Dresden nach der Flut: „Der Fliegende Holländer“, am Uraufführungsort gestrandet


(nmz) -
Senta ist anders. Anders als andere Mädchen. Und anders als der geheimnisvolle Holländer. Zu diesem Fremden fühlt sie sich hingezogen, von allen anderen will sie sich abnabeln. Aber wahrscheinlich träumt sie das alles, träumt sogar sich selbst. Da sieht sie sich als kleines Mädchen, als junge Frau; zum Schluss ist die Vergangenheit ausgeträumt, sie blickt in eine ziellose Zukunft. „Senta“ hätte man diese Oper nennen sollen. Aber es ist „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner am Uraufführungsort Dresden.
20.06.2013 - Von Michael Ernst

Die Legende vom Fliegenden Holländer ist älter. Älter als die stürmische Überfahrt Richard Wagners und seiner Frau Minna von Pillau nach London. Der Meister, eben noch Kapellmeister in Riga, musste sich dort rasch aus dem Staub machen, weil seine Gläubiger ihm im Nacken saßen. Knapp vier Jahre später wurde daraus doch noch ein Erfolg, uraufgeführt am 2. Januar 1843 in Dresden. Die dortige Anstellung als Hofkapellmeister „auf Lebenszeit“ war eine Folge. Auch dort gab es ein jähes Ende und blieb nur die Flucht, um das Leben zu retten. Aber das ist eine noch andere Geschichte.

Inzwischen ist die zwölfte Inszenierung an der Semperoper herausgekommen. Sie trägt noch immer den altbekannten Titel, obwohl Regisseurin Florentine Klepper im Team mit Martina Segna (Bühne) und Anna Sofie Tuma (Kostüme) den Dreiakter so inszeniert hat, dass man ihn auch nach dem Namen der weiblichen Hauptrolle hätte nennen können. Die krude Geschichte um unerfüllte Sehnsucht und Liebe aus Sicht Sentas zu deuten, das hat es schon früher auf anderen Bühnen gegeben, auch in der Verfilmung von Joachim Herz (1964) war das schon so. Klepper geht ein paar Schritte weiter und erzählt eine neue Geschichte. Die Erlösungsoper gerät zum Versuch eines Emanzipationstheaters, zeigt alles aus der Sicht von Senta, die gedoppelt, ja verdreifacht auf der Bühne erscheint und das ganze Geschehen möglicherweise nur träumt. Wer genau hinschaut, muss ob der durcheinander geratenen Zeitebenen stutzen.

Das Eingangsbild könnte eine Szene aus „Tristan“ sein. Grünes Gestade, ein Steg und ein kieloben liegendes Boot. Im Vorspiel dann ein Hinweis auf „Parsifal“. Aber kein Schwan fällt vom Himmel, sondern ein schwarzer Rabe als böses Vorzeichen. Senta allerdings ist nicht Isolde, nicht tumber Tor, sie kommt zum Begräbnis des Vaters und erinnert die hier gelebte Kindheit. Da gab es die Mär vom Fliegenden Holländer, der auf die Weltmeere verdammt ist und nur von der ewigen Treue einer Frau erlöst werden kann. Das wäre etwas für Senta gewesen, die Kapitänstochter, die sich nicht gemein machen will mit all den Matrosenbräuten, die in dieser Inszenierung mal nicht am Spinnrad sitzen, sondern gebären, gebären, gebären.

Sogar ein biografischer Hinweis auf Richard Wagner und seine erste Frau, mit der er keine gemeinsamen Kinder hatte, taucht in dieser Szene kurz auf. Auf Totgeburt und Zwillingspärchen stößt das Bett dann jedoch noch weitere Kleinkinder in Serie aus. Und wenig später krabbelt Erik darunter hervor. Warum?

Sollte auch das der Fantasie Sentas entsprungen sein? Sie träumt viel und intensiv, ganz zum Verdruss von Jäger Erik, der sie so sehr begehrt. Gegen den Holländer hat dieser Bursche natürlich keinerlei Chance. Und doch „erwischt“ dieses Phantom das Kleinbürgerpaar miteinander – obwohl Senta nur an einstige Versprechen gemahnt wird – und zieht seine Konsequenzen daraus. Meist stürzt sich Senta abschließend von den Klippen, um Liebe und Treue bis in den Tod zu beweisen. Hier aber schnappt sie sich ihren Koffer und lässt die Vergangenheit hinter sich.

Wie dunkel die wirklich gewesen sein mag, deuten manche Momente mit einer Senta im Kleinmädchenalter an. Eine zarte Seele, die ihre frühkindlichen Schäden in rauer Seemannswelt sowie von bigotten Priestern erfährt – das ist ein zerstörerisches Korsett, in dem jeder vernünftige Mensch nach Ausbruch schreit.

Marjorie Owens spielt ihre Senta sehr glaubhaft und singt sie trotz einiger zu kraftvoll angegangener Passagen auch so. Vater Daland wird von Georg Zeppenfeld gegeben, stimmlich unanfechtbar und auch darstellerisch ein überzeugendes Original. In diese Welt würde Erik gern einheiraten wollen, aber der biedere Jagdmann bleibt außen vor. Will Hartmann hat dessen Partie kurzfristig übernommen und gestaltet sie absolut glaubhaft mit wohlklingender Stimme. Als Steuermann ragt Simeon Esper vokal heraus, wenn auch nicht immer ganz textverständlich.

Die Titelfigur erfüllt Markus Marquardt mit starker Präsenz, wofür er auch heftig gefeiert worden ist. Optisch und akustisch ist er eine Wucht, bleibt aber auch gut für Nuancen. Der Chor ist wie immer bestens präpariert, singt und spielt hingebungsvoll, auch das Wagner-Orchester unter Gastdirigent Constantin Trinks arbeitet sauber bis satt, ist aber fast durchweg ordentlich austariert und erweist sich als Sachwalter des wagnerschen Œuvres. Dieser „Holländer“ geht auch ohne großes Schiffskonstrukt, alle Szenen spielen auf festem Boden. Oder doch nur im Traum?

Termine: 28. Juni, 1. und 7. Juli, 28. und 31. August 2013, 17. und 24. Mai, 20. Juni, 2. Juli 2014

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