Hauptbild
Eingang Rezeption. Foto: Nordkolleg Rendsburg

Eingang Rezeption. Foto: Nordkolleg Rendsburg

Banner Full-Size

Ein ganzes Leben mit Musik

Untertitel
Warum Musikakademien soziale Infrastruktur sind
Vorspann / Teaser

„Let’s make music as friends.“ Der Satz von Leonard Bernstein steht groß an ei­ner Wand des Nordkolleg Rendsburg. Seit 15 Jahren ist das Haus im Sommer die Heimat des auf Bernsteins Initiati­ve 1987 gegründeten Festivalorchesters des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Bis zu 130 junge Menschen aus rund 30 Nationen leben und arbeiten hier mehrere Wochen zusammen. Sie pro­ben intensiv, geben Konzerte, essen gemeinsam, begegnen sich auf dem Campus, feiern und machen weiter Mu­sik, wenn die offiziellen Proben längst beendet sind. 

Autor
Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Bernsteins Satz beschreibt mehr als eine freundschaftliche Atmosphä­re. Er verweist auf eine Qualität mu­sikalischer Bildung, die in aktuellen kulturpolitischen Debatten über De­mokratie, gesellschaftlichen Zusam­menhalt und kulturel le Tei lhabe leicht hinter den großen Begriffen verschwindet: Diese Wirkung braucht Orte. Und sie braucht Zeit. 

Kulturelle Infrastruktur besteht nicht nur aus Institutionen, die Kunst produ­zieren, präsentieren oder vermitteln. Zu ihr gehören auch Orte, die anderen er­möglichen, Kultur zu schaffen und wei­terzugeben. Die Bundes- und Landes­musikakademien nehmen hier eine be­sondere Position ein. Sie sind Fortbil­dungsstätten und Probenhäuser, Orte der Nachwuchs- und Begabtenförde­rung und der Amateurmusik. Vor allem aber verbinden sie Menschen und Insti­tutionen über unterschiedliche Phasen musikalischer Bildungswege hinweg. 

Am Nordkolleg lässt sich das un­mittelbar beobachten. Der erste Auf­enthalt kann schon in der Kindheit mit einem Musikschulensemble statt­finden. Später folgt die Probenphase mit einem Landesjugendensemble, die Studienvorbereitende Ausbildung oder das Musikstudium. Jahre später kommt derselbe Mensch als Lehrkraft, Chor­leitung oder zur beruflichen Weiterbil­dung zurück. Andere entscheiden sich gegen einen musikalischen Beruf und bleiben der Musik als Amateure ver­bunden – im Chor, im Orchester oder in der Bigband. Manche kommen mit 15 zum ersten Mal, andere mit 50 oder 70. 

Musikalische Sozialisation kennt viele Wege und endet nicht mit Schule oder Ausbildung. Musikakademien ge­hören zu den Orten, an denen sich die­se Wege immer wieder kreuzen. Im besten Fall begleiten sie Menschen über Jahrzehnte ihres Lebens mit Musik. 

Bei Infrastruktur geht es um mehr als geeignete Probenräume, Instrumente und Betten. Eine besondere Qualität entsteht durch den gemeinsamen Auf­enthalt. Im Nordkolleg heißt das „Le­ben und Lernen unter einem Dach“. Wer mehrere Tage gemeinsam probt, isst, diskutiert und lebt, lernt anders. Die Probe endet, die Begegnung nicht. Fachliches und informelles Lernen ge­hen ineinander über. Aus einzelnen Un­terrichtssituationen wird ein intensiver Bildungsprozess, in dem Gemeinschaft, persönliche Entwicklung und Bezie­hungen eine Rolle spielen. 

Gerade gemeinsames Musizieren er­möglicht Erfahrungen, die über musi­kalische Kompetenz hinausreichen. Es verlangt zuzuhören, auf andere zu rea­gieren, Verantwortung für den eigenen Beitrag zu übernehmen und zugleich zu akzeptieren, dass das gemeinsame Ergebnis nicht allein den eigenen Vor­stellungen folgen kann. Aus einer Or­chesterprobe wird dadurch noch kei­ne Demokratieveranstaltung. Aber es werden Fähigkeiten und Erfahrungen eingeübt, auf die eine demokratische Gesellschaft angewiesen ist. 

Beim Festivalorchester kommt die internationale Dimension hinzu. Jun­ge Menschen aus rund 30 Nationen müssen innerhalb weniger Wochen zu einem Orchester werden. Verständi­gung wird dabei nicht zum Seminar­thema. Sie findet im gemeinsamen Tun und im gemeinsamen Alltag statt. In einer Zeit gesellschaftlicher Polarisie­rung und neuer internationaler Abgren­zungen ist das nicht nebensächlich. Deshalb ist es richtig, Musikakademien als soziale Infrastruktur des Musikle­bens zu verstehen. Infrastruktur ist das, worauf andere aufbauen können. Eine Musikakademie muss nicht selbst das Landesjugendorchester gründen, das bei ihr probt, die Musikschule betrei­ben, deren Jugendliche zu ihr kommen, oder den Chor, der sein Wochenende im Haus verbringt. Ihre Leistung be­steht neben der Entwicklung von viel­fältigen Bildungsangeboten zu einem erheblichen Teil darin, dauerhaft Be­dingungen bereitzustellen, unter de­nen andere das Musikleben gestalten können. Sozial wird diese Infrastruktur durch die Menschen und Beziehungen, die dabei entstehen. Musikakademien verbinden Nachwuchs- und Breitenför­derung, professionelle Musik und Ama­teurmusik, Haupt- und Ehrenamt, Aus­bildung und Weiterbildung. Sie schaf­fen Begegnungen zwischen Generati­onen, Regionen und Nationalitäten. 

Das sollte auch den kulturpolitischen Blick auf diese Einrichtungen bestim­men. Ihre gesellschaftliche Leistung lässt sich nicht allein über eigene Kur­se, Teilnehmertage oder Bettenauslastung beschreiben. Wer Musikakade­mien fördert, investiert in musikalische Bildungswege, Nachwuchs und Ama­teurmusik, in Netzwerke und Ehren­amt, internationale Begegnung und in­tensive gemeinsame Lernerfahrungen. 

Die großen Begriffe sind schnell for­muliert: Teilhabe, Zusammenhalt, De­mokratie. Entscheidend ist, wo sie praktisch werden können. „Let’s make music as friends“ steht seit 15 Jahren an einer Wand des Nordkollegs. Der Satz hat nichts von seiner Aktualität verloren. Gemeinsames Musizieren braucht Zeit. Und es braucht Orte. 

Autor
Print-Rubriken