Die Stimme, der Aal und das Buddelschiff: Dionne Warwick im Interview


(nmz) -
Sie war die erste schwarze Sängerin des Pop: Dionne Warwick (geb. 1940). Im Interview mit Claus Lochbihler erzählt Sie von ihrer Gospel-Jugend, der Song-Ehe mit Burt Bacharach und wie aus „Walk On By“ mit Hilfe von Marlene Dietrich „Geh vorbei“ wurde.
25.11.2009 - Von Claus Lochbihler

nmz-Online: Burt Bacharach, dessen Melodien Sie berühmt gemacht haben, hat über Ihre Stimme gesagt, sie sei so zart und rätselhaft wie ein Schiffsmodell in einer Flasche. Wie finden Sie den Vergleich?

Dionne Warwick: Sehr charmant. Und so poetisch wie viele Texte, die Hal David zu Burt Bacharachs Melodien geschrieben hat.

nmz-Online: Dagegen hat ein französischer Kritiker ihre Stimme mit einem Aal verglichen.

Warwick: Einem Aal?

nmz-Online: Ja, dieser glitschige, lange Fisch.

Warwick: Wirklich? Das habe ich noch nie gehört.

nmz-Online: Wie finden Sie den Vergleich?

Warwick: Der Mann wird schon gewusst haben, was er gemeint hat.

nmz-Online: Er wollte zum Ausdruck bringen, dass Sie so smooth und flüssig durch einen Song gleiten wie ein Aal durch‘s Wasser.

Warwick: Ach, so. Zuerst hört sich dieser Vergleich etwas merkwürdig an. Aber so betrachtet ist es natürlich ein Kompliment.

nmz-Online: Gab es Vorbilder für Ihren Stil und Ihre Phrasierung?

Warwick: Nicht in dem Sinne, dass ich Ihnen bekannte Sänger oder Sängerinnen nennen könnte. Ich singe so, wie in meiner Familie gesungen wurde. Ich stamme aus einer Gospelfamilie. Da hat jeder ungefähr so gesungen wie ich.

nmz-Online: Sie haben letztes Jahr ein Gospel-Album aufgenommen. Eine Rückkehr zu Ihren Wurzeln?

Warwick: Ja, mit dem Gospel hat alles angefangen. Den Titelsong habe ich noch mit meiner Schwester Dee Dee Warwick gesungen - leider die letzte Aufnahme vor ihrem Tod. Schon deshalb bin ich sehr, sehr glücklich, dass wir dieses Album gemacht haben. Meine Schwester, ich und zwei meiner Kusinen traten damals als die „Gospelaires“ auf. Im Kirchenchor waren wir auch. In einer richtigen Gospel-Familie verstand sich das von selbst. Wir haben in Kirchen und Konzertsälen gesungen – die ganze Ostküste rauf und runter. Eine wunderbare Zeit!

nmz-Online: Schon bald fingen Sie mit Pop an – zuerst als Background- und Demo-Sängerin, dann als einer der ersten schwarzen Stars der Pop-Musik. Hatte Ihr Pfarrer ein Problem, dass Sie nicht mehr Gospel, sondern ‚weltliche‘ Musik gesungen haben?

Warwick: Nein, überhaupt nicht. Der Pastor war nämlich mein größter Fan: Mein Großvater.

nmz-Online: Wie praktisch.

Warwick: Außerdem hat er es so gesehen: Dass meine Stimme ein Geschenk Gottes sei, mit dem ich die Leute glücklich machen und auf ehrliche Weise mein Geld verdienen könne. Was sollte daran schlecht sein?

nmz-Online: Zahlreiche Kirchen in den USA verbinden Gospel mit Hip Hop. Was halten Sie davon?

Warwick: Wenn es hilft, junge Menschen anzusprechen und an Gott heranzuführen: Wunderbar! Auch Gospelmusik ändert sich. Außerdem sind die Genres schwarzer Musik immer miteinander verwandt – sogar Gospel und Hip Hop.

nmz-Online: Es gibt ein YouTube-Video, das zeigt, wie Burt Bacharach einen Song mit Ihnen einstudiert: „Loneliness Remembers What Happiness Forgets“. War die Arbeit mit Burt Bacharach immer so entspannt und locker?

Warwick: Ja, das war ja das Wunderbare an dieser Zusammenarbeit: Dass alles immer so ‚easy‘ gelaufen ist. Zehn Jahre lang. Deswegen waren wir – Burt Bacharach, ich und Hal David mit seinen Songtexten – als diejenigen bekannt, die eine Dreiecks-Beziehung führten. Streng musikalisch natürlich.

nmz-Online: Wie erklären Sie diese Arbeitsbeziehung?

