmung, Gehör und Rhythmik waren neue, belebende Elemente in einem Chorbuch. Kurt Suttner führte die Verhandlungen mit dem Verlag, das Buch fand schnell Verbreitung. Es entstanden fünf weitere Bände und – als pädagogisches „Schmankerl“ – ein Ergänzungsband mit chorleiterischen Arbeitshilfen, zu denen jeder aus dem Team seine Erfahrungen einbrachte.
Mit herzlichem Dank gratulieren das Team und alle, die aus den Büchern gesungen haben, Dir, lieber Kurt, zum Neunzigsten!
Max Frey
Begeisterung, die weiterwirkt
Lieber Kurt, welch ein fulminantes, chorleiterisch und sängerisches Gesamtpaket warst und bist Du: Motivator und Mentor, Begeisterter und Begeisternder in einem, dazu immer ein leidenschaftlicher und reflektierter Pädagoge. Musik in all ihren Facetten hast Du immer im Kontext mit Singen, mit Stimme, und mit den Möglichkeiten strukturierter Vermittlung gesehen. Du warst immer auf pädagogische Abenteuer aus. Mit Deiner brennenden Hingabe für die Sache konntest Du viele gewinnen – nicht nur Sänger, sondern auch Chorleiter, die in Deinem Sinne Chormusik verbreiteten und verbreiten.
So habe auch ich Dir als Student und späterer Weggefährte sehr viel zu verdanken. Du hast mir den chorleiterischen Weg geebnet, mich animiert, mir Mut und Vertrauen geschenkt und mich gefordert – zum Beispiel, als ich als Mitglied des via-nova-chors ein sechzehnstimmiges Clusterstück von Theodore Antoniou mangels Klavier nur mit der Stimmgabel proben musste…
Durch Dich durfte ich die Chormusik des 20. Jahrhunderts umfassend kennenlernen, besonders die von Hugo Distler und Zoltan Kodaly. Mein musikalisches Leben wäre ohne Deine Impulse und Initialzündungen, Deinen Zuspruch, Dein Mut machen, Dein Vertrauen und Dein Vorbild sicher anders verlaufen.
Dass ich als Dein Nachfolger die Bayerische Singakademie übernehmen durfte, war für mich ein großes Glück. Diese von Dir ins Leben gerufene Institution existiert mit großem und nachhaltigem Erfolg bis heute, auch wenn sie inzwischen im Zuge notwendiger Reformen als Teil der Bayerischen Chorakademie im Landesjugendchor integriert ist. Etliche Absolventinnen und Absolventen der Singakademie sind heute berühmte Sänger, auch auf großen Bühnen der Welt.
Dass Du, lieber Kurt, überhaupt so etwas in Angriff nahmst, zeigt Deine grundsätzliche Aufgeschlossenheit für Neues und noch wenig Erprobtes. Du spürtest immer das Potential aufkeimender Ideen und hast Dich in die Verwirklichung mit allen Dir zur Verfügung stehenden Mitteln und dem entsprechenden Enthusiasmus hineingeworfen. Richtiges Singen zu erlernen, auf hohem sängerischem Niveau – auch im Chor! – war stets eines Deiner Hauptanliegen.
Durch Deinen Kontakt zu Eric Ericson, den Du nach München eingeladen hast, konnte die bayerische Chorszene einen großen Sprung nach vorne machen. Die gemeinsame Arbeit von Dir und Ericson hat hier neue Horizonte am Chorhimmel eröffnet, vor allem in klanglicher Hinsicht und in der Auswahl von bedeutenden Stücken der Chorliteratur. Nach und nach verloren wir Nachwuchs-Chorleiter die Scheu, übernahmen Dein aufgeschlossenes Herangehen – und bald fanden sich als „unmachbar“ eingestufte Stücke in unserem Repertoire. Nicht nur wir Chorleiter und Chorsänger profitierten von Deinem Pioniergeist, sondern auch die Komponisten, die vorgeführt bekamen, was Chöre, Chorsänger und Chorsängerinnen im Laienbereich alles zu leisten im Stande sind.
Sehr präsent sind mir die privaten und von großer Herzlichkeit geprägten Gespräche mit Dir. Dafür bin ich Dir sehr dankbar. Nun wünsche ich Dir weiter diese Neugierde und Aufgeschlossenheit in der Beobachtung dessen, was sich in der Chor- und Gesangswelt Neues und Spannendes zuträgt, welche interessanten Ideen die Komponisten einbringen – und vor allem, dass Dir die Gesundheit das alles ermöglicht.
Mit den allerbesten und sehr lieben Grüßen
Gerd Guglhör
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