Wer über gleichwertige Lebensverhältnisse, kulturelle Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit im ländlichen Raum spricht, kommt an den öffentlichen Musikschulen nicht vorbei. Sie sind Unterrichtsort, Kulturträger, Kooperationspartner, Begegnungsraum – und vielerorts eine der zentralen kulturellen Infrastrukturen in den Landkreisen. Diese Bedeutung haben der Deutsche Landkreistag (DLT) und der Verband deutscher Musikschulen (VdM) nun mit ihrem gemeinsamen Papier „Musikschule im Landkreis“ in den Mittelpunkt gerückt.
Musikschulen stärken die Landkreise
Nach intensiver Vorberatung im Kulturausschuss des Deutschen Landkreistages hat das Präsidium des DLT dem Papier in seiner Sitzung am 23. Juni 2026 in Berlin zugestimmt. Es beschreibt die besondere Rolle öffentlicher Musikschulen in den Landkreisen, benennt aktuelle Herausforderungen und zeigt Handlungsmöglichkeiten für ihre Weiterentwicklung auf.
Zentrale Bildungsinstitutionen
Das Papier formuliert mit großer Klarheit, was öffentliche Musikschulen gerade in ländlich und kleinstädtisch geprägten Räumen leisten. Sie seien dort zentrale Kulturträger und Bildungsinstitutionen. Wörtlich heißt es: „Sie erfüllen Aufgaben, die weit über den Musikunterricht hinausgehen, und schaffen kulturelle und soziale Impulse, die für die Lebensqualität im Landkreis unverzichtbar sind.“ Damit werden Musikschulen nicht auf Unterrichtsangebote reduziert, sondern als gemeinwohlorientierte Einrichtungen der kommunalen Daseinsvorsorge verstanden.
Als gemeinnützige kommunale Einrichtungen nehmen Musikschulen „bildungs-, kultur- und sozialpolitische Aufgaben“ wahr und dienen „der Daseinsvorsorge und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Mit nahezu 1.000 öffentlichen Musikschulen an mehr als 21.000 Standorten bilden sie laut Papier „das flächendeckende Rückgrat außerschulischer musikalischer Bildung“ in Deutschland. Über 1,4 Millionen Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden durch öffentliche Musikschulen in ihrer Allgemein- und Persönlichkeitsbildung gefördert.
Der VdM-Bundesvorsitzende Friedrich-Koh Dolge unterstreicht die Bedeutung des Papiers: „Mit dem gemeinsamen Papier von Deutschem Landkreistag und VdM wird die Bedeutung der öffentlichen Musikschulen in den Landkreisen auf kommunaler Ebene sichtbar gestärkt. Es zeigt, dass Musikschulen unverzichtbare Orte kultureller Bildung, der Teilhabe und des gesellschaftlichen Zusammenhalts sind. Dass nun von allen drei kommunalen Spitzenverbänden Positionspapiere zu den öffentlichen Musikschulen vorliegen, ist ein starkes Signal für die große Bedeutung der öffentlichen Musikschulen in Deutschland.“
Chancengerechte Teilhabe
Ein zentrales Thema ist die chancengerechte Teilhabe. Die Arbeit öffentlicher Musikschulen ziele darauf ab, „chancengerechte Teilhabe für möglichst viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene unabhängig von Herkunft oder sozialem Status zu gewährleisten“. Musikschulen fördern Kreativität, Empathie, Leistungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit. Sie stärken Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und leisten damit weit mehr als fachliche Ausbildung.
Zugleich sind Musikschulen Orte des Miteinanders. In ihnen begegnen sich Menschen unterschiedlicher Generationen, Milieus und kultureller Hintergründe. Das Papier hält fest: „Musikschulen sind damit nicht nur Orte des Musizierens. Sie dienen auch der Stärkung der Demokratiebildung und des Zusammenhalts.“ Gerade im ländlichen Raum entfalten sie das Potenzial sogenannter „Dritter Orte“ – öffentlich zugänglicher Räume für Begegnung, Austausch und gemeinsames Erleben.
Großer Fachkräftebedarf
Der Blick des Papiers richtet sich auch auf die großen Zukunftsfragen des Musikschulwesens. Dazu gehören die Folgen der veränderten Rechtsauffassung zum sozialversicherungsrechtlichen Status von Lehrkräften, der Fachkräftemangel, die wachsende Zahl von Kooperationen, die Anforderungen des Ganztags, der Inklusionsauftrag sowie die digitale und nachhaltige Transformation.
Besonders deutlich wird dies beim Fachkräftebedarf. Das Papier verweist darauf, dass die Zahl der Absolventinnen und Absolventen an Musikhochschulen bei weitem nicht ausreicht, um den künftigen Bedarf an musikpädagogischen Lehrkräften zu decken. In den vergangenen Jahren mussten bei der Hälfte der Musikschulen Stellen unbesetzt bleiben. Zugleich gewinnt die Zusammenarbeit mit allgemeinbildenden Schulen, Förderschulen, Kindertageseinrichtungen und weiteren Partnern weiter an Bedeutung. Vor dem Hintergrund des kommenden Ganztagsanspruchs braucht es dafür verlässliche Strukturen, qualitätsvolle Modelle und eine gesicherte Finanzierung.
Klar ist dabei auch, dass die öffentlichen Musikschulen ausfallenden schulischen Musikunterricht nicht kompensieren können – „es ist auch nicht ihre Aufgabe“. Gefragt sind vielmehr Kooperationen, die musikalische Bildung ergänzen und stärken, ohne schulische Verantwortung zu ersetzen.
Verantwortung aller staatlichen Ebenen
Für die Zukunft fordert das Papier eine gemeinsame Verantwortung aller staatlichen Ebenen. Musikschulen seien, „wie das Bildungssystem insgesamt, eine öffentliche Gemeinschaftsaufgabe, bei der alle Ebenen gemeinsam in der Pf licht stehen“. Kommunen, Länder und Bund müssten im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten Verantwortung für musikalische Bildung übernehmen. Ein stärkeres Engagement der Länder in der Musikschulfinanzierung würde kommunale Träger entlasten und musikalische Bildung vor Ort nachhaltig sichern.
Auch die seit langem erhobene Forderung der Drittelfinanzierung wird als weiterhin einzulösende Aufgabe benannt.
Mit dem Papier „Musikschule im Landkreis“ schließt sich zugleich ein kommunalpolitischer Kreis. Nach dem Positionspapier des Deutschen Städtetages „Musikschule in der Stadtgesellschaft“, unter Mitarbeit des VdM, veröffentlicht am 21. Februar 2025, und dem gemeinsamen Positionspapier des VdM und des Deutschen Städte- und Gemeindebundes „Musikschule in Städten und Gemeinden im ländlichen Raum“ vom September 2025 liegen nun von allen drei kommunalen Spitzenverbänden Positionierungen zu öffentlichen Musikschulen vor.
Gemeinsam machen diese Papiere deutlich, dass öffentliche Musikschulen unverzichtbare Einrichtungen kultureller Bildung sind.
Sie ermöglichen Teilhabe, stärken Persönlichkeitsentwicklung, bereichern kommunale Bildungslandschaften und leisten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt – in Städten, Gemeinden und Landkreisen.
Das gemeinsame Papier „Musikschule im Landkreis“ vom Deutschen Landkreistag und dem VdM ist abrufbar unter:
www.musikschulen.de/medien/doks/ Positionen_Erklaerungen.
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