Betont jugendfreundlich: das IMPULS Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt


(nmz) -
Die besondere Attraktivität des IMPULS Festivals ergibt sich – neben der kompositorischen Qualität einzelner Werke – aus der Dramaturgie, der wohlbedachten, geradezu liebevollen Zusammenfügung und lockeren Präsentation der Programme unter einer Gesamtkonzeption, die für Frische mehr als für Avantgarde steht und alles Dogmatische ebenso meidet wie den erhobenen Zeigefinger.
23.11.2010 - Von Michael Jenne

Dem Berliner Niederländer Hans Rotman, der zunächst als versierter Dirigent mit Konzerten Neuer Musik der Staatskapelle Halle in Sachsen-Anhalt Fuß fasste, ist es in kurzer Zeit gelungen, dank nachdrücklicher Unterstützung des früheren Kultusministers Jan-Hendrik Olbertz sowie seiner Nachfolgerin Birgitta Wolff und in Trägerschaft des Landesmusikrates ein buntes und betont jugendfreundliches Festival zu etablieren. Das 3. „IMPULS Festival für Neue Musik in Sachsen Anhalt“ bot in 24 Veranstaltungen an neun Orten zwischen Halle und Stendal, von Wernigerode bis Dessau, unter Mitwirkung fast sämtlicher Orchester im Lande eine bunte Vielfalt nicht nur ganz Neuer Musik sehr unterschiedlicher Genres. Dass allein die Magdeburgische Philharmonie es vorzog, sich – ob weinend oder nicht – aus diesem Bund zu stehlen, war zumindest bedauerlich, gereichte dem Festival aber keineswegs zum Spielverderb, da das MDR-Sinfonieorchester als neuer IMPULS-Partner gleich für zwei gewichtige Programme zur Verfügung stand.

Allein schon die ganz und gar unterschiedlichen Veranstaltungsstätten lohnen den möglichst extensiven Besuch des Festivals: Der moderne J.S.Bach-Saal im Schloss Köthen, erst kürzlich in den lange ruinösen Außenmauern einer mittelalterlichen Reithalle errichtet, bietet den perfekten Rahmen für das Eröffnungskonzert, genannt „G6 Dirigentengipfel“; staffelartig wechseln die Kapellmeister, die alle sechs auch noch im weiteren Verlauf des Festivals in Erscheinung treten, im kaleidoskopisch bunten Programm am Pult der flexibel folgenden MDR-Sinfoniker. Zu den kompositorischen Gipfeln zählt dabei das Klavierkonzert „The Shining One“ des diesjährigen composers in residence, des Franzosen Guillaume Connesson (*1970), dessen gesamtes symphonisches Werk im Verlauf des Festivals aufgeführt wird und deutliche Impulse setzt, beim rhapsodischen Klavierkonzert solistisch fulminant unterstützt von Ragna Schirmer. Thomas Buchholz’ „Young Person’s Guide to New Music“ als Uraufführung des Abends überzeugt musikalisch in der Verwendung unterschiedlicher Stil- und Ausdrucksmittel mehr als in den von Schülern gesprochenen, zu klischeelastigen Texten.

Tags darauf auf der Bauhaus-Bühne in Dessau die konzertante Voraufführung eines Kindermusicals von Christoph Reuter (Musik) und August Buchner (Text), das sich eng an Erich Kästners „Emil und die Detektive“ anlehnt, aber Elemente der ebenfalls 1928/29 in Berlin entstandenen „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill beimischt, was in dem dann doch unglücklichen Titel „Mackie und die Detektive“ zum Ausdruck kommen soll. Dank vor allem dem von Dorislava Kuntscheva hervorragend präparierten Kinderchor des Anhaltischen Theaters Dessau, aus dem jeweils Emil, Pony Hütchen und andere einschlägige Akteure im Alter von ca. 5 bis 15 solistisch hervortreten, wird bereits die jetzt gebotene Rohfassung dieses pfiffigen Musicals zu Recht bejubelt.

Einen starken Eindruck ganz anderer Art hinterlässt wenige Tage später in Magdeburg das Konzert „Reise ins Licht“: In der gewaltig großen, im Krieg zerstörten und später als Konzerthalle wiedererrichteten Johanniskirche werden Richard Wagners Parsifal-Vorspiel, „The Amfortas Wound“ von John Adams und G. Connessons „Supernova“ miteinander in Beziehung gesetzt durch die in drei Abschnitten unmittelbar auf die Orchesterwerke folgend gesprochene „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ von Jean Paul. Das MDR-Sinfonieorchester unter Lawrence Renes sowie Manfred Karge als Sprecher erheben im Ambiente des gotischen Kirchengemäuers dieses Programm zu einem Höhepunkt des Festivals, in der Landeshauptstadt leider nur von wenigen Besuchern wahrgenommen.

Gewaltigen Zulaufs erfreut sich dagegen in Halle am Sonntag Vormittag das Familienkonzert „Peter und der…Jazz“: In der erst vor wenigen Jahren errichteten hellen Honda MAschinenFAbrik auf einfachen Holzbänken sitzend, sind die großen und kleinen Zuhörer zunächst der Staatskapelle Halle zugewandt, die mit Leonard Bernsteins „Serenade nach Platons ‚Symposion’“ unter Hans Rotman und mit dem vorzüglichen Geiger Arkadi Marasch an den großen Musiker und Musikvermittler anlässlich dessen 20. Todestages erinnert. Sodann wendet sich das Publikum auf den Bänken um 180 ° und hat nun das Akademische Orchester der Universität Halle samt Jugendjazzband Sachsen-Anhalt vor sich, um gebannt Gunther Schullers „Journey into Jazz“ zu folgen. Schuller, einst Schüler von Bernstein, lässt in dem spritzigen Werk den Knaben Peter allmählich zum Jazz-Trom-Peter heranreifen. Unter der Reiseleitung des selbst jugendlichen Phillip Barczewski gelingt die Aufführung bestens, wozu freilich auch der Erzähler beiträgt; den Text des Jazzkritikers Nat Hentoff, von David Ortmann locker ins Deutsche übertragen, spricht zum totalen Vergnügen aller der von anderen Tatorten bekannte Axel Prahl.

Zum happy end der jazzig-fetzigen Story heftet Peter ein Schild an seine Zimmertür: „Hier wird Musik gemacht – HEREINSPAZIERT!“ Das mag schon jetzt als Einladung gelten zu IMPULS 2011.

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