Digitale und echte Konzerte: Leipzigs klassische Musik kommt wieder


(nmz) -
Seit Anfang Juni fährt der klassische Musikbetrieb auch in Leipzig hoch: Ein Konzert-Streifzug durch die Thomaskirche zum digitalen Bach-Marathon, ins Gewandhaus, zum Sommerfestival des Gewandhauses und zum Kultursommer Grünau: Es gibt Hygienekonzepte und es gibt Hygienekonzepte – jeder Veranstaltungsort entwickelt andere Schutzregeln. Am besten man ist für alles gerüstet: Atemschutz bzw. kein Atemschutz. Oder vielleicht doch die einfachste Lösung: Kein Publikum, kein Atemschutz und digitale Euphorie. Ein Bericht von Roland H. Dippel.
15.06.2020 - Von Roland H. Dippel

Die gute Nachricht aus der Musikstadt Leipzig: Dort spielt die klassische Musik wieder öffentlich. Die nicht ganz so gute Nachricht: Alle groß besetzten Tourismus-Magnete entfallen oder mussten – wie das zum Bach-Marathon verkürzte Bachfest – teils vorproduziert, teils mit physisch auftretenden und ohne Playback musizierenden Interpreten für die digitale Welt transformiert werden. Das hat immerhin einen Vorteil. Glaubt man den Angaben der Veranstalter, lässt sich in sozialen Netzwerken und Streaming-Plattformen mühelos ein Vielfaches jener Zuschauerzahlen generieren, die man bei zwangsläufig durch Sitzplatzzahlen limitierten Live-Ereignissen erreichen könnte. Außerdem werden die neuen digitalen Hybridgenres mit der Akkumulation von Musik, Didaktik, Promotion und Werbung zum berauschenden selbstreferentiellen Ereignis mit sekundärer Emotionsgarantie: So die am Karfreitag aus der Leipziger Thomaskirche live übertragene kleine Johannes-Passion mit nur drei Mitwirkenden und Choralquartett plus Orgel, die als Höhepunkt des zweiten Bach-Marathon-Tages am 14. Juni als fertiges Video vorgestellt wurde. Die „Extended Version“ inkludiert die beim Live-Stream zugespielten internationalen Beteiligungen von Profis und Laien und obendrein die Jubeltränen-Exaltationen der Rezipienten: Diese inszenierte Gleichzeitigkeit mit Entortung der interaktiven Ausführung nebst Zusatz ausgewählter Reaktionen ist das Tor zu einem neuen performativen Universum.

Inszenierte Gleichzeitigkeit mit Entortung

Denn alle Menschen an den Endgeräten werden jetzt durch die performativen Küsse der ganzen Facebook-Welt zu digitalen Brüdern. Doch dann folgen auf die sieben fetten Wochen des digitalen Homeoffice-Broadcast und der Zoom-Konzertkonferenzen die sieben mageren Wochen des Musikhochsommers: Begonnen in Leipzig mit einem Gershwin-Abend als besondere Initiative von Nora Lentner, Michael Raschle und Christoph-Johannes Eichhorn (Musikalische Komödie) mit folgender Entertainment-Reihe aller Sparten der Oper Leipzig in der hygienetechnisch unkomplizierten Ersatzspielstätte Westbad. Der „Ring“-Zyklus mit einem erwarteten Anteil auswärtiger Besucher von 75% entfällt, auch die im Umkreis von 300 km ersehnte „Frau ohne Schatten“. Im Wechsel der aus den eigenen Reihen besetzten Kammerkonzerte mit einstündigen Programmen hochkarätiger Gäste weicht man beim mit Eile gestrickten Sommerfestival in den für maximal 80 Hörer*innen präparierten Mendelssohn-Saal des Gewandhauses aus. Der Applaus ist stark, die Freude groß – zum Beispiel beim etwas über einstündigen Programm des rumänischen Jungstar-Pianisten Daniel Ciobanu am 13. Juni. Zugleich erlebt man in den nur auf jedem vierten Platz besetzten Reihen des Mendelssohn-Saals, was Analysen zutage bringen: Selbst wenn Angehörige der Pandemie-Risikogruppen fernbleiben, bilden Senior*innen die vielfache Mehrheit aus allen Altersgruppen, Frauen die vielfache Mehrheit vor anderen Geschlechtern.

