Doppel-Spitze – Das Bayerische Staatsballet und seine Ballettfestwoche 2014


(nmz) -
Drei Choreographen, ein Stück, circa zehn musikalische Varianten von Piano solo bis Synthesizer, vom Sinfonieorchester bis zur Gitarre, ein Komponist, um die zehn Bearbeiter: Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky. Und eine unter dem Druck von Bachelor (BA) und Master (MA) stehende Compagnie, das Bayerische Staatsballett II (Junior Company).
15.04.2014 - Von Wolf Loeckle

Ivan Liska und Siegfried Mauser, Ballettdirektor und Rektor der Hochschule für Musik und Theater in München erläutern charmant und instruktiv im Lichtkegel vor dem geschlossenen großen Hauptvorhang die europäisch-künstlerische Qualifizierung der Ausbildung – im Gedenken an den allzu jung verstorbenen einzigartigen Prima-ballerino Heinz Bosl und an die unvergleichliche, im vergangenen Jahr gestorbene Konstanze Vernon. Ohne die beiden gäbe es nicht die Qualität der Ballettausbildung in München mit Internat und internationaler Ausrichtung, vernetzt mit der Musikhochschule. Und nicht die Ambition des Bayerischen Staatsballetts. Mit Welttourneen. Mit Weltruhm.

 Nachwuchspflege

Die Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung ist alle Jahre wieder Leistungsschau in die Qualität der Nachwuchspflege hinein. Und wer da am Sonntag um elf ins Nationaltheater strebt, erlebt ein anderes Publikum als sonst: Kinder, Jugendliche, Eltern, Großeltern. Eine entspannte Stimmung. Erwartung aufs märchenhafte Ereignis. Und das stellt sich dann auch ein. Auf Spitze – und in partiell spitzenmäßiger Ausprägung. Was da als Kostprobe geboten wird von der Neuerarbeitung des Triadischen Balletts im Geist von Oskar Schlemmer und in Neuauflage der Choreographie von Gerhard Bohner, als Gemeinschaftsprojekt mit der Akademie der Künste Berlin (wo die Produktion nach der Münchner Premiere Anfang Juni in der Reithalle auch zu sehen sein wird), das war tatsächlich außergewöhnlich. Ein Augenfest vor dem Fest.

Die Uraufführung der Bilder einer Ausstellung in einer Art Collage von drei Choreographen (Norbert Graf, Ayman Harper, Ivan Liska) erwies sich tänzerisch fulminant, ästhetisch durchaus wenig homogen oder gar kontrastreich. Das könnte der Mensch als Publikum sich wilder, wütender, ja wahnsinniger vorstellen. Insgesamt war das Programm freilich schon so gebaut, dass der Facettenreichtum des pädagogischen und kunst-wollenden Anspruchs nicht nur die Eltern der tanzenden Kinder zu mehr als freundlichem Applaus animierte anlässlich weiterer Arbeiten von Sebastian Gofin, Dmitri Sokolov-Katunin, David Russo oder Auguste Bournonville. Bunt durcheinander komponiert aus alten und neuen Konzepten. Was ja auch die Qualität der Kerncompagnie ausmacht.

Fluch und Fulminanz in einem

Oder auch das Problem. Denn dass das wirklich renommierte Bayerische Staatsballett „alt“ kann – und „neu“, das ist Fluch und Fulminanz in einem. Klar, die Pflege der Tradition ist wichtig, sehr wichtig. Und das sollte nicht Sache der Russen alleine bleiben. Denn die Münchner machen das ja wirklich toll. Und die mach(t)en ja auch wirklich tolle Produktionen von modernen, lebenden, den Zeitgeist repräsentierenden Großchoreographen, von Maurice Béjart bis Jiry Kylián, von John Neumeier bis William Forsythe, wie sie alle heißen, die Großmeister, die aktuellen. Das ist schon auch zeitgeistprägend und imageträchtig. Aber eine Compagnie mit zeitgeist-und-imageprägender Führungspersönlichkeit hätte schon auch etwas.

