5 vor 12 im Urwald: „Turandot“ extrem wild in Magdeburg


(nmz) -
Unter anderen Umständen hätte man die Entscheidung für den ganz kurzen Alfano-Schluss in der „Turandot“-Produktion am Opernhaus Magdeburg als künstlerische Faulheit kategorisieren müssen. Aber durch das perfekte Zusammenspiel der Generalmusikdirektorin Anna Skryleva und des diesmal bemerkenswert umsichtig arbeitenden Regisseurs Michiel Dijkema gelingt eine plausible und höchst unterhaltsame Puccini-Zertrümmerung. Jubelorkane für das 1926 als Fragment an der Mailänder Scala uraufgeführte Musikdrama und ausverkaufte Vorstellungen.
15.02.2020 - Von Roland H. Dippel

Der Unbekannte ist ein (gebildeter) Tatar – wie im Textbuch! Aber was macht er im Urwald? Und vor allem: Was fasziniert ihn an der ihm bildungsmäßig unterlegenen Turandot, die ihn mit vorsintflutlichen Rätseln schachmatt setzen will? Knöchlein schmiegen sich an die langmähnige Prinzessin, die von keuchenden Sklaven auf einer schweren Sänfte hereingetragen wird. Kein Sonnenstrahl dringt unter das Blätterdach des Urwalds. Was für ein Ort! Der Boden feucht, die Stammessitten rau und die Meuten immer bereit, mit Keule oder Faust loszuschlagen. Triumph der neuesten Technik: Ein riesiger Drehstein zum Schärfen schwerer Klingen. Nur dem Dampf von Fäulnis, Feuchte, Schweiß und Verwesung müssen sich die Besucher der ausverkauften Premierenserie im Opernhaus Magdeburg dazudenken. Kompliment an alle Werkstätten: Alles frisch auf der Bühne und die Kostüme von Jula Reindell überdeutlich.

Doch „Postdramatisches“ hatte Michiel Dijkema nicht im Sinn. Schon lange war keines seiner Regiekonzepte – etwa seine Leipziger Sichtweisen auf „Faust“, „Rusalka“ und „Der fliegende Holländer“ – mit ihrer manischen Ausstattungslust und dem durchschaubaren Schielen Richtung Disneyland so plausibel. Inspiriert hatte ihn diesmal ein Zeitungsartikel über paläohistorische Funde in China. Also flugs das Rad der Geschichte noch weiter zurückgedreht als in die „Zeit der Fabeln“, in denen Giuseppe Adami und Renato Simone ihr Libretto ansiedelten. Zurück also an die Schwelle zur Bronzezeit, während sonst das Regietrend-Barometer bei „Turandot“ eher ein Science-Fiction-China empfiehlt, in dem das Individuum (auch) nichts ist und die Masse alles, letztere ständig nach Blut lechzt und sich abergläubisch gruselt.

Am Opernhaus Magdeburg gibt Minus mal Minus ein großes, dickes Plus – durch ungewöhnliche Mittel. Die neue Generalmusikdirektorin Anna Skryleva zieht willig an einem Strang mit der Regie. Sie verweigert also die Interpretinnen-Solidarität mit der Titelfigur, die ganze Prinzengarden köpfen lässt und so ihre vergewaltigte Urahnin rächt. Sogar den Selbstmord der Sklavin Liù, die sich aus Liebe und zum Schutz des unbekannten Prinzen Calaf umbringt, begleiten keine sanften Klänge, sondern alle hörbar gemachten Dissonanzen, welche Puccinis „Unvollendete“ bereithält. Weniger der Tod nach der erfolglosen Kehlkopf-Operation als die Unsicherheit In Hinblick auf den richtigen Schluss ließen Puccini, echter Frauenversteher beim Komponieren und Frauenverschleißer im echten Leben, vor dem Finale zögern.

Auch diesen ungeklärten Fleck im Werkkosmos zeigt die Regie: Große Generalpause nach Liùs Tod und gleich rumpelnder Umbau. Noch liegt die Leiche da. Jetzt auf leerer Bühne und in freudlos mausgrauen Probekostümen schreien sich Orla Boylan in der Titelpartie und Aldo Di Toro als bewundernswert konternder Calaf die massiv zusammengestrichene Version des eh schon kurzen Schlusses von Franco Alfano um die Ohren. Dann repetiert der in den ersten beiden Akten großartig differenziert singende Chor (Martin Wagner) die als Stadionhymne unverzichtbaren Schlussverse von Calafs „Nessun dorma“. Vorhang, Jubel, siebter Opernhimmel.

