Bekenntnis für Diversität und Toleranz – „Il viaggio a Reims“ in Graz


(nmz) -
Dreißig Jahre nach der legendären Produktion unter Claudio Abbado an der Wiener Staatsoper kommt Gioachino Rossinis „Die Reise nach Reims“ endlich zur Grazer Erstaufführung. Seine erste Oper für Frankreich, uraufgeführt drei Wochen nach der Krönung von Karl X. zum König Frankreichs am 19. Juni 1825, umjubelte das Premierenpublikum des zweitgrößten österreichischen Opernhauses mit immer höhersprudelnden Applausfontänen.
09.04.2018 - Von Roland H. Dippel

Als „Il viaggio a Vienna“ war die absurde Opernkantate bereits ein Programmpunkt zur Vermählung von Sissi und Kaiser Franz-Joseph. Was in der Suite europäischer Musikeinlagen als modische Tyrolienne erklingt und, wie es scheint, von der illustren Gesellschaft auf der Bühne entlarvend äußerlich gefeiert wird, ist nichts anderer als ein waschechter Steirertanz. Weder die neue Grazer Chefdirigentin Oksana Lyniv noch Regisseur Bernd Mottl haben es sich leicht gemacht: Man erlebt einen Rossini-Abend mit stellenweise berauschenden, pikanten und bizarren Höhepunkten.

Es ist fraglich, ob die illustre Gästeschar in der Kuranstalt „Zur goldenen Lilie“ überhaupt zu den zeremoniellen Europa-Feierlichkeiten hätte ausrücken dürfen, selbst wenn die Transportmittel nicht kurzfristig ausgefallen wären. Denn die von Friedrich Eggert überall mit den monarchischen Lilien-Logos Frankreichs gezierten Fluchten und Playrooms für spezielle Neigungen gehören hier zu einem Sanatorium für überspannte Opernsänger. „Diversität! Originalität! Individualität!“ sind die aktuellen Parolen, Plus- und Minus-Pole ziehen sich lieber an statt einander abzustoßen. Am Ende wird der große europäische Gedanke aber zur Fessel. Einmal ist Schluss! Küchenfachkraft Antonio (David McShane) und Servicefee Maddalena (Andrea Purtic) betätigen den Hebel zur Sprengung. Aber letztlich ist es löblich, dass die ständigen Belcanto-Vertretungen Europas nicht voneinander lassen wollen und für die zukünftige Friedens- und Streitkultur weiterüben.

Rossinis „Il viaggio a Reims“ hat eine gefährlich untypische Dramaturgie: In dieser „Revue-Kantate“ glänzen die Solisten in höllisch schwer verzierten Fachpartien und fast jeder in nur einer der neun Riesennummern. Dazu sind sie noch in als Ensemble-Stützen wie im a-cappella-Satz für hier 13 Solostimmen immens gefordert. Das nutzt Bernd Mottl in den originellen bis beliebigen Kostümen Alfred Mayerhofers mit viel Lila für die von ihm nur wenig differenzierte Service-Brigade und auf Effekt zielenden Pointen.

Zwischen ambitionierter Komik und niederschwelligem Kalauer

Seine Skala springt rastlos zwischen ambitionierter Komik und niederschwelligem Kalauer. Für jeden ist also etwas dabei. Auch darin huldigt die Inszenierung pluralistischen Ideen. Dabei drängt es den aktionsfreudigen stimmsatten Chor der zum Opera Award 2018 nominierten Oper Graz und ihren Leiter Bernhard Schneider mehr zum Huldigungsspektakel als zum filigranen Gepräge der früheren italienischen Opern Rossinis. Dieser auch vom glänzend disponierten Grazer Philharmonischen Orchester akzentuierte Kontrast muss kein Schaden sein, zeigt „Die Reise nach Reims“ als Schwellenwerk zwischen allen Kategorien. Musik und Szene werden an diesem Premierenabend immer dann zur beglückenden Einheit, wenn das internationale Solistenensemble mit stark slawischer Tendenz die enormen Anforderungen dieser Partitur vergessen macht. Das geschieht beglückend häufig, auch weil Christiane Heger (Harfe) und Heike Straub-Kossegg (Solo-Flötistin mit szenischer Doppelbelastung als Krankenschwester) auf der Bühne, Julian Gaudiano (Hammerklavier) im Graben punktgenau sekundieren.