Warwick: Zuerst einmal waren wir Freunde. Richtige Freunde, was im Musikgeschäft nicht selbstverständlich ist. Zweitens hat jeder von uns etwas auf den gemeinsamen Tisch gelegt: Burt seine fantastische Musik, Hal David seine wunderschönen Texte. Ich war die Interpretin, die beide im Kopf hatten, wenn sie einen neuen Song komponierten. Am wichtigsten aber war die Musik. Für mich war es immer wieder ein Genuss, eine Melodie von Burt Bacharach und einen Songtext von Hal David das erste Mal zu hören.

nmz-Online: Burt Bacharach hat immer betont, er sei ein Perfektionist, der Leute möge, die sich selbst folterten – wie er beim Komponieren. Haben Sie diese Seite auch erlebt?

Warwick: Natürlich ist Burt Bacharach ein Perfektionist. Aber ein sehr charmanter. Jedenfalls habe ich ihn so erlebt. Wenn jemand so perfekte Melodien komponiert wie Burt Bacharach, ist es nur verständlich, dass er exakt die Noten hören möchte, die er niedergeschrieben hat. Man mag ihn deswegen einen Perfektionisten nennen. Ich würde eher sagen, dass Burt Bacharach jemand ist, dem seine Musik sehr, sehr am Herzen liegt. Ich hatte in unserer Zeit nie ein Problem mit ihm. Vielleicht, weil ich Musik studiert habe und deswegen nie Schwierigkeiten hatte, das zu singen, was Burt komponiert hatte. Bei anderen war das anders. Die brauchten Demoaufnahmen, um einen Song zu lernen.

nmz-Online: Frank Sinatra soll gesagt haben, „Wives and Lovers“ von Burt Bacharach und Hal David sei der schwierigste Song, den er in seiner Karriere gesungen habe.

Warwick: Das ist auch ein schwieriger Song. Auch wenn es sich nicht so anhört.

nmz-Online: Was halten Sie dann von „Easy Listening“, dem Begriff, der oft fällt, wenn von Ihnen die Rede ist?

nmz-Online: Ganz ehrlich: Ich finde, dass „Easy Listening“ ein großes Lob ist. Weil es bedeutet, dass jeder unsere Musik hören und genießen kann. Schöne Musik muss nicht anstrengend sein.

nmz-Online: Glauben Sie, dass Ihre Begegnung mit Bacharach und Hal David etwas Einzigartiges war, etwas, was es im Pop vielleicht nur alle 50 Jahre gibt?

Warwick: Ja. Es gibt im Pop kein anderes Songwriter-Team von dieser Qualität, das so lange mit einem Sänger oder einer Sängerin zusammengearbeitet hat wie Burt Bacharach und Hal David mit mir. Mir fällt eigentlich nur der Motown-Sound ein, den Holland-Dozier-Holland mit ihren Songs, vor allem für Diana Ross und die Supremes geprägt haben. Aber die haben für ein ganzes Label geschrieben. Ich hatte mit Burt Bacharach und Hal David mein persönliches Holland-Dozier-Holland-Team.

nmz-Online: Ihre größten Hits werden seit Jahrzehnten im Radio gespielt. Haben Sie eine Erklärung für die Zeitlosigkeit der Musik von Bacharach-David-Warwick?

Warwick: Das hat zuerst einmal etwas mit den eingängigen, aber nie simplen Melodien von Burt Bacharach und den Lyrics von Hal David zu tun. Hal hat Songtexte geschrieben, die ganz viele Menschen ansprechen – egal welchen Alters, welcher Hautfarbe oder welchen Glaubens. Außerdem kann ich immer wieder erleben, wie diese Songs von einer Generation auf die nächste weiter gereicht werden. Viele Fans, die mich schon in den 60er Jahren unterstützten, konnten auch ihre Kinder für unsere Songs begeistern. Vielleicht geht das immer so weiter. Dann wären diese Songs wirklich unsterblich.

nmz-Online: Sie haben mehrfach gesagt Ihr Lieblingssong von Burt Bacharach und Hal David sei „Windows of The World“. Weshalb?

