Das Verborgene entdeckbar machen: Das 45. Moers-Festival lief trotz aller Widerstände bemerkenswert rund


(nmz) -
Ein Ereignis wie das Moers-Festival zeigt, wie hungrig kreative Musiker danach sind, sich selbst auszudrücken. Sorgfältig programmierte Festivals machen so etwas entdeckbar. Der künstlerische Leiter Reiner Michalke sieht unter den aktuellen Bedingungen aber keine Basis mehr für nachhaltige Planungen. Überraschend bot Michalke bei der Abschluss-Pressekonferenz seinen Rücktritt an. Begründung: Es gebe aktuell zu wenig „Rückhalt seitens der Moerser Stadtgesellschaft“ für eine sorgfältige künstlerische Arbeit.
22.05.2016 - Von Stefan Pieper

Die Vorgeschichte: Im Frühjahr wurden Zweifel an der Zukunft des Festivals laut, nachdem der neue Geschäftsführer vorliegende Zahlen aus betriebswirtschaftlichem Blickwinkel interpretiert hatte. Wie ein vorauseilender medialer Flächenbrand verbreitete sich das Horrorszenario einer drohenden Festival-Absage. Die Folge: Viele Kartenbesteller waren verunsichert und der Vorverkauf brach heftigst ein. Das Image hat gelitten, denn Festivals sind Vertrauenssache.

Gehen lassen will niemand den künstlerischen Leiter. Angenommenen wurde das Rücktritts-Angebot weder von Carmen Weist, der langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Moers-Kultur-GmbH noch von den vielen anwesenden Mitgliedern des Festivals-Teams. (Die Lokalpresse schreibt, dass lediglich die Moerser CDU-Fraktion unter Federführung des erklärten Festival-Gegners Ingo Brohl einem Rücktritt des Festivals-Leiters positiv gegenüberstehe.) Zehn Jahre lang schon hat der Kölner Reiner Michalke ein dickes Fell bewiesen, um gegen viele Widerstände aus der Moerser Bevölkerung mit dem Festival das überregionale Image der Stadt am Niederrhein zu pflegen.

Querelen gehören zur lokalpolitischen Folklore. Für die internationale Ausstrahlung des Festivals stehen andere Qualitäten: Eingetaucht werden konnte zu Pfingsten in den spezifischen „Klang von Moers“, wie er weltweit Widerhall findet. Jahrzehnte nach den Gründertagen formulieren junge Aufrührer ihre Statements. Etwa Kaja Draksler und Susanna Santos Silva, die den frei improvisierten Dialog der Töne, Gesten, Klänge und Figuren reibungsvoll und bemerkenswert intuitiv pflegten. Der Berliner Schlagzeuger Christian Lillinger macht Jazz mit dezidiertem Ausrufezeichen und eben solchem Forschergeist. Er feuerte seine hitzigen Metrengeflechte auf die Mitmusiker in der Band „Medusa Beats“ ab. Die Antworten der Mitstreiter sprühten vor Humor und spontaner Spiellust. Man kennt den Trompeter Peter Evans, den Saxofonisten Wanja Slavin oder den Bassisten Peter Eldh aber auch nicht anders!

Synästhetische Beziehungen von Musik, Film und anderen Ausdrucksformen

Im multimedialen Zeitalter nähren synästhetische Beziehungen von Musik, Film und anderen Ausdrucksformen auch das Liveerlebnis. Im Projekt „End of Summer“ des Isländers Johann Johannsson evozierte ein Schwarzweiß-Dokumentarfilm die ganze Dramatik eines Naturschauspiels in karger polarer Landschaft: Aufgewühlte See, steifer Wind, Tiere im Überlebenskampf. Die live hierzu gespielte Musik wirkte aber leider etwas zu dünn, um mehr als nur Untermalung zu sein.

Konsistenter, aber viel sperriger wirkte ein Projekt der maskiert auftretenden US-Performerin Liz Kosack. Aus dem Off wird ein Auszug aus der Ödipus-Sage zitiert. Dann saugen tiefschürfende Klangeruptionen mittels analoger Synthesizer und verzerrter Trompeten in die Tiefen des Unterbewusstseins hinein. Das Geschehen explodiert, als geisterhafte Fantasiewesen auf der Bühne emporsteigen – ein eindrucksvoller, aber auch schwer zu dechiffrierender Entdeckungstrip auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen!

Das Gegenteil solch komplexer Unterfangen ist der Song, der im Idealfall Saiten im Hörer zum Klingen bringt. Etwas zu „unschuldig“ wirkte hier der Soloauftritt des Indie-Folksängers Sam Amidon. Der Sänger würde sehr gut auf das ebenfalls am Niederrhein stattfindende Haldern-Popfestival passen – im Moerser Kosmos wirkte Amidons Vortrag irgendwie verloren. Viel mehr Saiten zum Klingen brachte das Projekt „The Real me“ aus der Feder des US-Gitarristen Jeremy Flower und der Geigerin/Sängerin Carla Kihlstedt. Letztere paarte eine bemerkenswert in sich ruhende Ausstrahlung mit einer Empfindsamkeit, die unter die Haut ging.

Moderner Expressionismus

Man könnte bei der vokalen und instrumentalen Klangwelt der Slowenin Maja Osojnik Parallelen zu Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ ziehen. Tatsächlich wirkte die verstörende Darbietung der heute in Wien Lebenden wie eine Antwort auf eine immer labyrinthischer werdende Welt. Im Zusammenwirken mit Elektronik und einem wütend drauflos trommelnden Schlagzeuger lebte hier eine Form von modernem Expressionismus.

Cassandra Wilson kam nach Moers. Nach Reiner Michalkes Urteil ist ihr aktuelles Bandprojekt „Black Sun“ mit dem kreativen Ansatz des Moers-Festivals kompatibel. Wilsons Stimme kam gewohnt deep daher – und auch die Saitenartistik der profilierten US-Musikerin ist auch nicht zu verachten. Da lebte der Staub der Straße, lieferte der ewige Blues eine verlässliche Nahrung. Und es hat auch maximalen Coolness-Faktor, wie Brandon Ross auf Leadgitarre und Banjo loslegte.

Auch die Errungenschaften der Minimal Music stehen beim Moers Festival hoch im Kurs. Das Trio „Dawn of Midi“ schwor das Publikum auf knochentrockene Schwingungskurven eines radikalen Minimal Techno ein. Mit maximaler künstlerischer Konsequenz modellierte Pianist Amino Belyamani jeden einzelnen Ton allein durch Dämpfung auf den Klaviersaiten, ebenso wie Bassist Akaash Israni durch akrobatische Saitenbehandlung Basslines generierte und Schlagzeuger Qasim Naqvi metrische Interferenzen und Phasenverschiebungen allein durch Verändern eines einzigen Snaredrumschlages herbeiführte. Ähnlich, aber auch wieder ganz anders agiert Hauschka alias Volker Bertelmann. Hier sind die repetitiven Texturen weniger abstrakt, dafür von mehr lyrischer Beseeltheit durchtränkt. Der finnische Schlagzeuger Samuli Kosminen wusste sich hellwach und hypnotisch einzuklinken. Das bot große Emotionen im durchaus pop-affinen Breitwandformat.

Einmal mehr erwies sich die Festivalhalle durch ihre bestechende Akustik als denkbar bester funktionaler Rahmen für jedes musikalische Abenteuer. Auch wenn dies – trotz ständig voller Ränge dank nicht weniger als 12.000 Festivalbesuchern und solider Zuschüsse von Bund und Land – einigen Untergangspropheten in der Lokalpolitik nicht so recht passen will …

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