Man wird betäubt vom musikalischen Hochgenuss und begeistert durch szenische Überwältigung: Anna Skryleva geht mit der Magdeburgischen Philharmonie die Partitur geschärft an. Sie fischt Puccini aus dem brunftigen Wagner- und Respighi-Bombast heraus und stellt ihn in die Schönberg-Strawinsky-Ecke. Das ist keine Strafe, sondern eine pädagogisch wertvolle Belohnung. Mit ihrer fast denunziatorischen Gesamtleistung befreit sich Anna Skryleva aus dem ihr von Amtsvorgänger Kimbo Ishii überlassenen Erbe und dessen intellektuell aufgefächertem Schönklangideal. Jetzt zeigt sie, wohin die Entwicklung der Magdeburgischen Philharmonie gehen könnte. Erreichtes Teilziel ist hier Transparenz mit Mut zum Gleichgewicht aller instrumentalen Stimmen, sogar wenn das Resultat etwas anders ausfällt als erwartet. So kommt es im ständigen Überdruck von Spiel und Klang zu eindrucksvollen, aber mit Ausnahme des von Puccini durch A-cappella-Soli geschonten Kaisers von China (Manfred Wulfert) und des Minister-Trios zu keiner weiteren ganz makellosen Gesangsleistung. Das schädigt aber weder die von der Regie oft weggedimmte Liù von Raffaela Lintl noch den stellenweise vom aufschreienden Orchester übertönten Tatarenkönig auf der Flucht (Johannes Stermann). Komödien-Akzente setzte Dijkema, wenn die zu Schamanen auf Expertenniveau umkostümierten Minister (Marko Pantelić, Jonathan Winell, Benjamin Lee) im Urwald von ihren Häuschen im Grünen, frischer Luft und gesunder Bewegung träumen. Immer wieder kommt Freude auf über laute Töne, über eines der mit Abstand interessantesten Stage Sets der Wintersaison und über die von Puccini für die ersten Jahre der Amtszeit Mussolinis trendgerecht aufbereiteten Grausamkeiten. Unbehaglich kann einem werden bei den Ohrenweiden dieser lustvoll in Töne gebannten, kalkulierten und ausgemalten Brutalität. Umso erfreulicher ist dieser musikalisch-szenische Rundumschlag von Dijkema und Skryleva.

Vor zweieinhalb Jahrzehnten versetzte Christine Mielitz „Turandot“ an der Komischen Oper Berlin in eine Szenerie wie zu „Metropolis“ oder „1984“, weil sie Puccinis ästhetischen Kniefall vor den neuen politischen Klima Italiens visuell fassbar machen wollte. Die Magdeburger Produktion hat, wenn man sich darauf einlässt, vergleichbare Wirkung. Nur scheint die Schelte auf Franco Alfanos Schlussduett in diesem Kontext ungerecht. Denn Alfano versuchte etwas, wovor Dijkema mit einer zur Regie-Idee aufgeplusterten Ratlosigkeit kapitulierte: Alfano versuchte nämlich die bombastisch-übererregten Kolosse Turandot und Calaf auf das Maß verständlicher Leidenschaften herunterzubrechen. Nichtsdestotrotz: Die Magdeburger „Turandot“ erweist sich als ab und an nötiges Attentat auf den „Komponist der kleinen Dinge“ und passt in keine Schublade. Auf originelle und überraschende Weise ist sie deshalb sogar zum „Turandot“-Debüt Anna Netrebkos in München vollauf konkurrenzfähig.


  • Musikalische Leitung: GMD Anna Skryleva – Regie/Bühne: Michiel Dijkema – Kostüme: Jula Reindell – Dramaturgie: Ulrike Schröder – Chor: Martin Wagner – Turandot: Orla Boylan – Altoum: Manfred Wulfert – Timur: Johannes Stermann – Calaf: Aldo Di Toro / Kristian Benedikt – Liù: Raffaela Lintl – Ping: Marko Pantelić – Pang: Jonathan Winell – Pong: Benjamin Lee - Ein Mandarin: Paul Sketris - Opernchor des Theaters Magdeburg - Magdeburger Singakademie - Opernkinderchor des Konservatoriums »Georg Philipp Telemann« - Magdeburgische Philharmonie
  • Premiere: Sa. 25. 1. 2020. 19.30 Uhr / Sa. 1. 2. / Fr. 7. 2. (besuchte Vorstellung) / So. 16. 2. / Fr. 27. 3. / So. 19. 4 / So. 26. 4. 2020

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