Warwick: Weil ich die Message wunderbar finde: Hal David hat vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der Sorge, dass seine zwei Söhne dort hin müssten, einen wunderbaren Antikriegssong geschrieben. Keinen aggressiven oder lauten Protestsong, sondern die Aufforderung, die Herzen zu öffnen und eine Welt zu schaffen, wo wir alle in Frieden leben können. Leider ist der Song heute so aktuell wie damals.

nmz-Online: Von manchen Bacharach-Hal David-Songs gibt es unzählige Aufnahmen. Von „Alfie“ zum Beispiel. Wie kam das?

Warwick: Die Leute haben sich eben wie verrückt auf jeden neuen Song der beiden gestürzt. Mit den meisten Versionen hatten Burt und Hal überhaupt nichts zu tun. „Alfie“ war bereits 42 Mal aufgenommen wurden, als ich die 43te Version gesungen habe.

nmz-Online: Haben Sie die vielen anderen Versionen als Konkurrenz empfunden?

Warwick: Nein. Ich wusste ja, dass Burt und Hal ihre besten Songs für mich geschrieben haben. Und dass ich sie meistens auch als erste singen durfte. Im Übrigen ist es ein Kompliment, wenn andere die Songs covern, die man als Erste singen durfte.

nmz-Online: Als Cilla Black vor Ihnen mit „Anyone Who had A Heart“ in England einen Hit landete, haben Sie das allerdings nicht als Kompliment empfunden.

Warwick: Weil es nicht fair war, dass sie mich Note für Note kopiert und ihre Version dann auch noch vor meiner veröffentlicht hat.

nmz-Online: Sie sollen zu Ihr gesagt haben: „Wenn ich auf meiner nächsten Single niese, wirst Du es auch tun.“ Stimmt das?

Warwick: Ja, das habe ich gesagt. Und ich glaube, dass ich es auch wieder sagen würde. Auch wenn sie sich entschuldigt und versucht hat, mir alles zu erklären.

nmz-Online: Von „Walk On By“ gibt es eine deutsche Version: „Geh vorbei“. Können Sie sich an die Aufnahme erinnern?

Warwick: Natürlich. Schon deshalb, weil Marlene Dietrich mir den deutschen Text und die Aussprache beigebracht hat. Bacharach war in den 50er-Jahren ihr Bandleader. Ich habe sie 1963 in Frankreich kennen gelernt.

nmz-Online: War Marlene Dietrich denn eine gute Deutsch-Lehrerin?

Warwick: Ja, vor allem geduldig. Auch wenn man das meiner Aussprache leider nicht anhört.

nmz-Online: Man erkennt immerhin sofort, dass Sie es sind.

Warwick: Wirklich? Das wäre schön. Auf Deutsch habe ich den Song nie wieder gesungen - das war eine reine Studiosache.

nmz-Online: Apropos „Walk On By“: Im US-Wahlkampf haben viele Musiker für Obama gesungen und sich für ihn eingesetzt. Bei Ihnen war es umgekehrt: Obama hat für Sie „Walk On By“ gesungen.

Warwick: Ja, das war aber schon vor dem Präsidentschaftswahlkampf, in dem auch ich ihn unterstützt habe. Obama kam 2006 in meine frühere Highschool, um den Senator von New Jersey zu unterstützen. Als er mich im Publikum sah, fing er an „Walk On By“ zu singen. Gar nicht schlecht übrigens. Irgendjemand hat das alles gefilmt und ins Netz gestellt.

nmz-Online: Sie haben Michael Jackson unterstützt – lange bevor ihn die Welt nach seinem Tod wieder verklärt hat.

Warwick: Wir waren Freunde. Ich kannte ihn seitdem ich ihn das erste Mal – da war er neun Jahre alt – erleben durfte. Wie die ganze Welt habe ich staunend verfolgt, wie aus dem Jungen ein neuer King of Pop wurde. Er war wunderbar. Ich vermisse ihn fürchterlich.

nmz-Online: Hatten Sie mitbekommen, dass sein Gesundheitszustand so schlecht war und er sich mit zweifelhaften Gestalten umgeben hat?

Warwick: Nein, von diesen Leuten wusste ich nichts. Das ist ja das Traurige an Michael Jacksons Tod: Dass ihm seine Freunde nicht helfen konnten, bevor es zu spät war.

nmz-Online: Haben Sie selbst schon mal an’s Aufhören gedacht?

Warwick: Nein. Ich bin glücklich, dass ich überall auf der Welt Fans habe. Ich werde singen, solange mich die Leute hören wollen.

Interview: Claus Lochbihler

Das für Freitag, 27.11. angekündigte Konzert im Münchner Herkulessaal wurde abgesagt.