Wie im Pay-TV purzeln alle geläufigen Genres wirr, überdreht, quirlig durcheinander. Wenn Don Profondo über die Etiketten der einzelnen Landesvertretungen räsoniert – Wilfried Zelinka trotzt dem Turbotempo mit souveränem Silbenoutput –, zeigt der Inhalt der jeweiligen Gepäckstücke beim Sicherheitscheck, was tatsächlich Sache ist: Intimwäsche statt Bildung, russischer Kaviar statt Landkarten begehrter Territorien. Die heroische Bestseller-Poetin Corinna umgarnt die pan-europäische Idee, die hier als goldbestäubtes Herrendouble die prächtigen Sixpacks und Muskelpakete spielen lässt. Anna Brull als polnische Marquise Melibea versöhnt, ganz superattraktive Domina, ihren russischen Lover Graf di Libenskof mit einem Blinde-Kuh- und Fesselspiel, das einmal nicht im Boudoir, sondern vor einer schwarzen Richterkanzel spielt. Sogar Corinna, die ihre muslimische Begleiterin recht gerne deckelt, und der sie anschmachtende Belfiore werden unter der Guillotine zu Tristan und Isolde. Schade, dass weder der straffe Strick noch das Fallbeil den liebestödlichen Dienst erfüllen! Dieser Szenereigen zeigt das langsame Hineingleiten der Burleske in Gefährdungen, präzisiert aber nicht. Tetiana Miyus (Corinna), Pavel Petrov (Belfiore) und Miloš Bulajić (Libenskof) beherrschen Rossinis Anforderungen satt und Anna Brull (Melibea) übertrifft sie sogar. Tierischen Ernst demonstriert die Sanatorium-Direktorin Cortese, die beim Europa-Festspiel in rabenschwarzer Steirertracht mit roter Nelke eine von Rossinis zärtlichsten Parodien mit dumpfer Schwere exekutieren muss. Dabei zeigte sich Sonja Šarić schon in ihrer großen Arie mit ihr viel besser passender Agilität.

Oksana Lyniv als charismatische Dompteurin

Es ist nach „Le comte Ory“, der Opernstudio-Ptoduktion der Bayerischen Staatsoper (2015), nun die zweite Rossini-Experience von Oksana Lyniv. Sie führt die Hörer anfangs bewusst in die Irre, weil sie in der ersten Viertelstunde auf ganz schwere Repräsentationsoper à la Cherubini und Spontini macht. Später legt sie Schicht um Schicht dieses Panzers ab, lässt Schwierigkeiten vergessen und schärft Rossinis psychologischen Witz mit dem Konturenstift. Sie ist eine ebenso genaue wie charismatische Dompteurin und weiß ganz genau, wann sie die Leinen ziehen muss oder lockern kann. Am lockersten und lustigsten sitzen sie für die beiden im „Hotel Belcanto“ logierenden Fashion Victims, die mit Geist und leichtem Sinn die Kronen dieser strahlenden Ensemble-Leistung sind: Elena Galitskaya, die Schelmin mit beglückend warmer Silberhöhe, und Peter Kellner, der mit rosa Fächer und Tanzeinlagen alles rockt. Die von Rossini für Lord Sidney ins Zentrum der Oper gesetzte und zur Solo-Kantate ausgewalzte Arie macht er zum Kabinettstückchen, das sogar den letzten widerspenstigen Rossini-Gegner in die Knie zwingt. Mit dieser Mischung aus Überspitzung und Seitenblicken auf das Dynamit im aktuellen Tagesgeschehen des heutigen „Hotel Europa“ setzt die Oper Graz ein Bekenntnis für Diversität und Toleranz. Zu ihren spöttischen Waffen gehören mehr Schalk im Nacken als pauschale Betroffenheitsgesten. Am Ende mischen sich, gerade deshalb, einige Buhs in den Riesenjubel.

  • Oper Graz – IL VIAGGIO A REIMS (DIE REISE NACH REIMS) - Musikalische Leitung: Oksana Lyniv / Marcus Merkel - Inszenierung: Bernd Mottl - Bühne & Licht: Friedrich Eggert - Kostüme: Alfred Mayrhofer - Dramaturgie: Bernd Krispin - Chor: Bernhard Schneider - Corinna: Tetiana Miyus - Contessa di Folleville: Elena Galitskaya - Marchesa Melibea: Anna Brull / Yuan Zhang - Madame Cortese: Sonja Šarić - Conte di Libenskof: Miloš Bulajić - Cavalier Belfiore: Pavel Petrov - Lord Sidney: Peter Kellner - Don Profondo: Wilfried Zelinka - Barone di Trombonok: Dariusz Perczak,  Neven Crnić - Don Alvaro: Ivan Oreščanin - Don Prudenzio: Martin Simonovski - Don Luigino: Martin Fournier – Maddalena: Andrea Purtić – Delia / Modestina: Alexandra Todorović – Antonio: David McShane - Zefirino / Gelsomino: Albert Memeti - Grazer Philharmonisches Orchester - Chor der Oper Graz – Statisterie der Oper Graz
  • Besuchte Vorstellung (Premiere): 7. April 2018, 19:30 Uhr – Wieder am 12., 14., 18., 20. April 2018, 19:30 Uhr - 2. Mai, 19:30 Uhr - 6. Mai 2018, 15:00 Uhr - 16., 25. Mai 2018, 19:30 Uhr - 6. Juni 2018, 19:30 Uhr - 10. Juni 2018, 15:00 Uhr