Deprimierende Divendämmerung – In Augsburg missglückt Rufus Wainwrights „Prima Donna“


(nmz) -
Grande Opéra und Primadonna und Scheitern und Comeback – alles herrlich dramatische Vorgaben für ein Werk, das „Oper über Oper in einer Oper“ bietet. In der Papierform las sich also das Augsburger Projekt reizvoll. Doch die Bühnenrealität enttäuschte.
04.02.2018 - Von Wolf-Dieter Peter

Der 1973 geborene Kanadier Rufus Wainwright ist bekennender Verdianer, liebt also die Melodie, singt selbst und sollte dementsprechend „für die Stimme komponieren“ können. Er hat sich mit dem Phänomen Maria Callas befasst und kennt die Problematik „Kunst und Öffentlichkeit“ in vielen seiner Facetten. Er hat über den gesamten Komplex eine zweiaktige Oper geschrieben: eine Diva scheiterte vor Jahren an einer Grande Opéra über eine famose Frau der europäischen Geschichte, über Eleonore von Aquitanien; die Diva verarmt zunehmend und lebt relativ einsam in einem verfallenden Pariser Apartment, betreut von einer ergeben sorgenden Dienerin und einem seit Jahren ihr Comeback planenden, letztlich aber zwielichtigen Adlatus; ein mit einem Journalisten begonnenes Interview vor dem Comeback wächst sich zu Rückerinnerung und Erkenntnis aus – denn einerseits ist der befremdlich eitel unbeholfene Journalist ausgebildeter Tenor, singt mit ihr die Liebhaber-Rolle der Oper „Aliénor d’Aquitaine“ und eine Ahnung einstiger Größe steigt auf – doch andererseits endet alles in der tristen Erkenntnis: die Stimme der Diva bewältigt die Anforderungen der Riesenpartie nicht mehr.

Komponist Wainwright bemüht dafür ein Riesenorchester, das von Harfe über Harmonium, Wagner-Tuba bis zu vielfältigem Schlagwerk „alles“ verwendet, um einen zwischen Puccini, Schreker und Philip Glass wabernden Sound zu erzeugen. Doch Wainwrights fehlenden Sinn für Höhepunkte und das heimliche Elend allen Star-Daseins konnten Dirigent Lancelot Fuhry und die Augsburger Philharmoniker trotz allem Engagement nicht ausgleichen. Nur der dubiose Sekretär bekommt eine etwas eindringlichere Szene mit Anklängen an Puccinis Scarpia.

Im Zentrum setzt Wainwright zu einer musikdramatisch reizvollen Idee an: die Diva beginnt am Flügel auf der Bühne solistisch ihre Arie; dann übernimmt das Orchester – doch aus all dem erwächst keine grandiose „Szene und Arie“ für eine Star-Sopranistin, später kein loderndes Liebes-Duett. Das steht für das schwächelnde Wabern des ganzen Werkes: Nirgendwo wird die Faszination des singenden Menschen beschworen; nirgendwo überwältigt die emotionale Wucht großer Oper; nirgendwo lässt die enervierende Belastung mitleiden, dass Lebensplanung und Lebensglück vom Funktionieren zweier kleiner Stimmbänder abhängig werden.

Für all das wäre Augsburgs Diva Sally du Randt mit all ihrer Bühnen- und Rollenerfahrung eine exzellente Besetzung gewesen – nur gibt ihre Rolle dafür eben kaum etwas her, ihr Schicksal bleibt ohne Fallhöhe. Das höhensichere Zwitschern und Warnen der Dienerin Marie bewältigte Jeanette Wernecke problemlos, warf aber auch die Frage auf, ob ein warmer Mezzosopran oder Alt nicht rollengerechter wäre. Auch der Sekretär-Bariton von Wiard Witholt und der Journalist-Tenor von Roman Poboinyi klangen gut, nur hat ihnen Wainwright keine profilierten Rollen komponiert.

Von dem „Genie Award“, den der 16jährige Rufus gewann, war nichts mehr zu erleben… und das haben weder Intendant, noch musikalische Direktion, noch Musikdramaturgie beim Studium der Partitur gemerkt? Oder waren die Etikette „Deutsche Erstaufführung“ samt „Förderung durch die Kanadische Botschaft“ so schmückend?

Der für Regie, Bühnenbild, Filmzuspielungen und Live-Video auf zwei großen Flachbildschirmen links und rechts der Spielfläche zuständige Hans Peter Cloos lieferte zu all dem auch noch leeren Aufwand. Wer Filmzitate von Regiegrößen wie Billy Wilder („Sunset Bouelvard“), Robert Aldrich („Wiegenlied für eine Leiche“) und David Lynch („Lost Highway“) bemüht, kann nur verlieren. Wer aus drei weiteren Dienerfiguren befremdlich unbeholfen umherstaksende Szene-Groupies macht, die mit Videokamera Nebensächlichkeiten zu ablenkenden „Rand-Schau-Szenen“ aufpusten, entlarvt die Schwächen seiner Hauptaufgabe: die dürftige Personenregie, den szenischen Leerlauf, den auch unklar bleibende Projektionen nicht füllten. Als auf der Bühne nach der Polizei gerufen wird, gab es Lacher im Premierenpublikum… schön und schade, denn „Glanz und Elend großer Oper und ihrer Stars“ wäre ein hochdramatisches Thema für die Königin aller Bühnenkünste – die Oper als Kraftwerk der Gefühle.

Kritikerkritik

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Wer seine eigenen Gedanken in Anführungszeichen setzt, will beim Leser nicht beim Wort genommen werden und verrät Unsicherheit und Mehrdeutigkeit.

Beim nächsten Verriss sollten Sie sich ein bisschen mehr Mühe geben, um überzeugend rüberzukommen!