Das Dunkle in uns – Händels „Oreste“ im Theater am Goetheplatz in Bremen


(nmz) -
Ein Schiff? Ein Labyrinth? Eine Bar? Ein Hotel? Es kann alles sein und alles zusammen, was sich auf der Bühne dreht, im Hintergrund das Meer (Bühne von Irene Ip). Es ist die Insel Tauris in Georg Friedrich Händels Oper „Oreste“, auf der nach dem trojanischen Krieg sechs Personen versuchen, mit den Schäden ihrer Vergangenheit fertig zu werden und das durchaus Dunkle und Zerstörerische zu überwinden.
26.05.2015 - Von Ute Schalz-Laurenze

Da ist zunächst einmal der mit epileptischen Anfällen gequälte Orest, der nach dem Mord an seiner Mutter Klytämnestra Vergessen von den ihn verfolgenden Erynnyen sucht. Da ist Iphigenie, von der er nicht weiß, dass sie seine Schwester ist, die Erlösung von ihren Mordaufträgen sucht, nachdem sie von der Göttin Artemis auf die Insel transportiert wurde. Sie muss im Auftrag des Tyrannen Thoas alle Ankommenden töten, weil das Orakel ihm gesagt hat, er werde von Orest umgebracht. Thoas wiederum provoziert seinen Tod, denn als ein solch archaisch-barbarischer Mensch, der zusätzlich sich alles nimmt, was er begehrt, kann er auch nicht weiterleben. In Zwängen auch sein Diener Philoktet, der Iphigenie die Rettung Orests verspricht, wenn sie ihn liebt. Außerdem befinden sich Orests Frau Hermione und sein Freund Pylades auf der Insel und tragen das Ihre zu komplexen Seelenverwirrungen bei, an deren Ende die Tötung Thoas‘ durch alle steht.

Das ist schon einmal eine ganz andere Konzeption als die Strickmuster immergleicher Liebeswirren in barocken Opern. Dass an erster Stelle des Denkens und der Arbeit bei dem Regisseur Robert Lehniger der Film und das Video steht, hat er bestens – wenn auch manchmal des Guten zu viel – genutzt: die unterschiedlich sensibel rhythmisierten Einblendungen zeigen Erinnerungen und Träume, die die Personen fast erhellender und klarer zeichnen als die konkrete Personenführung auf der Bühne, die nicht selten beliebig zu bleiben scheint. Dass letztendlich trotzdem recht klare Charaktere dabei herauskommen, liegt an der enormen Qualität der Musik und an der genauso enormen Qualität der Ausführung.

Für die ist der schwedische Barockspezialist Olof Boman verantwortlich, der in Bremen nach Vivaldis „Orlando fusioso“ und Händel „Messiah“ zum dritten Mal mit den Bremer Philharmonikern eine berückende Einstudierung vorlegt. Man kann hier vergessen, dass es sich bei der Musik um ein so genanntes „Pasticcio“ – also um die Verwendung schon vorhandener Musik – handelt. Händel hat 1734 aus Zeitmangel das Beste aus seinen Opern genutzt und die Rezitative neu komponiert. Boman überzeugte mit den fabelhaft gecoachten MusikerInnen mit einem Farben- und Artikulationsreichtum, mit einem zugrunde liegenden „Beat“, mit einer gleichzeitig emotionalen Wucht, wegen der allein diese Aufführung schon empfehlenswert ist.

Im Mittelpunkt das Schreckgespenst Thoas: eine Paraderolle für den Sängerschauspieler Patrick Zielke. Zusammen mit den Videos, die auch seine Menschlichkeit und seine Träume zeigen, gelang die Darstellung der komplexen Doppelbödigkeit seiner Seele. Auch Marysol Schalit als Iphigenie zeigte mit ihrem leuchtenden Sopran ihre blutüberströmte verzweifelte Schlachterei ebenso wie ihre liebende Sehnsucht nach Orest. Ulrike Mayer als Orest – die Titelrolle sang in der Uraufführung der damals berühmteste Kastrat Giovanni Carestini – überzeugt gesungen und gespielt bestens. Unglaublich schwer zu singen sind diese Arien, aber stilistisch kompetent und klangschön bewältigt von Christoph Heinrich als verzweifelter Philoktet, Nerita Pokvytyte als berühend liebende Hermione und Hyoyong Kim als treu-solidarischer Freund Pylades. Die selten gespielte Oper – zuletzt 2006 in Berlin in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten und unter der musikalischen Leitung von Thomas Hengelbrock – hätte mit ihrer aktuellen Frage nach dem Bösen in uns allen eine größere Repertoirepräsenz verdient. Zu dieser Erkenntnis trägt die mit Ovationen belohnte Aufführung in Bremen erheblich bei.

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