Ballettmärchen „Peter Pan“ – Uraufführung am Münchner Gärtnerplatztheater


(nmz) -
Kinder als Theaterbesucher haben Recht. Sie sind auch knallhart, ja gnadenlos im Urteil. Wenn also im Münchner Cuvilliéstheater der große Anteil von kindlichen Besuchern ruhig, ohne Störungen, interessiert bis gebannt diese neue Erzählung von Peter Pan und seinen Abenteuern verfolgte – dann heißt das: ein Erfolg.
04.05.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

Die letzten zwanzig Minuten der Neufassung des Stoffes als „Ballettmärchen“ von Emanuele Soavi sind auch wirklich spektakulär. Zusammen mit dem Austatter-Duo Karl Fehringer und Judith Leikauf hat Soavi das Meer und die Insel Neverland in einem fast bühnengroßen, etwa zwei Zentimeter tiefen Wasserbecken beschworen. Dessen glatter Boden (und spezielle Socken?) erlaubt allen Figuren wie auf einer Eisfläche zu gleiten und dabei jeweils einen herrlich glitzernden Gischtbogen zu erzeugen. Jede Bewegung bekommt so einen „Wasser-Schweif“, jeder Tanzschritt, gar der Kampf zwischen Kapitän Hook und Peter Pan oder das von vier Mann geformte Riesenkrokodil wirken „groß“, „enorm“ und das Ganze einfach spektakulär. Einhelliger Jubel von Eltern und Kindern.

Kinder im Theater haben Recht. Doch sie sind mit Effekten zu blenden – und so darf der erwachsene Theaterfreund auch unverblendet auf das Ganze schauen. Der Klangwelt von Han Otten hört man trotz mehrfachen Kompositionen für das Tanztheater seinen Schwerpunkt „Filmmusik“ an. Zwar beschäftigt er ein klassisch besetztes Orchester im Graben – und Michael Brandstätter setzte da mal den satten Streicherklang, mal die stampfenden Blech- und Schlagwerk-Ballungen um. Doch schon beim einleitenden Getobe von Wendy, John und Michael, die natürlich nicht schlafen gehen oder gar einschlafen wollen, bleibt es beim gefälligen, eher süßen Sound. Wendys erster Kuss mit Peter Pan ist kein Klangereignis. Immer wieder erklingt auch elektronischer Sound aus den Lautsprechern: mal zirpend, mal sirrend, mal wummernd. Dann muss Dirigent Brandstätter mit Clip im Ohr das Orchester genau im Rhythmus der Zuspielung parallel musizieren lassen.

Doch aus all dem erwächst keine dramaturgisch überzeugende oder musikdramatisch fesselnde Klangwelt. Da ist Richard Ayres Opernpartitur überzeugender gelungen und Maurizio Malagninis Soundtrack eben üppig tosende Filmmusik – um nur zwei Zeitgenossen Han Ottens anzuführen.

Regisseur und Choreograph Emanuele Soavi beginnt zwar in einem von Ferne durch Giorgio de Chirico inspirierten Schlafzimmer: drei im dunklen Raum stehende, schiefe Wände, eine mit Fenster für Peter Pans Auftritt, eine mit Tür für die Eltern der Kinder, eine durchsichtig für den „Schatten“ und auch die Silhouette von Kapitän Hook. Doch schon in der Körper- und Tanzsprache gelingt die differenzierende Charakterisierung von Menschen und Neverland-Wesen nicht. Das „Fliegen-Können“ ist mit den nieder- und hochfahrenden Metallringen, in denen dann die Peter und die Kinder sitzen, nur „bemüht“ gelöst. Doch viel schwerer wiegt, dass sich Soavi nicht entscheiden konnte, ob er ein klar verfolgbares Handlungsballett schaffen oder doch eine Überhöhung durch puren Tanz will. Das beginnt gleich mit dem zentralen Thema „Schatten“: Peter Pan hat seinen ja verloren; Wendy spielt mit einer schwarzen Papp-Figur; dann tritt dieser schwarze Umriss als Tänzer auf – doch dann folgt keine tanzdramaturgisch hinreißende Szene zwischen Peter und der Rückeroberung seines Schattens, sondern es treten über zehn weitere gesichtslos schwarze Tänzer zu einer Gruppenszene auf – aus der nichts folgt.

Soavis Entscheidung, Neverland als Technik-dominierte „Traum-Fabrik“ zu zeigen, befremdet – und zeigt das Hauptmanko seiner Balletmärchen-Fassung im zweiten Teil ganz eindeutig: es fehlt jegliche träumerische Faszination, es fehlt jede Poesie. Den Abend rettet das „Splish-Splash“ des Action-Tanzes im Wasser und Ottens Musik lässt kurz an die „Rumble“-Szenen der „West Side Story“ denken. Doch angesichts der vielen Musik- und Theaterfassungen des unsterblichen Stoffes wirkt die Münchner Uraufführung eher wie eine Totgeburt. Und „München und Peter Pan“: hat nicht der Münchner Konstantin Wecker eine Musical-Fassung komponiert? Wäre das nicht eine lohnende Ausgrabung?

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