„Alle lieben Sie, Fortunio!“ – André Messagers Musikkomödie in Nancy


(nmz) -
Für dieses Remake einer Produktion der Pariser Opéra Comique an der Opéra National de Lorraine hatte Intendant Matthieu Dussouillez gewichtige Gründe. Zum einen wurde André Messagers „Fortunio“ (1907) zur glücklich bestandenen Feuer- und Wasserprobe für die Chefdirigentin Marta Gardolińska, von der man sich auf weitere ähnlich anspruchsvolle französische Kernaufgaben freuen darf. Außerdem gab es neben der bravourösen Anne-Catherine Gillet als Jacqueline einen Tenor mit subtilem Format: Pierre Derhet lieferte schüchterne bis schmelzende Töne in der Titelpartie der lyrischen Komödie nach Alfred de Mussets „Le chandelier“ (Der Leuchter, 1835). Laurent Delvert hielt die Inszenierung von Denis Podalydè frisch – auf Höhe der musikalischen Leistung.
28.04.2022 - Von Roland H. Dippel

André Messagers Jacqueline ist eine der Opern-Frauenfiguren mit dem größten Männerverschleiß. Ihr Ernährer und in einer glücklichen Josephsehe mit ihr verbundene Gatte ist der mit der Flinte noch recht potente Notar Maitre André. Mit dem Garnisonshauptmann Clavaroche bandelt Jacqueline an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber ihr Herz berührt schließlich doch erst der scheue Kavalier und als Blitzableiter von Eifersuchtseskalationen dienende Angestellte Fortunio. In Éric Rufs Dekors schneit es zu Beginn über einem Platz in der französischen Provinz, wo man nur zu gut verständlich auf übermütige Gedanken kommen muss. Das könnte auch der Prolog zu einem Musical über „Madame Bovary“ sein, nimmt dann aber doch einen eher leichtgewichtigen Verlauf. Die oft auseinander stehenden Betten und Schränke sind aus ganz schwerem Holz. Raten Sie einfach mal, wer da alles aus den Federn in die unterste Wäscheschublade springt, wenn die Treppenstufen bedrohlich knarzen …

Wie in Alfred de Mussets brillanter Komödie redet Jacqueline im Libretto von Gaston Arman de Caillavet und Robert de Flers über ihre charmant angedeuteten Bedürfnisse so, als hätte sie den ganzen Voltaire und Rousseau studiert. Auch Christian Lacroix spielte in seinem Gründerzeit-Roben fast immer mit der Liebe und überlässt nichts dem Zufall: Schon die lange Feder am Hut und die mit den engen Hosen der Militärs bestens harmonierenden roten Handschuhe Jacquelines machen schnell klar, was folgen muss. Weil der Ursprungsregisseur Denis Podalydès von der Comédie-Française kommt, sind alle Herren auf der Bühne auch potenzielle Gespielen Jacquelines. Beim Auftritt der Chordamen als Lehrbuben fällt der Vergleich mit dem erotisch aufgeladenen Herumgetue in Mozarts „Figaro“ nicht schwer. Das alles ist direkt und nie schlüpfrig. Die in den Entr'actes quirligen, aber während der Musik vorbildlich stillen Schulklassen im Saal wurden also bestens darauf vorbereitet, was im Leben Erwachsener die Hauptsache ist. Nach jedem Akt gab es demzufolge fast tumultartigen Applaus. In dem Jugendstil-Opernhaus mit den lila blühenden Kastanien vor den Fenstern duftete es nach Frivolität, Flirt und Frühling.

In der durch Laurent Delvert aufgefrischten Wiederaufnahme sind auch die Verlierer des amourösen Dauerspiels sympathisch. Das gilt besonders für Franck Leguérinel als trotz Ehehörnern recht formidablen Maître André und die Reize Pierre Doyens als Hauptmann Clavaroche hätten auch Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ gefallen. Nur Philippe-Nicolas Martina als Landry ist erstaunlicherweise fast nur vokal gefordert. Aliénor Feix zeigte als Dienerin Madelon, wie man unstatthafte Eskapaden der gnädigen Frau ignoriert und mit Diskretion dennoch ermöglicht.

André Messager wollte im Jahr 1907 zurück zu den Höhepunkten der Opéra comique bei Auber und Boieldieu, trotzdem aber nicht auf die Neuerungen Offenbachs verzichten. Herauskam ein durchkomponiertes kleines Wunder mit zwischen Parlando und Melodie äußerst geschmeidiger Vokalkonsistenz. Wenn Jacqueline den Schrein ihrer Lebenswahrheiten öffnet („In Ihrem Alter hält man eine Laune oft für Liebe…“) und aus dem schüchternen Fortunio endlich die große bezwingende Sehnsuchtsmelodie bricht, ist Jules Massenets wunderbarer „Werther“ nicht fern. „Fortunio“ gehört folglich zu den Spitzenwerken der in Frankreich und Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts parallel stattgefundenen Opernkomödien-Revolution: Weniger Poltern und Plumpheit, dafür mehr literarischer Anspruch, lyrischer Witz, sanfte Elegie. Die bezwingende späte Opéra comique „Fortunio“ in Beziehung zum naiven „Albert Herring“ Brittens und erst recht zum „Rosenkavalier“ zu setzen, ist nicht verkehrt.

Der Polin Marta Gardolińska holt mit dem bestens disponierten Orchestre de l'Opéra national de Lorraine alle moussierenden, üppigen und meist betörenden Farben aus Messagers Partitur. Das sind nicht wenige. Das Ergebnis klingt direkt, tritt nicht auf der Stelle und nutzt auch die Messager mitunter abgesprochenen dramaturgischen Potenzen. Diese zwischen Witz und Sentiment changierende Komödie funktioniert bestens, weil Gardolińska manchmal kräftig aufdreht, den Sängern für Messagers subtile Ariosi Freiheiten gibt und alle Timbres und Temperamente strahlen lässt. Die mit zahlreichen Soli geforderten Musiker:innen sind engagiert dabei, der von Guilaume Fauchère einstudierte Chor auch.

Natürlich ist Fortunio kein Bauer, wie er behauptet. Einer der schönsten Momente des Abends war, als Pierre Derhet – wie noch öfter mit der Hand über die Hosenbügelfalte streichend – einen hohen Ton im Piano ansetzte und Gardolińska erst in diesem, nicht schon davor das Orchester abdämpft. Der Dialog zwischen Stimmen und Instrumenten gerät mindestens beschwingt, wenn nicht gar betörend. Derhet ist in der Entwicklung zum immer mehr beredten Liebenden souverän. Er kann das Ariose und die feine Deklamation. In den beiden dramatischeren Duetten mit Anne-Catherine Gillet zeigen beide eine substanzielle Ton- und Farbfülle, die keine Irrsinnslautstärken nötig hat. Bei aller Direktheit wurden die Grenzen zu Zote und Grobheit nie überschritten. Es ist ganz hohe Opernkunst, Heranwachsende mit dieser vormodernen Komödie einen ganzen Abend lang in Spannung und Laune zu halten.  

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