„Broken Chords“ von Gregory Maqoma beim Kunstfest Weimar


(nmz) -
Es war auf alle Fälle die lebendigste Applausordnung seit langem. Immer wieder wirbelten das südafrikanische A-cappella-Quartett mit dem künstlerischen Allrounder und Choreografen Gregory Maqoma unter die sechzehn ‚vocAlumni‘ aus dem Konzertchor des Rutheneums Gera. Auf einem erhöhten Bogen hatten diese die deutsche Erstaufführung des Programms „Broken Chord“ mit der Musik von Thuthuka Sibisi auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar begleitet. Ende August und in der ersten September-Hälfte ist in Weimar Kunstfest-Zeit. „Sehnsucht nach morgen“ jubelt das Motto 2022 vom 24. August bis 11. September.
28.08.2022 - Von Roland H. Dippel

Im Saisonbuch deklinierte man die Veranstaltungsrubriken von Performance bis Partizipation in allen Rainbow Colours durch und am 28. August, Goethes Geburtstag am Tag nach dem Singtheater „Broken Chord“, wurden der ägyptische Multimedia-Künstler Mohamed Abla, Tali Nates Historikerin und Direktorin des Johannesburg Holocaust & Genocide Centre aus Südafrika, sowie die Künstlerinnen des Sandbox Collective, Nimi Ravindran und Shiva Pathak aus Indien, in Weimar mit der Goethe-Medaille 2022 geehrt. In Begegnungen mit Kultur und Konversationen will das bekannteste, sicher auch eines der intensivsten Festivals für zeitgenössische Künste in Ostdeutschland, den großen Krisen der Gegenwart – Krieg, Corona, Klimawandel – und dem Rechtsextremismus kontern. Das Kunstfest Weimar ist politisch und wortgewandt, manchmal auch verspielt. Mitunter verzichtet es allerdings in einem dafür unpassenden Programmbeitrag auf Hilfe für Anwesende, weil die zum Verständnis nötige Übersetzung fehlt. So in diesem Konzert.

Von 1891 bis 1893 unternahm das südafrikanische Chorensemble „African Choir“ eine Konzertreise nach Großbritannien und Nordamerika. „Die Reise hinterließ bei den Sänger:innen ihre Spuren – einige von ihnen wurden führende Aktivist:innen und Sozialreformer:innen in ihrer Heimat. Trotz des Erfolges wurden die Konzerte nicht dokumentiert, erst 2014 tauchten in einem Londoner Archiv Fotos auf.“ Das Kernensemble des Konzertprogramms „Broken Chord“ beginnt auf einem Podest an der linken Bühnenseite und will an diese Ereignisse erinnern. Etwas später zeigt es eine tänzerische Geschmeidigkeit, die seiner vokalen in nichts nachsteht.

Zum Singtheater wurde das Quartett durch Msizi Njapha, Lubabalo Velebhayi, Xolisile Bongwana, Zandile Hlatshwayo und den Tänzer Gregory Maqoma. Die deutsche Erstaufführung geriet musikalisch glanzvoll, aber man verstand außer einer ‚Vocal battle‘ zwischen den Einheimischen in korrektem Schwarz und seinem inspirierten Swing über den Soli des virtuosen Gastensembles wenig bis nichts. Das lag einerseits an der suboptimalen Tonverstärkung, welche die Vokalfähigkeiten des Quartetts mit Hall und zu viel Schall aufblähte. Damit waren sogar die wenigen Texte auf Englisch und erst recht die auf Zhulu und Xhosa schöne Silben. Als Konzertereignis wurde somit die Mouth Performance des Musikidioms wichtiger als dessen Sinn. In mit bunten Farben amalgamierter westlicher Gesellschaftskleidung und einigen südafrikanischen Accessoires hörte und erlebte man bestechende Fähigkeiten und ein dynamisches Rhythmusgefühl, bei dem die Beine so lebendig waren wie die Zungen. Kein Wunder, dass es das Publikum nach den Tanzsoli Maqomas von den Sitzen riss. Die Synthese von Rhythmus, Hymnik und performativer Energie sprang in den Saal.

Gerade deshalb wurde hier das Narrativ des Gegensatzes vom korrekt-zurückhaltenden Norden durch den ‚vocAlumni‘ aus dem Konzertchor des Rutheneums Gera (Leitung: Christian Klaus Frank) und dem artistisch impulsiven Süden fortgesponnen. Die Solisten wechseln zwischen hellen langen und leichten tieferen Tönen, die sich artistisch als Lallen und kurze Schreie fortsetzen. Gesänge und Tanzsoli schlagen so in Bann, dass es erst nach fast einer einer Stunde zum Szenenapplaus kommt. Mit fröhlichem Schweigen wirkt die Stimmung im Saal sogar ausgelassen. Aber man merkt. Die musikalischen Mitbringsel aus Südafrika sind nicht einmal beim Kunstfest Weimar eine Selbstverständlichkeit. Das schöne Abwarten zog sich bis zum Schluss. Das applausselige Publikum wollte mindestens eine Zugabe und die Mitwirkenden mitsamt künstlerischer Leitung wollten den Hörenden nur näherkommen. Der abschließende Gang des „Broken Chord“-Ensembles über den abgedeckten Orchestergraben an die Kante zum Parkett signalisierte vor allem Freude über das Ende der Lockdown- und Gastspielbarrieren. Mit herzlichem Lächeln.

  • Am 2. September 2022 gastiert Gregory Maqomas Choreografie „CION - Requiem of Ravel´s Bolero“ mit dem Vuyani Dance Theatre Johannesburg im Pumpenhaus Münster.

 

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