Zwei Stunden später folgte der Livestream-Auftritt des iranischen Pianisten Mahan Esfahani für die digitale Bachfest-Community aus der leeren Weite der Thomaskirche vor etwa 15 Anwesenden (Technik, Leitung, Medien). Was in den digitalen Aufzeichnungen als intelligentes Entertainment ankommt, wirkt bei physischer Anwesenheit wie ein Stopper. Esfahanis Ausführungen über die Partiten Johann Sebastian Bachs und dessen geniale Synthese von pädagogischen und künstlerischen Zielen sind bereits im Abstand von wenigen Metern unverständlich, setzen lange Zäsuren zwischen sein Geist, Sinne und Herz bewegendes Spiel. Dagegen steigert das Erleben von Akustik, Atmosphäre und Aura nach den aufführungslosen Wochen das beglückende Hochgefühl derart, dass man nicht mehr in das digitale Milliardendorf der Smartphones und Screens zurück will. Zeitgleich veranstaltet der Verein Leipziger Notenspur mit Musiker*innen des Gewandhausorchesters 1:1 Konzerte, bei denen Raum-Besitzer und Interpreten auf Honorare und Einnahmen verzichten, was die Spenderfreude für den Nothilfefond der Deutschen Orchester-Stiftung bzw. an den Leipziger Kulturfallschirm, eine Initiative zur Hilfe gegen die Erwerbslosigkeit von Künstler*innen während der Pandemie, steigern soll.

Die Kontraste der digitalen Surrogate zum ‚echten‘ Erleben von Konzert und Musiktheater werden auch im Leipziger Musikleben größer. Das Konzert dieses Samstags mit der wahrscheinlich höchsten sozialen Relevanz gab es bereits am Nachmittag beim Grünauer Kultursommer, den Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke mit ihrem Grußwort eröffnete. Den durch ausgedehnte Hochhaus-Blocksiedlungen geprägten Stadtteil im Westen Leipzigs sucht das Bildungsbürgertum der Musikstadt allenfalls für die dort relativ kostengünstigen Eintrittskarten der Kino-Übertragungen aus der Met auf, meidet in der Regel Grünauer Ladenflächen und Seitenstraßen. Allerdings erstarkt dort an fünf Aufführungsorten, auf halber Strecke zwischen dem Trendquartier Leipziger Westen und dem Naherholungsstreifen des Kulkwitzer Sees, eine vitale Kulturszene.

Leipziger Kernaufgaben

Die Räume im Erdgeschoss des von Arthur Johlige 1916 erbauten Parkschlosses, heute auf dem Gelände der Robert-Koch-Klinik, soll ab 2021 umfänglich renoviert und zum Veranstaltungsmittelpunkt des von wirtschaftlichen Kontrasten geprägten Stadtteils werden. Das Gastspiel der achtköpfigen Hörner-Gruppe des Gewandhausorchesters wäre im regulären Konzert-, Opern- und Gastierbetrieb nur schwer möglich. In 45 Minuten erklangen Opernausschnitte von Wagner und Weber sowie exzellent intonierte „Lieder ohne Worte“ Mendelssohns – also Leipziger Kernaufgaben gekrönt durch die veredelte Wiedergabe von Puccinis Fußballhymne „Nessun dorma“. Wie aus großen Institutionen wurde live gestreamt, weil im Salon des Schlosses maximal 26 Hörer*innen Zutritt hatten. Danach Sekt und Konversation auf der Terrasse.

Neugier und Nachfrage

Noch liegt ein Schleier der Ungewissheit und Scheu über den Veranstaltungen. Neben den Pflichtverordnungen ist das Erleben von Musik bei begrenzter Teilnehmerzahl (und in der Startphase oft stark reduzierten Eintrittspreisen) auch ein enormes Privileg. Klassische Musik bei Hörergruppen, deren Zahl jener in Salonkonzerten vergangener Epochen nicht übersteigen, waren seit ewigen Zeiten nicht mehr so zahlreich. Tendenziell gibt also einiges zu denken: Neugier und Nachfrage für ‚echte‘ Konzerte in der realen Welt sind immens. Überblickt man jedoch die Angebote, erlebt man viel Wunschkonzert. Dabei wäre zwischen Lockerung und Neubeginn jetzt der richtige Zeitpunkt zum Schaffen von Anreizen und zum fordernden Entwurf von Frage- und Infragestellungen. Das sind nämlich genau jene Aufgaben und Funktionen, mit deren Relevanz Kulturakteur*innen ihre Existenzberechtigung definieren. Beherzt gemeisterte Va-banque-Mutproben wie die „Rheingold“-Produktion auf dem Parkdeck der Deutschen Oper Berlin sind noch rar, nicht nur in Leipzig.

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