In München wird weiterhin auf das sich bewährt habende Konzept gesetzt: Igor Zelensky, Spitzentänzer aus Russland mit weltweiter Vernetzung übernimmt als Nachfolger von Ivan Liska ab 2016 die Compagnie. Vorher gibt es – zum fünfundzwanzig-jährigen Bestehen ein regelrechtes und opulentes Tanzfest. Dass immer aber auch die Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts per se schon ein Fest ist, so über die Jahre hin, mit herausragenden Eigenproduktionen, mit Klasse-Gastspielen, daran sind die Münchner gewöhnt. Und manch Auswärtiger reist extra an. Was wie immer auch diesmal lohnend war. Gab es doch eine veritable Vision in Reinkultur zu sehen.

Die Umsetzung des Kandinsky-Konzepts Der Gelbe Klang. Eine tolle Idee. Mit (hier) mäßiger Bühnenwirksamkeit. Was da vor dem Hintergrund des „Jahrhunderts der Interdisziplinarität“ an Pappkartons und sonstigem, der Krabbelkiste Bildender Kunst der mittleren Vergangenheit nachgearbeitetem Material auf der Bühne herumgetragen und partiell hinter Pappkartons agierend eine geistige Dimension á la Kandinsky über das Geistige in der Kunst erzielen wollte, das konnte dem Anspruch nicht standhalten. Was der weltweit aktiv vernetzte Michael Simon da wollte, war zuviel. Davor bewahren auch nicht noch so weit gespannte intellektuelle Bandbreiten. Und auch die Musik von Frank Zappa nicht. Was gerade auch dem buhenden Publikum nicht verborgen geblieben war. Spiral Pass nach Musik von Mukul faszinierte tänzerisch und rhythmisch und bühnengestaltend im Zeitalter der Lichtreflektionen und Schattenspiele während das musikalisch mäßige Konzert für Violine und Orchester (1912) von Mason Bates (fulminant gespielt von David Schultheiß) von der musikalischen Substanz so wenig her gab, dass der Choreographie von Azure Barton kaum zwingendes einfiel, was der wirklichen Weltklasse des Bayerischen Staatsballetts zur Demonstration der prägenden Professionalität hätte verhelfen können.

Blieb der Gastspielknüller Sasha Waltz&Guests mit der wundervollen Purcell-Oper Dido & Aeneas (2005) in choreographisch rekonstruierter Gestalt. Die riesige Transparenzbadewanne zu Beginn als gar köstliches Symbol für Sinnlichkeit und ein Meer als kriegerische Transportunterlage gewissermaßen fürs exponieren der weiteren dramaturgischen Schritte blieb einziger szenischer Höhepunkt. Wobei gerade die Musik, einzigartig umgesetzt von Vocalconsort Berlin und Akademie für Alte Musik Berlin unter Christopher Moulds, packte und faszinierte. Die vom Grunde her wunderbare Idee, Tänzer und Sänger und Musiker choreographisch zu vernetzen, ineins miteinander zu setzen, brachte zwar Weltruhm. Der aber nicht verdeckt, dass beim eigentlichen deutschen Superstar in den Welten des Tanzes, der legendären Pina Bausch nämlich, zwar abgekupfert werden kann. Ohne dass dabei vor lauter Gefuchtele eigene Handschriften erkennbar werden würden.

Immerhin, die homogen das Geschehen komprimierenden und auflösenden Konstellationen ließen die Professionalität über die Rampe wirken. Es war also auch 2014 wieder eine Ballettfestwoche mit bewegenden Momenten, mit großer Kunst, voller Hoffnung. Und der Botschaft, dass Kunst nicht nur viel Arbeit macht – wie Karl Valentin meinte. Sondern schön ist. Und nicht immer nur von Anfang an die Problematiken der Weltgeschichte durchdeklinieren muss. Und dass auch die Hochkultur ihre wahrlich unbestrittenen Meriten hat. Nicht zuletzt die Freude der Kinder und der Jugendlichen lässt da den Griesgram hinter sich. Auf eine Neues also. Auf zum Tanzfest des Bayerischen Staatsballetts 2015.

Und: Abseits der Körperaktivitäten in Münchens Clubszene ist auch ein Bewusstsein dafür vorhanden, dass in der Stadt ein – vom Freistaat Bayern hoch subventioniertes – Weltklasseballett zu Hause ist. International und multikulturell, weltoffen, für jegliche künstlerische Aktion in Superprofi-Ausprägung bereit. Und zum Diskurs.

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