Abschied von „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen


(nmz) -
Nach einjähriger Zwangspause steht bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen Barrie Koskys hoch gelobte, gleichermaßen spielfreudige wie politisch ungewöhnliche Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ wieder – und zugleich auch letztmals – auf dem Programm: ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
27.07.2021 - Von Peter P. Pachl

Der zweite Tag der Festspiele, der vor Vorstellungsbeginn mit heftigem Regen begann, stand wohl atmosphärisch zunächst unter keinem guten Stern; später wandelte er sich doch noch zu einem schwülen Sonnennachmittag, und zugleich verbesserte sich die Qualität der Aufführung. Am Ende des ersten Aufzugs jedoch war der Rezensent fest entschlossen, seinen Bericht über diese „Meistersinger“-Premiere mit „Die Meister-Schmeißer von Bayreuth“ zu überschreiben, zumal die Fülle an Konzentrationsfehlern und schweren Schmissen namhafter Solisten das akzeptable Maß weit überschritten hatte.

Zunächst hatte es sogar so ausgesehen, als müsste die Vorstellung mit Verspätung beginnen, zumal Martin Kränzle von Heiserkeit befallen wurde und Bo Skovhus als singender Ersatz für die Partie des Beckmesser aus Wien eingeflogen werden musste. Die Besetzungszettel wurden daher auch erst kurz vor Beginn der Aufführung ausgegeben (doch damit immerhin noch früher als bei der Wagner-Oper für Kinder, wo den Besucher*innen offenbar vermittelt werden soll, ein Programmheft diene nicht der Einführung und Kenntnis der Besetzung, sondern sei ausschließlich eine Erinnerungsgabe).

Die zunächst im Saal von Haus Wahnfried spielende Lesart Barrie Koskys, mit einem vervielfachten Richard Wagner, mit Cosima und Franz Liszt, sowie dem aus München zu Besuch in Bayreuth weilenden jüdischen Dirigenten Hermann Levy, beginnt damit, dass Wagner die von ihm ausgeführten Hunde Molly und Marke in den Saal bringt und ein Kammermädchen den Neufundländern hinterherputzt. Obgleich es auf dem Festspielhügel noch nie so viele Hunde gab wie in diesem Jahr, scharfe Spürhunde der Polizei, die heftig bellen und hechelnd nach Drogen und Sprengstoff schnüffeln, wurde offenbar der Auftritt der beiden Neufundländer auf der Bühne untersagt, die diese Besonderheit erklärende Text-Projektion aber eben so wenig verändert wie das Spiel rings um die Hunde.

Der sich stimmlich kraftvoll zu einem jungen Stolzing entwickelnde Daniel Behle als David bewies unabsichtlich seine noch nicht zur Meisterreife ausreichenden Fähigkeiten mit der misslungenen Aufzählung der Weisen. Georg Zeppenfeld als Pogner in Lisztmaske rutschte zu früh in eine übernächste Gesangsphase, wunderte sich über das musikalisch überhängende Orchester und begann schließlich erneut mit der zu früh gesungenen Sentenz. Am Rand des Dekorationsrahmens der auf einem Wagen positionierten Dekoration des ersten Aufzugs, sang der stimmliche Beckmesser-Einspringer mit Notenpult in einem milden Spot, heftig mitgestikulierend und dirigierend, aber gleichwohl mit diversen Errata und falschen Einsätzen für den in gewohnter Spiellaune agierenden Martin Kränzle.

Hingegen bereits im ersten Aufzug souverän gestaltete Michael Volle den Hans Sachs und der immer mehr in sein schon früh interpretiertes jugendliches Heldenfach hineingewachsene Klaus Florian Vogt den Walther von Stolzing. Mit noch gesteigert dargebotenem Aktionismus, slapstickartig mit den Löffeln laut gegen ihre Kaffeetassen schlagend, in den Polstersesseln hopsend und ihre langen Meister-Haare in die Luft werfend, suchte das großartige Sängerdarsteller-Ensemble der sehr individuell ausgeprägten Meister so manche musikalische Panne zu überspielen.

Nachdem in diesem Jahr das große Selbstbedienungsrestaurant auf dem Festspielhügel geschlossen ist, sind diverse Fastfood-Buden in einer Wagen-Reihe auf der linken Seite des Festspielhauses aufgebaut: ein Eindruck, der zu einer klassischen Festwiese in den „Meistersingern“ durchaus passen würde (auch wenn die überhöhten Preise der Idee der Volksoper ebenso widersprechen wie der grundsätzlichen Idee Richard Wagners, seine Kunst möglichst zum Nulltarif an den Mann und an die Frau zu bringen). Die Bühnendekoration des dritten Aufzugs in Barrie Koskys Sicht, die der Nürnberger Prozesse, findet dann schon eher eine Entsprechung in den auch im Catering-Außenbereich geltenden strikten Restriktionen, etwa einer strikten One-way-Auflage für die lustwandelnden Besucher*innen.

Martin Kränzle machte das Beste aus seiner Situation, aber die in dieser Produktion häufig eingesetzten Stimmverfärbungen, etwa die köstliche, jiddelnde Diktion des Merkers, gingen am Premierenabend durch das singende Double zwangsläufig verloren. Mit Situationskomik geschult, bezog Kränzle den Satz „am End‘ denkt sie gar, dass ich das sei!“ deutlich auf seine im zweiten Akt sich am linken Bühnenrand um Text und Töne mühenden Kollegen.

Genussreich, wie Dirigent Philippe Jordan ungewöhnliche Tempoverschiebungen zugunsten des Spiels, bis hin zur Karikatur überzieht, etwa in Sachs‘ Lied von der aus dem Paradies verstoßenen Eva.

Nach einer stringenten Konsolidierung der Qualität im zweiten Aufzug – auch durch Camilla Nylund als Eva und Christa Mayer als kicherfreudige Magdalene – brachte der dritte Aufzug dann eine große Steigerung, insbesondere getragen durch die durchgeistigte, sehr differenzierte Anlage der Partie des Hans Sachs durch Michael Volle. Auch der Dirigent Philipe Jordan lief hier zu großen Format auf, mit ungewöhnlich langer Generalpause vor der traumhaft changierenden Musik des mittsommernächtlichen Kobolds in Sachs‘ Wahn-Monolog.

Am Ende feierte das Publikum Volle mit Standing Ovations, Fußtrampeln und rhythmischem Applaudieren. Unverständlich erschienen dem Rezensenten einige Buhrufe gegen den Dirigenten. Buhrufe schollen auch für Regisseur Barrie Kosky – offenbar von Besuchern, die diese Inszenierung im Abschiedsjahr zum ersten Mal erlebten.

Eberhard Friedrich und der von ihm einstudierte Festspielchor hingegen erhielten diesmal ungetrübte Zustimmung. Der akustische Eindruck des Chores war viel besser als am Vorabend, was daran liegt, dass die vierzehn Lehrbuben live singen und dass beim „Wach auf“-Chor auch alle auf der Bühne versammelten Solist*innen mit einstimmen, so dass die vom Chorsaal zugespielte Klangmischung der dortigen Einzelstimmen nur eine zusätzliche Verstärkung darstellt. Aber auch strukturbedingt fällt die Aufteilung in eine auf der Bühne ausschließlich agierende und in eine offstage ausschließlich singende Chorhälfte bei Wagners „Meistersinger“-Partitur weniger störend ins Gewicht – problematisch zwar bei der Prügelfuge im zweiten Aufzug, aber gelungen bei den Zunftchören und am Ende der Oper.

  • Weitere Aufführungen: 1., 8., 12. und 17. August 2021.

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