Ausnahmeopern bei den Tiroler Festspielen Erl – „Guillaume Tell“ und „Die Vögel“


(nmz) -
Nach der Direktion von Gustav Kuhn und vor dem Start des Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe zeigt Andreas Leisner, wie sich die mit den Blöcken Sommer, Erntedank, Winter fast über das ganze Jahr dehnenden Tiroler Festspiele Erl zwischen München, Salzburg und Innsbruck durch ein individuelles Konzept profilieren könnten. Die anspruchsvollen Werke „Guillaume Tell“ und „Die Vögel“ hatten im Festspielhaus Erl beeindruckendes Format. Ein Bericht von Roland H. Dippel
22.07.2019 - Von Roland H. Dippel

Undankbares Amt: Nur ein knappes Jahr dauert die interimistische Leitung von Andreas Leisner bei den Tiroler Festspielen Erl, bis Bernd Loebe, unter dessen Intendanz die Oper Frankfurt regelmäßig die Auszeichnung Opernhaus des Jahres erhält, diese am 1. September 2019 übernehmen wird. Der österreichische Dirigent Gustav Kuhn, der den seit 1998 kräftig expandierten Festspielbetrieb gegründet hatte, wurde 2018 von allen Aufgaben entbunden. Erstmals sind die Tiroler Festspiele Erl mit sofortiger Wirkung verpflichtet, alle Ausgaben von Fördermitteln des österreichischen Bundes (1,15 Millionen Euro im Jahr) und aus Sponsorengeldern nachzuweisen. Bei einer Prüfung wurde entdeckt, dass Kuhn private Heizkosten in Höhe von über 8000 Euro aus der Festspielkasse beglichen hatte.

Andreas Leisner macht das Beste aus der Situation. Die Auswahl der Opern stimmt. Neben drei dem Vernehmen nach gelungenen „Aida“-Vorstellungen unter der musikalischen Leitung von Audrey Saint-Gil in einer Inszenierung von Daniela Kerck sind es zwei anspruchsvolle Ausnahmewerke, die zum Besuch des Erler Festspielhauses locken. Die Programmgestaltung des Sommers 2019 legitimiert durch „Guillaume Tell“ und „Die Vögel“ mit Nachdruck das Bestehen der Tiroler Festspiele in der Mitte des Festspieldreiecks München – Salzburg – Innsbruck.

Beeindruckender Rossini

Die einzige Vorstellung von „Guillaume Tell“ am 13. Juli glich einem riskanten Ritt über den Vierwaldstätter See. Das mindestens dreieinhalb-stündige Werk, ein für die Pariser Oper 1829 entstandener Meilenstein der Gattung, war 2016 in Erl in italienischer Sprache herausgekommen und wurde jetzt in der französischen Originalsprache einstudiert. Ein Diamant, der im aktuellen internationalen Trend zur Reaktivierung des Genres Grand'Opéra umso stärker strahlt, aber deshalb auch einer äußerst gewissenhaften Politur bedarf. Diese war in den bisher meist äußerst knappen Probenzeiten und dem in Erl extrem harten sängerischen Wettbewerb durch Mehrfachbesetzungen ohne vertraglich gesicherte Auftrittsbestätigung nicht immer gegeben.

Der Abend wurde ein Fest: In der Produktion des Kollektivs Furore di Montegral blieb die trotz auffallend kleiner Tenor-Gruppe ausgezeichnete Chorakademie unter der Leitung von Olga Yanum nur visuell im Hintergrund. Acht fahrbare Skulpturen, auf denen menschenähnliche Oberkörper aus machtvollen Baumstämmen ragen, waren Elemente der Ausstattung Alfredo Troisis, der wie Lenka Radeckys Kostüme in Erdfarben und Waldgrün die rurale Verwurzelung der Schweizer im Widerstand gegen die Österreicher und ihren von vier langhaarigen Groupies umwuselten Landvogt Gessler (vokal und szenisch ein Stier: Giovanni Battista Parodi) vorführte. Michael Güttler zeigte mit den Musikern den Glanz, die Genialität und Rossinis genau überlegte Werkarchitektur, deren sorgfältige Gestaltung alle Vorurteile betreffend ästhetische Unbedenklichkeit Lügen strafte. Vor allem ermöglichte Güttler den Sängern in ihren exorbitant schwierigen Partien optimale Entfaltungsmöglichkeiten. Einziges Handicap war der lässige Umgang mit der französischen Diktion. Die Goldmedaillen dieses Rossini-Marathons gehörten dem dunklen Sopran Bianca Tognocchis als Tells Sohn Gemmy knapp vor der stark höhenorientieren Georgierin Sophie Gordeladze im Primadonnen-Part der Mathilde, dem die Kuhreigen-Romanze des Fischers hinreißend gestaltenden Matteo Macchioni im Kopf-am-Kopf-Rennen knapp vor dem weitaus intensiver geforderten Arnaud von Sung Min Song als Arnaud. Außer Konkurrenz Andrea Borghini in der Titelrolle: Ein Sympathieträger mit schön fokussiertem, sanftem Bassbariton und gewinnend starker Arie vor dem Apfelschuss. Immer wieder drohte über der Szene eine riesige weiße Armbrust wie eine auf den schweizerisch-österreichischen Krisenherd gerichtete Mittelstreckenrakete. Sie stand in schroffem Kontrast zur packend edlen und, was bei „Guillaume Tell“ sehr viel ist, nahezu perfekten musikalischen Gesamtleistung.

