Die Mainzer Hochschule für Musik entdeckt Louis Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“


(nmz) -
Die Offenbarung des Johannes gehört zu den eher unbeliebten Vorlagen für geistliche Vokalmusik. Am verbreitetsten unter diesen Raritäten ist Franz Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“. Doch auch Louis Spohr (1784-1859), einer der weniger bekannten Jubilare des Jahres 2009, hat sich kompositorisch mit der Apokalypse befasst. Sein Oratorium „Die letzten Dinge“ wurde 1826 in der Kasseler Lutherkirche uraufgeführt. In Mainz nahmen sich Chor und Orchester der Hochschule für Musik unter Prof. Ralf Otto des vergessenen Werkes an.
12.08.2009 - Von Andreas Hauff

Die Aufführung in der Mainzer Christuskirche machte begreiflich, warum Spohr seinerzeit als eine der führenden Musikerpersönlichkeiten Deutschlands galt und auch in England große Erfolge feierte. Mit „Die letzten Dinge“, dem zweiten von seinen vier Oratorien, steht er in einer Linie zwischen Händel, Haydn und Mendelssohn. In gelungener Verbindung von dramatischen und lyrischen Momenten entfaltet er sowohl die bedrohlichen als auch die versöhnlichen Seiten der Apokalypse. Geschickt verlagert das Textbuch von Friedrich Rochlitz dabei die dramatische Zuspitzung in den Anfang des zweiten Teils.

Spohrs Kompositionsstil erscheint als reizvolle Mischung von klassizistischer und frühromantischer Musiksprache. Mozart und Cherubini als Vorbilder klingen an, aber auch Weber ist nicht fern, wenn es unheimlich wird. Selbst in freundlich wirkende Passagen tönt oft ein dumpfes Grollen der Pauken hinein. Der Chor spielt eine große Rolle. Im wohl durchdachten Wechselspiel mit Orchester und Solisten entsteht eine ebenso plastische wie feinsinnige Bibelerzählung – bis hin in subtile Einzelheiten.

Da blenden sich etwa beim Stichwort „Der Allmächtige“ zu einer unbegleiteten Chorpassage die Hörner mit einem bedeutungsvollen Unisono-Orgelpunkt ein.Und die Worte „Herr, meine Zuversicht! Ich bin allein, bleibst du mir nicht.“ werden zwar zuerst solo vom Sopran vorgetragen, dann aber im Duett mit dem Tenor, denn es handelt sich hier um kein individuelles, sondern um ein Menschheitsproblem. Eigentlich geht es in dem drastischen und rätselhaften Bildern der Johannes-Apokalypse ja um Grundfragen der Menschheit: Gerechtigkeit, Verantwortung und eine Erlösung jenseits von Tod und Leid.

Bis auf ganz wenige Momente wirkte die Interpretation durch Chor und Orchester der Musikhochschule unter Prof. Ralf Otto dem Werk wie angegossen. Tempo und Temperament, Artikulation und Dynamik, Klangfarbe und Balance verbanden sich organisch zu immer wieder eindringlicher Aussage. Mit dem Verzicht auf die Pause zwischen den beiden Teilen entstand ein 90-minütiger Sog mitreißenden Musizierens.

Beachtliches leisteten die jungen Solisten, von denen drei auch dem Jungen Ensemble des Staatstheaters angehören. Glaubwürdig in Timbre, Mienenspiel und dramatischem Zugriff verkörperte der Bassist Christian Wagner die Stimme Gottes. Daniel Tepšas Tenorstimme glänzte mit beachtlicher Bandbreite in Ausdruck und Lautstärke, wurde aber manchmal zu scharf in der Höhe. Anne Ganzenmüller gefiel mit klarem, freundlichem Sopran, und Regina Pätzer gestaltete die knappe Altpartie bewusst und stilvoll. Das Publikum feierte alle Mitwirkenden mit begeistertem Applaus.