Brudermord als Sündenfall: späte Uraufführung von Marc Blitzsteins Ballettmusik „Cain“ in Linz


(nmz) -
Im Brucknerhaus Linz erlebte Marc Blitzsteins Ballettmusik „Cain“ von 1930 ihre späte Uraufführung. Die amerikanische Musikgeschichte muss deshalb zwar nicht neu geschrieben werden, aber Juan Martin Koch kann von einem schillernden Mosaikstein darin berichten.
04.03.2019 - Von Juan Martin Koch

„Where is thy brother Abel?“ Als auf dem Höhepunkt des ersten Teils von Marc Blitzsteins Ballett „Cain“ Bariton Adrian Eröd diese Worte – per Lautsprecher verstärkt – in den Raum schleudert, hebt es einen fast aus den Sitzen. Obwohl durch das Programmheft vorbereitet, ist das doch ein beachtlicher Effekt, den Blitzstein sich da im Jahr 1930 ausgedacht hat. Doch der Reihe nach:

Der 1905 geborene Blitzstein war Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre, nach seinen kurzen Studienaufenthalten in Europa bei Nadia Boulanger und Arnold Schönberg, noch auf dem Weg zu seinen späteren Erfolgen als brillant zwischen den Stühlen von E- und U-Musik agierender Bühnen- und Songkomponist (1936: „The Cradle Will Rock“, 1954: englischsprachige Version der „Dreigroschenoper“). So entstanden ambitionierte Werke, darunter eine Klaviersonate, ein Streichquartett, ein Klavierkonzert und eben dieses Ballett, das zu Lebzeiten aber unaufgeführt blieb. Bei der Planung des Saisonmottos „Credo – Bekenntnis, Glaube, Religion“ hatte Brucknerhaus-Dramaturg Jan David Schmitz das Werk aufgespürt und schließlich von der Kurt Weill Foundation, die im Besitz der Handschrift ist, die Erlaubnis für diese späte Uraufführung erhalten.

Die programmatische Einbettung war schlüssig: Der Uraufführung ging das „symphonische Fragment“ aus Richard Strauss’ blechgepanzert schwülstigem Ballett „Josephs Legende“ und  – in diesem Zusammenhang wichtiger – Sergej Prokofieffs Sinfonische Suite aus „L’enfant prodigue“ voraus. Letzteres Ballett hatte Blitzstein bei der Uraufführung 1929 in Paris gesehen – eine direkte Inspirationsquelle für sein eigenes, auf die Bibel bezogenes Werk.

Beim Handlungsgerüst erlaubte Blitzstein sich allerdings eine entscheidende Abweichung vom 1. Buch Mose: Der Brudermord findet, gleichsam als zweiter Sündenfall, noch im Paradies statt und verursacht damit die Vertreibung daraus. Den theatralen Coup mit Jehovas Stimme als einzig erklingendem Vokalpart hat das halbstündige Stück dann durchaus nötig. Bis dahin hantiert Blitzstein etwas hölzern mit bitonalen Melodiegebilden, wechselnden Taktarten und Rhythmusüberlagerungen, die allerdings wenig Bewegungs- oder Handlungsenergie entwickeln. Der Dialog Jehovas mit den rein orchestral gearbeiteten Antwortgesten Kains strahlt dann unmittelbare Theatralität aus, die im stark von Prokofieff beeinflussten Schlussabschnitt des ersten Teils und nach dem Zwischenspiel auch im zweiten Teil zumindest zeitweise weiterwirkt.

Hier lässt Blitzstein die Bewohner Henochs ein freudloses Fest feiern, streut vereinzelte Orientalismen ein und lässt Noema keinen furiosen Schleiertanz aufführen, sondern schreibt ihr eine verhaltene Sinnlichkeit ausstrahlende Musik in die Beine. Das überraschende „Brüderchen komm tanz mit mir“-Zitat in der Klarinette spielt dabei auf seine Schwiegermutter an, die bei der Erstaufführung von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in den USA den Hänsel gesungen hatte. Den eindringlichen Schlusspunkt setzt dann wiederum die Intervention der Singstimme Jehovas, mit dessen letzten Worten, dem Fluch „Now, therefore, cursed shalt thou be upon the earth“ das Werk ebenso abrupt wie konsequent schließt.

Das MDR-Sinfonieorchester unter der präzise animierenden Leitung von Eugene Tzigane und der Ehrfurcht gebietende Adrian Eröd hauchten diesem insgesamt doch eher spröde-bemühten, aber hochinteressanten Mosaikstein der amerikanischen Musikgeschichte einiges an Leben ein. Überraschter, anerkennender Applaus des Linzer Abo-Publikums.

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