Endlich wieder „Die Vögel“ von Braunfels

Der halbjüdische Komponist Walter Braunfels machte aus Aristophanes‘ Lustspiel über wankende Machtstrukturen und ein von kleinlichen Interessen torpediertes Staatsgebilde in seiner 1913 begonnenen und nach dem ersten Weltkrieg vollendeten Oper ein „lyrisch-phantastischen Spiel“ über die Weltfremdheit ästhetisierender Eliten und unerfüllbare Sehnsucht nach dem Fremden. Aufführungen gab in den letzten Jahren zum Beispiel am Theater Osnabrück und an der Los Angeles Opera.

Das Publikum war begeistert. Die Begegnung zwischen dem verklemmten Intellektuellen Hoffegut mit der als Künstlerin wie Persönlichkeit betörenden Primadonna Nachtigall wurde zur hymnisch jubelnden wie schmerzlichen Kernverschmelzung von Sinnlichkeit und Poesie. In der großen Liebes- und Erweckungsszene von Nachtigall und Hoffegut ziehen Bianca Tognocchi und Marlin Miller überwältigend schön alle Register. Prometheus taucht in Erl auf wie ein metaphysischer Clochard (packend: Thomas Gazheli). Dieser Klon aus Walvater Wotan und Charles Bukowski warnt die Vogel-Gesellschaft vor leichtfertiger „splendid isolation“ in ihrer zwischen den Göttern oben und Menschen unten schwebenden Burg. Schuf Braunfels eine Wagner überwindende Anti-Utopie auf den „Ring des Nibelungen“?

Tina Laniks Definition der Vogel-Gesellschaft mit der quirlig spielfreudigen Chorakademie/Capella Minsk (Einstudierung: Olga Yanum) denkt über dekorative Gefälligkeit hinaus. Vögel sind auch Menschen. Schnäbel, Flügel, Federn bleiben im Fundus. Tina Lanik kokettiert mit den Kontrasten von Schein und Sein wie aus „Ariadne auf Naxos“ und operiert, als handele es sich um eine intelligente Operette. Aus dem hellen Zuschauerraum kommen der spießig-krachlederne und helltimbrierte Ratefreund im Trachtensakko (Julian Orlishausen) und sein nerdiger Freund Hoffegut in einen Probensaal mit gekennzeichneten Notausgängen. In diesen setzte Stefan Hagemeier ein Podest und darauf eine Raumschachtel als Künstlergarderobe und Kreativzelle. Das Theaterkollektiv „Die Vögel“ hält sich für den Nabel der Welt und wird trotzdem immer wieder angekränkelt wird von der Ahnung, dass das doch nur Einbildung sein könnte. Eine einzige Tänzerin (Anastasiya Maryna) unterliegt im heftigen Kampf gegen den von den olympischen Göttern geschickten Sturm. Aus ist es also mit dem Backstage-Zauber, in dem der Chor mit Klavierauszügen wirft und mit Selbstgefälligkeit künstlerische Autonomie und Exklusivität beansprucht. Erst bedecken Heidi Hackls üppig schöne Abendkleid-Kreationen die dann mit rapider Gewalt implodierende Pracht poetischer Verwandlungskunst. Am Ende füllen zugeknotete Plastiksäcke den Saal. Vorbei auch der Zauber vom „Leben der Anderen“, in dem sich Ratefreund locker, Hoffegut aber mit Leib und Haaren verliert. Nach der Pause verwirbeln und verzwirbeln sich Visionen, Probe, Spiel und innere Wahrheit wie in Braunfels' meisterhafter Partitur, in der Chor und Soli mit üppigen Klanggemischen verschmelzen und vergehen. Sehr gut sie alle: Adam Horvath (Zeus/Adler), Sabina von Walther (Zaunschlüpfer), James Rosen (Wiedehopf, der zum Vogelkönig, hier also Theaterchef gewordene Mensch), Attila Mokus (Rabe), Giorgio Valenta (Flamingo), Svetlana Kotina (Drossel), Lauren Urquhart (Nachtigall 2).

Lothar Zagrosek, der in der Decca-Reihe Entartete Musik „Die Vögel“ 1996 eingespielt hatte, ermutigt die Streicher mit kräftigem Nicken zu mehr Unruhe im seidigen Sound. Das bunt aus internationalen Musiker'innen zusammengesetzte Orchester der Erler Festspiele zeichnet sich durch einen jungen, geschmeidigen und profund bis rund ausbalancierten Klangcharakter aus. Zagrosek macht aus der mit fast überreizter Verschwendungslust instrumentierten Partitur ein echtes Festspiel, in dem die Grenzen zwischen gestaltendem Intellekt und klingendem Glanz verfließen: Luxus, dessen Gefährdungen Tina Lanik menetekelnd bebildert. Nur zwei Vorstellungen dieser Produktion sind zu wenig! Wieder am 27. Juli.

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